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Die Durchmischung der Städte ist ein Gebot der Stunde

Städtebau ist aktueller denn je. Das Zürcher Architekturbüro Ernst Niklaus Fausch praktiziert ihn erfolgreich – in Basel, Genf, Kloten und Wien.

Testplanung für ein Urban Entertainment Center in Basel: des Zürcher Architekturbüros Ernst Niklaus Fausch.
Testplanung für ein Urban Entertainment Center in Basel: des Zürcher Architekturbüros Ernst Niklaus Fausch.

Die Industrie stand am Anfang und Ende der Entwicklung. Sie war die Ursache für das Wachstum der europäischen Städte im 19. Jahrhundert, und ihr langsames Sterben verändert die Städte heute aufs Neue. Damals wie jetzt fordert die industrielle Dynamik den Städtebau heraus: Vor über hundert Jahren musste die expandierende Stadt auf der grünen Wiese organisiert werden, der zeitgenössische Städtebau befasst sich verstärkt mit Stadtumbau und -reparatur auf den Industriebrachen. Die Anforderungen sind komplexer; es verwundert deshalb nicht, dass Planer und Architekten ihre liebe Mühe haben mit dem «System Stadt», das sich mehr und mehr der Kontrolle entzieht.

Das Planungsgebiet genau kennen

Die Verunsicherung nimmt zu, beschleunigt vom Abbröckeln der Ideologien, die den Städtebau durch die beiden letzten Jahrhunderte treu begleitet haben. Umso mehr lässt der Erfolg des Zürcher Architekturbüros Ernst Niklaus Fausch (ENF) aufhorchen. Das Team um Bertram Ernst, Erich Niklaus und Ursina Fausch hat diesen Sommer den städtebaulichen Wettbewerb für das 44 Hektar grosse Gleisfeldareal des Wiener Nordwestbahnhofs gewonnen. Die Zürcher setzten sich gegen sieben österreichische und ein deutsches Team durch, darunter bekannte Namen wie Coop Himmelb(l)au und Sauerbruch Hutton. Wien war aber keineswegs der Anfang: Vor acht Jahren siegte ENF in einem internationalen Wettbewerb für ein ähnliches Bahnareal in Basel, das unter dem Namen Erlenmatt vor der Überbauung steht. In Genf liessen die Zürcher die Westschweizer Konkurrenz hinter sich, als es im letzten Jahr darum ging, das 230 Hektar grosse Gewerbegebiet Praille-Acacias-Vernets im Südwesten der Stadt neu zu planen. In der Region Zürich ist ENF mit der Zentrumsplanung in Kloten vertreten, wo Ende September in einer Volksabstimmung über den Baukredit für den Stadtplatz entschieden wird.

Offenbar machen Ernst, Niklaus und Fausch einiges richtiger als andere. An erster Stelle steht die vertiefte Beschäftigung mit dem Planungsgebiet; eigentlich eine Selbstverständlichkeit, ENF scheint sie jedoch ernster zu nehmen. «Die Auslober und Jurys der Wettbewerbe sind oft überrascht, wie gut wir das Planungsgebiet kennen», erklärt Ursina Fausch im Atelier von ENF im Stadtzürcher Kreis 4. Mit dem Velo fuhren die drei Architekten einen Tag lang durch die Genfer Quartiere Praille, Acacias und Vernets für die «kritische Lektüre der Umgebung», wie es im Fachjargon heisst. Die räumliche Struktur und das ureigene Wesen eines Areals erschliesse sich einem erst, so Bertram Ernst, wenn man «beide Flughöhen beherrsche», diejenige des Plans für die Übersicht und diejenige der Strasse für die Bedeutung des städtischen Raumes. Dass guter Städtebau im Aussenraum und nicht mit Architektur entschieden wird, ist zwar allgemein anerkannt, bei ENF hingegen ein zentrales Thema. Hinzu kommt das Augenmerk auf die Ränder, also jene Zonen, in denen umliegende Quartiere und das Planungsgebiet aufeinandertreffen.

Keine fixen Rezepte oder Vorbilder

Dass es dabei kein Rezept gibt, zeigen die unterschiedlichen Projekte des Büros. In Genf schlagen ENF eine massive Verdichtung mit Hochhäusern im Zentrum des Areals vor, um die Ränder vom Nutzungsdruck zu entlasten. Beim Nordwestbahnhof, der zwei Wiener Stadtquartiere aus der Gründerzeit trennt, sollen die Ränder möglichst verwischt werden. Über die Weiterführung der angrenzenden Strassenzüge wird die Verknüpfung hergestellt; die Mitte wird hier zu einem lang gestreckten Park, der wiederum mit anderen Grünräumen in der näheren Umgebung verbunden ist. Auf dem Güterbahnhofareal in Basel sind die Ränder von lauten Verkehrsachsen belegt, deshalb ist hier die Mitte für das Wohnen reserviert.

«Wir folgen weder einer fixen Idee von Städtebau und formalen Vorbildern», sagt Erich Niklaus, «noch erstreben wir eine Idealstadt.» Regeln brauche es dennoch, diese sollten aber nur die Kontinuität der Stadt sicherstellen und gleichzeitig deren Entwicklung nicht behindern. In Wien wird es drei Bauhöhen geben: 22 Meter entsprechen der üblichen städtischen Traufhöhe, 35 Meter sind für kleinere Hochhäuser innerhalb des Areals vorgesehen und 80 Meter für ein bis zwei Hochhäuser, die über das Gebiet hinaus eine Wirkung entfalten sollen. Ausserdem kommt in jedem Baufeld möglichst jede Nutzung vor. Die Planer nehmen damit endgültig Abschied von der nach Funktionen geteilten Stadt. Durchmischung ist das Gebot der Stunde.

Bei der Zentrumsplanung in Kloten unterzieht das Büro seinen eigenen Städtebau einem Praxistest und baut selbst nach dem gewonnenen städtebaulichen Wettbewerb. Zurzeit ist eine Überbauung mit 80 Wohnungen und Geschäften im Erdgeschoss im Bau, zwei längliche Bauten mit Klinkerfassaden und französischen Fenstern. «Im besten Sinne alltäglich», so Ursina Fausch, doch den Städtebau gebe es eben auch im Detail. So werden die Fensterleibungen mit Absicht sehr tief ausgeführt, um die Privatheit der Wohnungen im Gegensatz zum städtisch-öffentlichen Bereich hervorzuheben. Wichtiger Bestandteil der Klotener Planung ist ein neuer Stadtplatz, der das Manko an öffentlichem Raum in der Flughafenstadt etwas lindern soll. Das dazu gehörende Dach ist allerdings nicht unumstritten. Zur Bewährungsprobe kommt es Ende September, wenn die Klotener über das Dach abstimmen. Auch das gehört zum Städtebau, zumindest in seiner Schweizer Machart.

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