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Am seidenen Faden

Nick Mauss hat aus dem Geist des Manierismus in der Kunsthalle Basel eine Schau kuratiert.

Annette Hoffmann
Vorn: Georgia Sagri, «Deep Cut» (2018). Hinten: Ketty La Rocca, «Comma with 3 Dots» (1970). Foto: Philipp Hänger (Kunsthalle Basel)
Vorn: Georgia Sagri, «Deep Cut» (2018). Hinten: Ketty La Rocca, «Comma with 3 Dots» (1970). Foto: Philipp Hänger (Kunsthalle Basel)

Das Fabeltier hat hier ausgedient. Dennoch glaubt man zwischen all den Ranken, den Rosenblüten und Akeleien zumindest einen Drachenschweif auszumachen. Was hier im frühen 18. Jahrhundert gewebt wurde, folgt einer Ästhetik des Nicht-Normativen. Die damaligen Kunsthandwerker kombinierten Blau mit Orange, Grün und Rosa. Glaubt man, man hätte die Form einer plastisch gewirkten metallenen ­Brokat-Rocaille erfasst, entdeckt man daneben noch ein kleines abstraktes Muster.

Die Zeitspanne, in der diese Seidenstoffe entstanden, war kurz. Das eher nüchterne 19. Jahrhundert kündigte sich an, Muster, die wirkten, als wäre der Stoffdesigner betrunken gewesen, waren nicht mehr opportun. Man trennte die ­Kleidungsstücke auf und gab sie Kirchen, erzählt Kurator Nick Mauss auf seiner Führung durch die Kunsthalle Basel. Er selbst entdeckte in einer Ausstellung in Como diese sogenannten bizarren Seiden, die nun im Halbdunkel in Vitrinen neben- und übereinander lagern.

Sie sind nicht nur Pate für Nick Mauss’ Ausstellung «Bizarre Silks, Private Imaginings and Narrative Facts, Etc.», sie veranschaulichen auch eine Form des Synkretismus, der jede Freiheit erlaubt. Ausgehend von diesen Stoffen ist jede Veränderung des Formenkanons denkbar. Dass im Raum 3 das Video von Edward Owens’ «Private Imaginings and Narrative Facts» zu sehen ist, komplementiert nicht allein den Titel von Mauss’ Schau. Es zeigt, dass diese unkonventionelle Ästhetik einen gesellschaftspolitischen Aspekt hat. Der Experimentalfilmer Owens war gleichermassen für die queere und die afroamerikanische Community eine Leitfigur.

Malerische Effekte

Nimmt man also die bizarren Seiden als Blaupause der Ausstellung, läuft jeder Vorwurf, die Werke der 16 Künstlerinnen und Künstler seien allenfalls sehr ­locker miteinander verwoben, ins Leere. Ganz offensichtlich ist diese Schau eklektisch, sie umfasst Anton Perichs Video von Victor Hugo Rojas’ expliziter ­Zerstörung eines Warhol-Bildes wie Megan Francis Sullivans Bilder nach Cézanne. Insofern ist sie auch Ausdruck von Nick Mauss’ eigener Kunst, zu der das Kuratieren ebenso gehört wie die Keramik, der Tanz oder Installationen.

In der Kunsthalle ist er selbst lediglich mit einem Paravent vertreten, über dessen Leinwand sich Figuren ziehen. Im ersten Raum verweisen Stoff-Installationen von Rosemary Mayer bereits auf die Sinnlichkeit der bizarren Seiden. Mayer ­arrangierte mit farbigen Nylon- und Seidenstoffen Wandobjekte und Installationen, die wie autonom ­gewordene Gewandfalten, aber auch Vorhänge wirken. Ihre beiden Arbeiten sind nach antiken Herrscherinnen und Mythen­figuren benannt und beziehen sich durch das Changieren der übereinanderliegenden Stoffe auf malerische Effekte.

Mauss mag sich jenseits des Mainstreams bewegen und viele Arbeiten aus den 1960er- und 1970er-Jahren wieder zur Diskussion stellen, doch der eigentliche Anspruch ist weniger peripher. Bea Schlingelhoffs «Typeface ­Dedicated to and Named After ­Anne-Marie (Im Hof-)Piguet» steht am Anfang der Ausstellung. Die Schrift ist nach der Schweizerin Anne-Marie Im Hof-Piguet benannt, die während des Zweiten Weltkriegs Jüdinnen und Juden zur Flucht verhalf.

Auch der Saaltext ist in dieser Schrift gesetzt. Darüber hinaus ist die Typografie durch die plastischen Buchstaben und gedruckten Satzzeichen von Ketty La Rocca in der Kunsthalle Basel präsent. Die Ausstellung ist hier Text und Schrift geworden, die zum Download bereitsteht und die den Kunstraum verlassen kann. Ein Gedanke, wie gemacht, jeden Manieristen zu erfreuen.

Kunsthalle Basel, Steinenberg 7. Bis 26. 4., Sa, So 11–17 Uhr. Di, Mi, Fr 11–18 Uhr, Do 11–20.30 Uhr.

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