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Ach, wäre es nur immer so wie letzte Nacht

Die Basler Museen schreiben Defizite, machen Sorgen, haben Probleme – nur in der Museumsnacht, da glänzen sie.

Ein bisschen mehr Lebensgeschichte bitte: Im Museum der Kulturen könnte ich mir 3-D-Projektionen der Eingeborenen aus Papua-Guinea vorstellen.
Ein bisschen mehr Lebensgeschichte bitte: Im Museum der Kulturen könnte ich mir 3-D-Projektionen der Eingeborenen aus Papua-Guinea vorstellen.
Florian Bärtschiger

Wenn man den Basler oder die Baslerin später einmal als Ausstellungs­objekt in einem Museum wird betrachten können, dürfte auf dem Informationsschildchen unten links unter anderem zu lesen sein: «Merkwürdige Gattung des Homo sapiens. War am geselligsten, wenn er sich in kalten Winternächten in grossen Gruppen sammeln und durch die Strassen ziehen konnte.» Wenn man das zugehörige Virtual-Reality-Filmchen abspielt, hört man den Wettstein-Marsch, ein paar Fasnächtler und sieht kurz darauf auch Bilder von der Museumsnacht mit Menschenmassen.

An dieser Behauptung sind drei ­Sachen wichtig: a) Der Basler und die Baslerin sind interessant genug, dass sie es dereinst in ein Museum schaffen. b) In diesen Museen können die Ausstellungsobjekte animiert werden! c) Die Museumsnächte prägten sich ins kollektive Gedächtnis der Stadt ein.

Dieser kleine Ausflug in die Zukunft der alten Stadt am Rhein ist jedoch nicht bloss Schabernack. Am Tag nach der 20. Basler Museumsnacht gilt es festzustellen: einfach grossartig, comme toujours. Wie allewyl. Es ist ja schon erstaunlich, was die Basler alles so gesammelt haben in den letzten Jahrhunderten. Unglaublich schöne Gemälde von Weltklasse. Einmalige, ethnologische Kostbarkeiten. Längst ausgestorbene Tiere, römische Skulpturen, Fahrzeuge, neuerdings auch Tramzüge; oder anders gesagt: Drämmli, Drämmli, Drämmli.

Und es ist ja wirklich der Wahnsinn, wie viele Menschen aus nah und fern sich von der Museumsnacht anziehen lassen. Manch eines der Museen wäre froh, es würde auch an anderen Tagen so viel Aufmerksamkeit erregen wie in dieser speziellen Januarnacht.

Dieses Engagement, diesen bunten Strauss an Ideen für schnöde 24 Franken: Das wünschte man sich auch für die ganz normalen Tage

Was ist der Zauber? Sicher die Geselligkeit – siehe oben. Die spezielle Atmosphäre tut ihren Teil dazu (nicht umsonst hat Hollywood bereits drei Filme unter dem Titel «Nachts im Museum» ins Kino gebracht). Aber, pecunia non olet, reden wir mal übers Geld: 24 Franken kostet der Eintritt. Für alle unter 26 Jahren ist er gar gratis. Das heisst, für 24 Franken stehen einem während der Museumsnacht alle Basler Museen offen. Ob einen Giftmischerei, pardon, Pharmazie interessiert oder Cartoons, ob man ins neue Tram-Museum am Dreispitz will oder mit der Taschenlampe durchs Kunstmuseum irrt.

Kein Wunder, gibt es einen Run! Unter der Woche, an einem normalen Mittwoch zum Beispiel, kostet der Eintritt ins Kunstmuseum für Erwachsene ab 20 Jahren 26 Franken. Im Cartoon­museum 12, im Naturhistorischen Museum 14 Franken (für Sonderausstellung inklusive Dauerausstellung). Für die Museumsnacht lassen sich die Verantwortlichen zudem immer was ganz Spezielles einfallen: Man kann zusehen, wie ein Wolf (der vermutlich in Graubünden zufällig unter den Zug kam) ausgestopft wird, es gibt Taschenlampentouren, die Museums-Drämmli verkehren und so weiter und so fort.

Kleiner Einschub an dieser Stelle: Nur das Feuerwehrmuseum verzichtet leider darauf, gerade bei dieser speziellen Gelegenheit seine nigelnagelneu renovierte Dampfspritze, ein Prunkstück aus dem Jahr 1905, herumfahren zu lassen, obwohl das Ding wieder voll funktionsfähig ist. Wie kann man nur! Und wenn als Argument ins Feld geführt wird, beim Lützelhof sei es zu eng und zu gefährlich, dann denkt man sich halt im Vorfeld eine geeignete Route aus! Ende der Durchsage.

Dieses Engagement, diesen bunten Strauss an Ideen für schnöde 24 Franken: Das wünschte man sich auch für die ganz normalen Tage.

In Zeiten des digitalen Wandels tun auch die Museen gut daran, all das Tote so lebendig wie möglich zu präsentieren

Aber in der Museumsstadt Basel ist diese eine Nacht im Januar der absolute Höhepunkt. Und am Ende, wenn es um die Zahlen des Geschäftsjahres geht, bleibt dann ein Defizit. Keines der Häuser ist selbsttragend. Bei weitem nicht. Entweder springt der Staat ein und bügelt die Miesen aus, oder es ist ein grosser, potenter Träger wie etwa die Roche (Museum Tinguely), dem diese Rolle zufällt.

Doch in Zeiten des digitalen Wandels, in denen kein Stein mehr auf dem anderen bleibt, alles neu gedacht werden muss, tun auch die Museen gut daran, all das Tote, das in ihren Häusern herumsteht, so lebendig wie möglich zu präsentieren.

Die sensationellen Bildersammlungen des Kunstmuseums und der Fondation Beyeler werden vermutlich auch in zehn oder zwanzig Jahren nichts von ihrer magischen Anziehungskraft verloren haben. Sie seien ausgenommen. Aber für die anderen Sammlungen braucht es dringend ein anderes, ein moderneres Konzept.

Virtual Reality, Sound, aktive Einbindung der Besucherinnen und Besucher … Die technischen Möglichkeiten sind endlos, und es gilt sie lieber heute als morgen auszuschöpfen.

Was es zu vermeiden gilt: Dass es am Ende heisst, die Baslerinnen und Basler seien ausgestorben, weil sie vor lauter Langeweile erstarrten wie ihre Museen

Wenn das Staatsarchiv in absehbarer Zukunft an den Bahnhof St. Johann zügelt, kann es vielleicht endlich ein bisschen von all den Lebensgeschichten erzählen, die in seinen Akten schlummern, vielleicht mit Audio-Files, die man anklicken kann. Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven könnte als Vorbild dienen. Im Museum der Kulturen könnte ich mir 3-D-Projektionen der Eingeborenen aus Papua-Guinea vorstellen, im Historischen Museum eine Darstellung, wie die Stadtmauern bemannt wurden.

«You’re a dreamer!», würde man mir an dieser Stelle im Kulturdepartement wohl in bester Martullo-Blocher-­Manier vorwerfen. Man habe ja jetzt schon viel zu wenig Personal und zu wenig Geld. Dann braucht es halt endlich eine Strategie, die radikal andere Ansätze wählt. Einen Tagespass à la Museumsnacht. Oder gar Gratiseintritte wie in London. Vielleicht müsste man halt einfach die Museumsdirektoren machen lassen, ohne eine Departementsbremse.

Was es zu vermeiden gilt: Dass es am Ende heisst, die Baslerinnen und Basler seien ausgestorben, weil sie vor lauter Langeweile erstarrten wie ihre Museen, in denen sich immer mehr totes Material stapelte. Oder, wenn ich mir's recht überlege, auch diese dramatische Wende ist nicht auszuschliessen: Die Basler Museen müssen dichtmachen, weil sie nichts mehr zeigen können, da unauffindbar.

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