Wie es ist, auf der Strasse zu leben

Vier randständige Menschen aus Basel berichten in «Im Spiegel» hautnah aus ihrem Alltag.

Wenn sie sich bei Anna Tschannen die Haare schneiden lassen, gewähren die vom Leben Geplagten einen Blick in ihre Seele.

Wenn sie sich bei Anna Tschannen die Haare schneiden lassen, gewähren die vom Leben Geplagten einen Blick in ihre Seele.

Wir alle haben sie schon einmal auf der Strasse gesehen: Obdachlose. Doch wie haben wir reagiert? Konnten wir uns in sie einfühlen, oder haben wir kritisch den Blick abgewendet mit dem Hintergedanken «selber schuld»? Eine hastig gebildete Meinung und diverse Spekulationen reichen, um solche Menschen zu stigmatisieren.

Dinge sind aber oft anders, als sie aussehen. Und jeder Obdachlose hat seine eigene Geschichte. Dies zeigt der neue Dokumentarfilm von Matthias Affolter «Im Spiegel», der seit gestern bei uns in den Kinos zu sehen ist. Dem Regisseur gelingt es, in diesem Film die Perspektive zu wechseln und wahre Geschichten zu erzählen, indem er Obdachlosen aus Basel selbst das Wort gibt.

Genauer gesagt tut es Anna Tschannen. Die Co-Autorin und Coiffeuse bietet seit zwölf Jahren Haarschnitte für Menschen an, die von Armut betroffen sind, und sie hat dadurch viele Obdachlose kennengelernt. Mit der Zeit entstanden interessante Gespräche zwischen den Randständigen und der Coiffeuse. «Ich hatte den Wunsch, das, was ich wa?hrend der letzten Jahren beim Haareschneiden erlebt und geho?rt habe, weiterzuerza?hlen», sagte sie zu Regisseur Matthias Affolter.

«Im Spiegel» sehen sich nun diese Menschen, die sich auf Anna Tschannens Coiffeurstuhl setzen. Blicken unverblümt sich selbst und ihrem Leben entgegen. Und beginnen offen zu erzählen.

Vier Obdachlose

Im Film treten vier Obdachlose auf. Ausgangspunkt bleibt stets der Coiffeursalon von Anna Tschannen, wo sie sich jeweils kurz mit ihr austauschen. Schon bald verlassen ihre Erzählungen aber den Raum und führen zu vertrauten Orten wie etwa dem Barfi oder der Markthalle. Nun, so ganz vertraut scheinen diese Orte plötzlich nicht mehr. Schliesslich wird der Zuschauer zum Begleiter der Obdachlosen Markus, Arold, Urs und Lilian. Der Blick der Sicherheit und Geborgenheit schwindet, und man beginnt allmählich zu verstehen, was es wirklich bedeutet, kein Dach über den Kopf zu haben.

«Man ist allem und jedem ausgeliefert», bringt es Arold auf den Punkt, der seit neuneinhalb Jahren kein Zuhause hat. Markus übernachtet in den letzten Jahren in einer Notschlafstelle und erzählt, wie er nach seiner Trennung die Arbeit und dadurch seine Wohnung verloren hat: «Mir wurde der Boden unter den Füssen weggezogen.»

Gründe dafür, dass Menschen aus den Strukturen des Systems fallen und plötzlich am Rand der Gesellschaft leben, gibt es viele. Eindeutig sind sie jedoch nicht immer: Viele der Protagonisten haben eine traumatische Kindheit hinter sich, doch auch aufgrund einer fehlenden Familie oder eines unberechenbaren Ereignisses geraten einige immer tiefer in die Abwärtsspirale.

Leben im Verborgenen

Der Dokumentarfilm «Im Spiegel» zeigt die Dinge so, wie sie sind. Besonders empfehlens- und sehenswert ist er nicht nur wegen des gelungenen Perspektivenwechsels, sondern weil er Einblicke gewährt, die man sonst nie erhalten würde. Nicht umsonst heisst der Zusatztitel des Films nämlich «Vom Leben im Verborgenen». Indem der Regisseur Matthias Affolter sich von den Obdachlosen durch ihren Alltag führen lässt, wirken die Darstellungen spontan und realistisch.

Mit der Zeit beginnt der Zuschauer, diese Menschen für ihre Kraft zu bewundern statt sie zu bemitleiden. Trotz der Leiden zeigen sie ihre Bemühungen, wieder in die Mitte der Gesellschaft zu kommen, sowie Dankbarkeit für einfache Kleinigkeiten: Arold hat nach vielen Jahren eine kleine Wohnung gefunden. Urs hat ein Jahr für seine Reise nach Kamerun sein Einkommen vom Strassenmagazin «Surprise» zusammengespart – in Afrika will er arbeiten und einen Neuanfang wagen. Lilian enthüllt uns ihren Schlafplatz: eine Kirche. Sie ist gläubig, betet und holt sich bei Gott Hilfe. «Das Wertvollste, was man haben kann, ist einen Menschen an seiner Seite», sagt sie zu Anna Tschannen.

Ob sie jemanden finden wird? Das Ende des Films ist jedenfalls optimistisch.

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