Schwamm über den #MeToo-Skandal bei Literaturnobelpreis

Die Schwedische Akademie vergibt nach dem Skandaljahr 2018 heute zwei Preise. Warum das ein Fehler ist.

Das Nobelmuseum in Stockholm: Hier hat auch die Schwedische Akademie ihren Sitz, und hier werden die Nobelpreisträger bekannt gegeben. Foto: Tony Marshall (Getty Images)

Das Nobelmuseum in Stockholm: Hier hat auch die Schwedische Akademie ihren Sitz, und hier werden die Nobelpreisträger bekannt gegeben. Foto: Tony Marshall (Getty Images)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Heute Mittag 13 Uhr wird der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie in Stockholm bekannt geben, wer den Nobelpreis für Literatur erhalten wird. Eigentlich ein alljährliches Ritual, doch diesmal ist vieles anders. Mats Malm, erst ganz kurz im Amt, wird zwei Namen nennen, einen für 2019 und einen für 2018. Im vergangenen Jahr fiel die Vergabe aus, weil die Akademie durch einen Skandal und die anschliessende Selbstzerfleischung handlungs- und beschlussunfähig war.

Das war passiert: Katarina Frostenson, eines der 18 auf Lebenszeit gewählten Akademiemitglieder, betrieb zusammen mit ihrem Ehemann Jean-Claude Arnault einen privaten Kulturclub, der als Vorzimmer zur Literaturszene galt, und leitete Akademiegelder an diesen Club weiter. Über sie und ihren Mann sind auch mehrfach Vorabinformationen über Preisträger an die Öffentlichkeit geraten. Vor allem aber hat Arnault immer wieder Frauen belästigt und missbraucht. Wegen Vergewaltigung wurde er 2018 zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt und sitzt in Haft.

Die Missetaten des Paars wurden von Teilen der Akademie gedeckt, der Versuch der Aufklärung durch die damalige Sekretärin Sara Danius sabotiert. Mitglieder beschuldigten und beleidigten sich in aller Öffentlichkeit, es kam zu Austritten und Wiedereintritten.

Nobelstiftung setzte Druck auf: Sie könne der Akademie die Zuständigkeit entziehen.

Eigentlich hätte die Akademie, die immerhin seit 1786 besteht und seit 1901 die wichtigste Literaturauszeichnung der Welt vergibt, aufgelöst und neu konstituiert werden müssen. Das wagte nicht einmal der schwedische König, ihr «Schutzherr». Dafür setzte die Nobelstiftung in Oslo, die das Erbe Alfred Nobels verwaltet, Druck auf: Sie könne der Akademie die Zuständigkeit entziehen, wenn sich diese nicht radikal reformiere.

Reform – aber nur ein bisschen

Das tat sie immerhin ein bisschen. Katarina Frostenson verliess die Akademie, andere in den Skandal verwickelte Personen, vor allem Horace Engdahl, der «Buddy» Arnaults, blieben. Immerhin ist Engdahl nicht mehr Mitglied des Komitees, das die Auswahl des Preisträgers organisiert. Diesem Komitee gehören diesmal, auch das eine Neuerung, neben vier «Akademikern» auch fünf externe Mitglieder an.

Das macht Voraussagen noch schwieriger. Ob die Wahl auf die von Wettbüros hoch gehandelten Namen – die Kanadierin Anne Carson, Maryse Condé aus der Karibik, die Chinesin Can Xue oder gar Margaret Atwood – fällt, ist unabsehbar. Naheliegend ist die Vermutung, dass man ein Jahr nach dem Sexskandal den Akzent auf Frauen legt. Andere Spekulationen gehen dahin, mit dem Zweierticket kreativ umzugehen – ein bekannter Name, dazu ein exotischer.

Keine Preisentscheidung aber ist imstande, die Beschädigung der Autorität des Gremiums vergessen zu machen. Es hätte diese selbst in den Annalen markieren können, indem es den 2018er-Preis aus dem «annus horribilis» nicht vergibt. Das wäre die sauberere Lösung gewesen. So tut man, als sei nichts gewesen.

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