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Leute machen Kleider

Mode und Musik führen eine Liebesbeziehung, von der beide Seiten profitieren.

Die Künstler bringen ihre Berühmtheit, ihre loyale Fangemeinde und ihren verruchten Lebensstil in die Partnerschaft, die grossen Modelabels das Geld: Lady Gaga für Versace. Foto: Dukas
Die Künstler bringen ihre Berühmtheit, ihre loyale Fangemeinde und ihren verruchten Lebensstil in die Partnerschaft, die grossen Modelabels das Geld: Lady Gaga für Versace. Foto: Dukas

Curtis Harding hatte als Kind keinen ­besonders ausgeprägten Sinn für Mode. Seine Mutter, eine herumreisende Gospelsängerin aus Detroit, die ihren Sohn ab und zu auf der Bühne mitsingen liess, bestimmte seinen Geschmack: Sie nähte alle Kleider selbst. Von ferne bewunderte der Junge die ausgelassenen ­modischen Spielereien der anderen Musiker: die Extravaganz in den Outfits von Jimi Hendrix – Sonnenbrille und breitkrempige Fedora! –, Elton John und Patti LaBelle.

Heute hat der 35-jährige Harding einen entspannten Zugang zur Mode ­gefunden: «Ich versuche mich wie ein erwachsener Mann zu kleiden, trage ab und zu einen Anzug, sicher nichts, was nicht sitzt, und keine Sneakers, Käppis oder Shorts», sagt Harding, der für Ceelo Green als Backgroundsänger arbeitete und letztes Jahr sein erstes Soloalbum «Soul Power» herausbrachte: eine lebhafte Mischung aus Soul, Blues, Punk, Rock ’n’ Roll und Gospel. «Meine Musik ist wie mein Kleiderstil, querbeet», sagt Harding. Wenn er über Soul spricht, könnte er genauso gut traditionelle modische Handwerkskunst meinen: «Ich mag die Erfahrung, die dahintersteckt, und dass sie über die Jahrzehnte weitergegeben wurde.»

Curtis Harding im Saint Laurent Music Project. Video: YSL

Vor einem Jahr tauchte Hedi Slimane, der Chefdesigner von Saint Laurent, an einem Konzert von Curtis Harding in Orange County auf. Harding wusste ­damals noch nicht, dass Slimane einer der bekanntesten Modeschaffenden der Welt ist und eines der bekanntesten ­Labels überhaupt führt. Dass Slimane berühmt dafür ist, seine Kollektionen zu kleidgewordenen Pop- und Rockzitaten zu machen und damit die Verkäufe in ­rekordmässige Höhen treibt.

Sinn für das Kernige

Slimane jedenfalls verpflichtete Harding vom Fleck weg für seine Kampagne – kurze Zeit später erschien Curtis ­Harding in eine Fransenwildlederjacke gehüllt und mit Hut in der Hand auf den Kampagnenbildern des «Saint Laurent Music Project». Die Stimmung des Fotos fängt den aktuellen Siebzigerjahretrend perfekt ein. Hedi Slimane, der einen ausgeprägten Sinn für das Kernige und ein grosses Musikwissen hat, holte schon Marianne Faithfull, Keith Richards oder Kim Gordon als Werbegesichter vor die Kamera.

Er ist aber nicht der Einzige, der in den letzten Jahren Musiker verpflichtete: Kanye West lag (mit seiner Frau Kim Kardashian) für Balmain auf einem Luxusschlitten und designte eine Kollektion für Adidas – die in ihrer Avantgarde-Schlichtheit insgesamt allerdings zu ambitioniert und zu wenig neu war, um nachhaltig zu erfreuen. Popstar Rihanna darf als neue Kreativdirektorin von Puma sogar selbst mitdenken. Für H & M wurden Lana Del Rey oder aktuell die Sängerin Foxes eingespannt, Madonna, Rita Ora und Lady Gaga buchte man für Versace; Erykah Badu erschien in der Kampagne von ­Givenchy.

Musiker bringen eine grosse Authentizität mit sich – das macht sie so begehrenswert.

Zuletzt lancierte Marc Jacobs vor ein paar Tagen seine neue Kampagne für die Herbst/Winter-Saison. Auf den Bildern: der Red-Hot-Chili-Peppers-Frontmann Anthony Kiedis mit seinem Sohn Everly Bear. Die beiden folgen als Werbegesichter auf Popstar Miley Cyrus.

Ein Inzest

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Mode und Musik stets gegenseitig ins Rollen gebracht. Es ist eine Art inzes­tuöse Beziehung, denn im Kern sind sie sich gleich: Ihr Erfolg hängt zu einem grossen Teil von einem starken Image und einer coolen Aura ab. Auf der anderen Seite ergänzen sie sich perfekt: Popu­läre Musiker bringen ihre Berühmtheit, eine loyale Fangemeinde und den verruchten Lebensstil des Rock ’n’ Roll in die Partnerschaft, die grossen Modelabels das Geld (das Musiklabel fehlt). Und: Beide verströmen einen Glamour, von dem der andere profitieren kann.

Anthony Kiedis für Marc Jacobs.
Anthony Kiedis für Marc Jacobs.

Ab den Sechzigerjahren wurde diese Synergie zwischen Mode und Musik kommerzialisiert: Die legendäre Modevisionärin und «Vogue»-Chefin Diana Vreeland etwa war es, die das Beben in der damaligen Jugendkultur spürte und Musiker wie die Beatles und Mick Jagger mit grossen Porträts im Modemagazin unterbrachte. In den Siebzigerjahren traten David Bowies Ziggy-Stardust-Plateauschuhe eine regelrechte Plateauwelle los; in London kleideten Malcolm McLaren und Vivienne Westwood in ihrem Geschäft «Sex» die Sex Pistols oder Viv Albertine von The Slits ein, die später unter anderem die Punkbewegung stilmässig prägen sollten (Albertines grossartige Biografie, in der die Mode eine zentrale Rolle spielt, erscheint demnächst auf Deutsch). Es folgten ­Madonna, Run DMC, Kurt Cobain, deren Kleidung Generationen beeinflussten.

«Kimye» für Balmain.
«Kimye» für Balmain.

Heute sind es Protagonisten wie Rihanna und Kanye West, die fähig sind, Minitrends zu lancieren. Kaum lässt ­Rihanna die «Bucket Hat», das flache Stoffhütchen der Neunzigerjahre, wie­der­auf­erstehen oder führt Kanye West überlange, dünne Shirts spazieren, überspringen Accessoires und Kleider den gewohnten Weg via Modeschau und Günstigmodekette und sind schnell auf der Strasse präsent.

Followers sind unbezahlbar

Die modische Kraft der Musikerinnen und Musiker ist aber nicht in erster Linie visionärer Art; eher liegt sie in ihrer grossen Sichtbarkeit, einer Social-Media-Macht, die momentan die beste Währung ist, denn der Werbeeffekt ist unbezahlbar: Rihanna etwa hat 21 Millionen Instagram-Follower. Musikerinnen und Musiker beeinflussen die Mode daher nicht mehr, sie repräsentieren sie. Stilistische Ideen entwickeln sich schon lange nicht mehr zu eigenen Szenen, weil der Untergrund immer schneller kommerzialisiert wird.

Lana Del Rey für H&M.

Doch gerade auf Instagram, diesem so wenig authentischen Medium, ist die Zurschaustellung von Stil auch immer wieder mal ein Risiko: Als etwa die Rapperin Angel Haze für das amerikanische Label DKNY über den Laufsteg schritt und ihr entspannter Wollmütze-Shirt-Jeans-Look in der Folge immer ausgefeilter wurde, verlor sie viele Fans. «Falsch» sei sie geworden, hiess es empört in den Kommentarspalten auf Instagram oder einschlägigen Blogs.

«Die Leute merken sofort, ob man echt ist oder nicht.»

Curtis Harding

Musikern wie Curtis Harding, Künstlern also, denen es an Kanye-West-Weltruhm mangelt, bieten eine andere Art der Inspiration. Sie sind bodenständiger. Harding war unverbraucht, als Hedi Slimane ihn am Konzert in Orange County bat, sich von ihm fotografieren zu lassen. Als Künstler und Mann ist Curtis Harding «roh», ein Attribut, wofür Hedi Slimane seit je eine Nase hat und das er gekonnt und äusserst erfolgreich in seine Kollektionen verwebt. Er fängt sie ein, diese Aura der Coolness, und macht sie zu Mode. Das funktioniert deshalb so gut, weil er weiss, dass in seinem Metier Authentizität so begehrt ist wie kaum etwas anderes.

Kult der Echtheit

«Es gibt nur zwölf Noten», sagt Curtis Harding, «aber es geht darum, wie man sie spielt.» Genauso verhalte es sich mit der Mode, mit den klassischen, letztlich unspektakulären Elementen wie Jeans, T-Shirts und Lederjacken. Die würden auch alle tragen. Aber es komme eben drauf an, wie man sie trage. Und wer drinstecke. Von daher gesehen seien sich Musik und Mode gleich: «Die Leute merken sofort, ob man echt ist oder nicht.»

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