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11 Tipps für den digitalen Ausgang

Raves, Hauskonzerte, Lesungen: Was auf den Bühnen nicht mehr stattfinden darf, wird jetzt gestreamt. Eine Auswahl.

Voller Sound, leerer Saal: Die niederländische Band DeWolff erreichte ihr Publikum per Facebook. Foto: Epa
Voller Sound, leerer Saal: Die niederländische Band DeWolff erreichte ihr Publikum per Facebook. Foto: Epa

Von wegen Stillstand: Auch wenn sämtliche kulturellen Institutionen geschlossen sind, wird dennoch weiter gesungen, gespielt, gelesen. In den sozialen Medien häufen sich entsprechende Initiativen, regelmässige und einmalige, private und institutionalisierte, selbstgebastelte – und prominente. Gianna Nannini und Coldplay-Sänger Chris Martin haben Wohnzimmerkonzerte gegeben, andere Stars werden ihnen bestimmt folgen. Ein paar besonders lohnende Streaming-Angebote stellen wir hier vor.

1. Hauskonzerte mit Igor Levit

Er war mal wieder schnell, der Pianist und Social-Media-Aktivist Igor Levit. Bereits am letzten Donnerstag hat er sein erstes Twitter-Hauskonzert gegeben, in Socken. Über 291’000-mal ist die Aufnahme seither aufgerufen worden, auch bei den Folgekonzerten wachsen die Zahlen stündlich. Jeden Abend um 19 Uhr spielt @igorpianist – was immer zum Tag passt. Bisher passte zum Beispiel Frederic Rzewskis Variationszyklus «The People United Will Never Be Defeated». Oder Beethovens «Appassionata», die Levit mit so viel Energie spielte, dass manche Akzente den Boden beben und das Aufnahme-Handy hüpfen liessen. (suk)

2. Wohnzimmer-Raves

Die Disco ist leer, der DJ ist trotzdem da: So sieht es derzeit in China aus. Foto: PD
Die Disco ist leer, der DJ ist trotzdem da: So sieht es derzeit in China aus. Foto: PD

Als Corona im Reich der Mitte ausbrach, wurden die DJs arbeitslos, die Clubs kämpften ums Überleben. Flugs stellten sie sogenannte «Cloud Raves» auf die Beine – in Clubs werden DJ-Sets per Livestreaming übertragen, während die Clubbesucher zu Hause die Musik einschalten, kommentieren oder dazu tanzen können. Diese Online-Veranstaltungen sind unglaublich populär. In Europa passiert nun dasselbe; als Beispiel seien berühmte Berliner Clubs wie der «Tresor», «Kater Blau» oder die «Wilde Renate» genannt, die ihre Partys unter dem Hashtag #UnitedWeStream in die Wohnzimmer streamen. Bezahlen muss man dafür nichts, die Macher hoffen auf Spenden. (phz)

3. Kultureller Widerstand

«The fruit seller» von Vincenzo Campi. Foto: PD
«The fruit seller» von Vincenzo Campi. Foto: PD

Das Kunstmuseum von Brera in Italien zeigt unter dem Titel «Resistenza culturale» in einem kurzen Video, wie eine Mitarbeiterin des Departements Vermittlung im leeren Museum «The fruit seller» (1578-1581) von Vincenzo Campi erläutert. Bei dem Bild handelt es sich um einen der wichtigsten Vorläufer des Genres des Stilllebens. Inzwischen haben sich die Twitter-Einträge unter #museichiusimuseiaperti und #resistenzaculturale derart vervielfacht, dass man nun vom Sofa aus eine eigentliche Kunstreise durch Italien unternehmen kann. (hm)

4. «Apocalypso TV» von Patti Basler und Philippe Kuhn

Nachdem alle Aufführungen abgesagt wurden, ging sie als eine der ersten ins Netz: Patti Basler. Seit Sonntag spielt die Satirikerin einmal täglich ein kurzes Format namens «Apocalypso TV» auf ihrem Youtube-Kanal aus. Ein «Blocher-TV für Lernfähige» soll das sein. So zumindest der Musiker Philippe Kuhn, der Basler dabei begleitet. Vom «Home Office», das sich zu einem entspannten «Ohm-Office» wandeln soll, war darin schon mal die Rede. Oder von Alain Berset, der auf seinem Kopf ein umgekehrtes Skigebiet habe: «Unten weiss und oben kahl.» Na ja, wir befinden uns halt im Ausnahmezustand. Da lacht man über so einiges. (atob)

5. Virale Live-Literatur

Literatur geht viral – dank der «Glitter»-Crew. Foto: Facebook
Literatur geht viral – dank der «Glitter»-Crew. Foto: Facebook

«Viral – das Online-Literaturfestival in Zeiten der Quarantäne»: Ruckzuck stampften Schweizer Autorinnen und Autoren rund um das Magazin «Glitter» diese Lesereihe aus dem Boden, die jeweils abends live über Facebook übertragen wird. In der ersten Ausgabe am Montag gab es Auszüge aus Debutromanen, Gedichte, Snippets aus Texten, an denen verschiedene deutschsprachige Autorinnen und Autoren aktuell arbeiten. Sie lasen auf dem heimischen Sofa, vor dem Wäscheständer, neben einem heimeligen Kaminfeuer und hatten ab und an mit der Kamera zu kämpfen. Alles sehr sympathisch und kurzweilig. Das Programm soll bald erweitert werden. Geplant seien Kooperationen mit dem Literarischen Colloquium Berlin, den Sofa-Lesungen und der Schweizer Literaturzeitschrift «Narr», so Autor Donat Blum, einer der Initiatoren des Festivals. (ahl)

Am Mittwoch gibt es die nächsten Lesungen, die man über die «Glitter»-Facebook-Seite live mitverfolgen kann.

6. Professionell gefilmtes Theater

«Tyrannis» vom Staatstheater Kassel. Foto: nachtkritik.de
«Tyrannis» vom Staatstheater Kassel. Foto: nachtkritik.de

Auch das findige Gratis-Theaterportal nachtkritik.de – das seinerseits mit dem Wegfall der Premieren und der damit verbundenen Werbung kämpft – hat umgehend reagiert. Theater setzt ja auf den Livecharakter als ein ästhetisches Alleinstellungsmerkmal – aufs unwiederholbare, Atemzug um Atemzug «in echt» durchgespielte Gemeinschaftserlebnis. Jetzt wird das frühere Nischenprodukt Theater-Streaming plötzlich zur einzig möglichen Konsumform, und nachkritik.de offeriert regelmässig Stücke, die teils hochprofessionell abgefilmt wurden; sie sind im Durchschnitt 48 Stunden abrufbar. Aktuell ist es «Tyrannis» vom Staatstheater Kassel in der Regie von Ersan Mondtag aus dem Jahr 2015. Dazu gibts jeweils eine Menge Material, Kritiken, Infos zur Regie und die Möglichkeit zur Diskussion. Zudem stellt nachtkritik.de täglich einen Überblick über weitere kulturelle Streaming-Angebote zusammen, nicht nur zu Theater. Aus dem Theaterbereich empfiehlt es im Moment beispielsweise das Theater Luzern mit seiner 30-teiligen Serie «Taylor AG» über eine Welt, in der der Mensch ohne Arbeit zurechtkommen muss, und die tollen täglichen Streams des österreichischen Aktionstheater Ensembles. (ked)

7. Heimkino

«Ema y Gastón» lief eben noch im Kino – nun gibt es den Film im Trigon-Streaming. Foto: PD
«Ema y Gastón» lief eben noch im Kino – nun gibt es den Film im Trigon-Streaming. Foto: PD

Kinos zu, Festivals gestrichen, James Bond verschoben, doch Rettung naht! Kleinere Streamingplattformen reagieren schnell, der Trigon-Verleih etwa schaltet auf seinem Service filmingo.ch kurzerhand den berauschend poppigen Liebesfilm «Ema y Gastón» auf, der gerade noch im Kino lief – es wird darin befreiend getanzt, das kommt also gerade recht. Die Zürcher Kinos Riffraff und Houdini bieten auf cinefile.ch schon eine Weile ein kuratiertes Streamingprogramm an. Jetzt ist die Zeit, sich das genauer anzuschauen, zum Beispiel gibts dort «Portrait de la jeune fille en feu» zum Nachholen. Auch die Arthouse-Kinos und das Kultkino in Basel haben eigene Streaming-Angebote. Der Verleih Outside the Box bietet aktuell 50 Prozent Rabatt auf seinen Online-Katalog, im Angebot ist auch der Kinderfilm «Kommissar Gordon und Buffy». Und vom Filmfestival Freiburg, das seine 34. Ausgabe (20. bis 28.3.) absagen musste, werden gewisse Wettbewerbsbeiträge nach und nach digital verfügbar, zum Beispiel «You Will Die at 20» aus dem Sudan (ab 20. März). (blu)

8. Hölderlin und Co.

Sechs Stunden lang dauert die digitale Lesung von Friedrich Hölderlins Roman «Hyperion». Foto: Keystone
Sechs Stunden lang dauert die digitale Lesung von Friedrich Hölderlins Roman «Hyperion». Foto: Keystone

Das Literaturhaus Berlin streamt Veranstaltungen, die wegen des Coronavirus ohne Publikum stattfinden müssen. Etwa am Mittwoch, 18. März, ab 12.30 Uhr «Kunst und Verbrechen»; da sprechen die Autoren Stefan Koldehoff und Tobias Timm über ihr Buch, in dem es um die verwickelten Zusammenhänge von Kunst und Kriminalität geht: Vom kürzlich erfolgten Einbruch ins Grüne Gewölbe in Dresden über andere berühmte Diebstähle, aber auch Fälschungen und Steuerbetrug. Am selben Tag ab 14 Uhr gibt es einen virtuellen Rundgang durch die Ausstellung «Leserinnen» der Künstlerin Karoline Kroiss. Der Freitag, 20. März, ist Friedrich Hölderlin gewidmet, dem Jubilar des Jahres 2020. Ab 12 Uhr sind Hörspiele über Hölderlin zu hören, und von 14 bis 20 Uhr wird der komplette Roman «Hyperion» gelesen, unter anderem von Nico Bleutge, Nora Bossong, Ulrike Draesner und Durs Grünbein. Weitere Veranstaltungen folgen; verfolgen kann man sie hier. (ebl)

9. Virtuelle Museumstour

Das New Yorker Guggenheim Museum lässt sich auch digital erkunden. Foto: Keystone
Das New Yorker Guggenheim Museum lässt sich auch digital erkunden. Foto: Keystone

Das weltumspannende Netzwerk von Google Arts and Culture präsentiert mehr als 1200 Museen. Die Schweizer Museen sind nur lückenhaft vertreten. So kann man die Fondation Beyeler und das Kunsthaus Zürich auf der Plattform besuchen, die hier mit Museumstouren und den Highlights ihrer Sammlungen präsent sind. Museumstouren kann man mit Google Art and Culture auch im British Museum London und im Guggenheim Museum in New York machen. Die National Gallery of Art in Washington ist ebenso mit von der Partie wie das Musée d’Orsay in Paris. Auch wer sich nach dem Rijksmuseum in Amsterdam oder den Uffizien in Florenz sehnt, kann bei einer virtuellen Tour diese Museen erleben. Neben Museumstouren gibt es auch thematische Artikel auf Google Arts and Culture, die zwar einen Museumsbesuch nicht ersetzen können, aber doch interessante Einsichten vermitteln. (hm)

10. Der «Werther» aus Joyce DiDonatos Stube

Die «Werther»-Premiere in der New Yorker Met wurde abgesagt – also hat die Sopranistin Joyce DiDonato den Tenor Piotr Beczala, einen Pianisten und einen Harfenisten zu sich nach Hause eingeladen. 90 Minuten lang führten sie in ihrer Stube Ausschnitte aus Massenets Oper auf, mit kleinem Unterbruch, weil Instagram sie nach einer Stunde rauskickte. Was am Anfang wie ein leicht ironisches «als ob» wirkte, entwickelte bald erstaunliche emotionale Tiefe. Die Kommentare mit den weinenden Emojis kamen aus Italien, Bulgarien, Argentinien, Kuwait und so ziemlich dem ganzen Rest der Welt. Und auch wenn Piotr Beczalas Bemerkung, nächsten Sonntag mache man die «Tosca», als Witz gemeint war: Willkommen wäre eine Fortsetzung durchaus. (suk)

11. Literatur für Kinder: Jede Wohnung ein Lummerland

Lukas und seine Lokomotive Emma sind bereit. Foto: Minitheater Hannibal
Lukas und seine Lokomotive Emma sind bereit. Foto: Minitheater Hannibal

Ein blaues Tuch, eine umgekehrte Salatschüssel, zwei Knetberge obendrauf: Fertig ist Lummerland. Bald lassen Andrea Fischer Schulthess und Adrian Schulthess vom Minitheater Hannibal auch die Lokomotive herumkurven. Sie erzählen ab sofort jeden Abend ab 18 Uhr auf ihrer Facebook-Seite eine Episode aus «Jim Knopf» zum Hören, Schauen und Mitbasteln: Denn jede Wohnung kann zu Lummerland umfunktioniert werden. (ahl)

Und dann noch alles weitere ...

Die Streaming-Angebote werden in allen Kultursparten laufend ausgebaut. Einen Überblick findet man hier. Heute zum Beispiel liest Thomas Meyer auf der Site aus seinem neuen Buch.

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