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StadtjägerKraftprotz gegen Kraftprotz

Hinter der mythologischen Figur des «Stierbändigers» steht eine sagenhafte Geschichte über Seitensprünge, Wahnsinn, Hass und Totschlag.

Eine von zwölf Heldentaten des griechischen Helden Herakles: Die Bändigung des rasenden weissen Stiers auf Kreta.
Eine von zwölf Heldentaten des griechischen Helden Herakles: Die Bändigung des rasenden weissen Stiers auf Kreta.
Foto: Dominik Heitz

Es war für viele Bildhauer lange Zeit ein beliebtes Motiv: der Stierbändiger. Mit ihm liess sich der kraftstrotzende Körper des Mannes und des gehörnten Tiers hervorragend darstellen. In Basel finden wir den Stierbändiger über dem Haupteingang des Kunstmuseums. Ernst Suter (1904–1987) hat ihn 1941 in einem Relief festgehalten.

In der Darstellung des Menschen, der sich das Tier untertan macht, steckt allerdings mehr. In ihr verbirgt sich eine sagenhafte Geschichte über Seitensprünge, Wahnsinn, Hass und Totschlag. Im Zentrum steht kein Geringerer als der griechische Held Herakles. Gezeugt von Göttervater Zeus und geboren von Alkmene, hatte er übernatürliche Kräfte. Schuld daran war Zeus’ Gemahlin Hera: Ihre Halbschwester Athene hatte ihr das ausgesetzte Neugeborene untergeschoben, und ohne zu wissen, wer er war, säugte Hera ihn mit ihrer göttlichen Milch.

Hera verzieh Zeus den Seitensprung nie, und zeitlebens hegte sie auf Herakles einen Zorn, der sie einmal gar dazu trieb, den Verhassten für kurze Zeit mit Wahnsinn zu beschlagen. Die Folge davon war schrecklich: Gefangen in seinem Irrsinn, tötete Herakles seine Frau Megara und die drei Söhne.

Gefangen in seinem Irrsinn, tötete Herakles sein Frau Megara und die drei Söhne.

Als der Fluch von ihm abgefallen war, erkannte Herakles seine grausame Tat und fragte das Orakel von Delphi um Rat. Dessen Antwort: zwölf Jahre Arbeit im Dienste von König Eurystheus. In dieser Zeit hatte Herakles insgesamt zwölf «Arbeiten» zu erfüllen. Eine dieser Heldentaten war die Bändigung eines weissen Stiers. Meeresgott Poseidon hatte das Tier König Minos zukommen lassen, damit dieser es, ihm, dem Meeresgott, opfere. Doch das schöne Tier war dem König zu schade; er versteckte es und opferte ein anderes. Poseidon kam der Sache aber auf die Schliche, und zur Strafe liess er Minos’ Gemahlin Pasiphae in unsterbliche Liebe zu dem weissen Stier verfallen. Aus dieser Verbindung ging das Mischwesen Minotauros hervor.

Gleichzeitig belegte Poseidon den weissen Stier mit dem Fluch der Raserei, sodass das Tier auf Kreta grossen Schaden anrichtete. Als deshalb Herakles von Eurystheus den Auftrag erhielt, ihm den weissen Stier zu bringen, war Minos noch so froh, das rasende Tier loszuwerden. Und so kam es, dass der Kraftprotz Herakles den ebenso kräftigen Stier bändigte und ihn Eurystheus zeigte. Danach aber liess er das Tier sofort wieder frei. Fortan irrte dieses durch Sparta, Arkadien und hinterliess eine Spur der Verwüstung. Erst der legendäre König Theseus vermochte das Tier wieder zu bezwingen. Er führte es nach Athen, wo es dem Sonnengott Apollon geopfert wurde.

Die Geschichte des Herakles hat zahlreiche bildstarke Verästelungen. Eine davon sei hier noch erwähnt: Als Hera dem neugeborenen Herakles die Brust gab, saugte dieser so stark, dass er der Göttin Schmerzen zufügte und diese ihn deshalb von sich stiess. Dabei spritzte die Milch über den Himmel und bildete dort die Milchstrasse.

Über dem Haupteingang des Kunstmuseums findet sich der «Stierbändiger», von Ernst Suter 1941 als Relief in Stein gemeisselt.
Über dem Haupteingang des Kunstmuseums findet sich der «Stierbändiger», von Ernst Suter 1941 als Relief in Stein gemeisselt.
Foto: Dominik Heitz