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Lexikon der GegenwartKontrollsimulation

Über die Illusion der perfekten Planbarkeit im 21. Jahrhundert – oder was eine Geschirrspülmittel-Vergiftung auslösen kann.

Vor Kurzem ass ich aus Versehen ein Stück Geschirrspül-Tab. Meine Maschine ist eben ziemlich alt, spült nicht mehr so gut, und der Klumpen klebte an der Rückseite einer Gabel.

Es schmeckte absolut widerlich, so wie ich mir vorstelle, dass Schneckenkörner schmecken – und vor lauter Schreck schluckte ich den Brocken einfach hinunter. Ich holte sofort die Verpackung aus dem Schrank, erschrak beim Anblick eines Totenkopfs und las: Man soll «Erbrechen herbeiführen», wenn man von dem Zeug gegessen hat. Mein Puls raste, ich glaubte, ich hätte mich nun übelst vergiftet – also rief ich bei der Tox Info Suisse an (Nummer: 145!), und die wollten alles Mögliche von mir wissen: Marke, Menge, Gefühl auf der Zunge. Nach zehn Minuten riefen sie zurück und gaben Entwarnung: Das sei kein basisches Produkt und mein Körper werde das von selbst abbauen.

Im Nachhinein klingt das vermutlich übertrieben, aber ich dachte wirklich für einen kurzen Moment: Ich sterbe. Mein Hirn hält nämlich in jeder Lebenssituation die schlimmste Möglichkeit für die realistischste. Woher das kommt, weiss ich nicht. Aber es nervt. Als mich vor Kurzem zum Beispiel ein Strassenkätzchen in die Hand biss, das jemand aus den Ferien mitgebracht hatte, war ich überzeugt, nun Tollwut zu kriegen (Tipp: Nie «Symptome Tollwut» googeln). Zu Beginn der Pandemie bildete ich mir ein, eine unentdeckte Vorerkrankung zu haben. Und sogar wenn ich nur zu Hause sitze und lese, kommen mir Gedanken wie: Was, wenn ein erdnahes schwarzes Loch in den nächsten 24 Sekunden alles aufsaugt, was ich kenne?

Was ich damit sagen will, ist: Ich fühle mich dem Risiko – der inhärenten Lebensgefahr –, das mit dem Existieren einhergeht, immer noch völlig ausgeliefert. Vielleicht ist das eine Ausrede, aber manchmal denke ich: Mir wurden einfach nicht die richtigen Werkzeuge mitgegeben, um mit dieser grundlegenden Unsicherheit umzugehen. Schliesslich bin ich mit der Vorstellung aufgewachsen, dass im 21. Jahrhundert nie etwas schiefläuft: Geburtstermine werden «geschedult», krumme Nasen operiert, Krankheiten geheilt.

Mir wurde eingebläut, dass alles in meiner Hand liegt – mein Glück, meine Gesundheit, mein Erfolg –, aber je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass das überhaupt nicht stimmt und ich in einer Art Kontrollsimulation» lebe, wie der Psychiater René Bridler diese Illusion der perfekten Planbarkeit nennt. Das Blöde ist nur: Da ich seit jeher versuche, das Unvorhersehbare zu managen, schiebe ich jedes Mal Panik, wenn etwas passiert, was ich nicht einkalkuliert hatte. Und das macht mich total verletzlich.

Meine Grossmutter, die natürlich aus einer ganz anderen Zeit kommt als ich, sagt mir daher immer: «Nina, die hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, und je früher du lernst, dich damit zu arrangieren, desto besser wirst du leben.»

Nina Kunz ist Historikerin und Journalistin.