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Trump kämpft ums Überleben«Könnt ihr euch vorstellen, dass ich verliere?»

Der US-Präsident muss seinen demokratischen Rivalen auf der Zielgeraden abfangen. Im Lager von Donald Trump aber mehren sich Zweifel am Wahlsieg.

Das letzte Aufbäumen: Donald Trump bei seiner Wahlkampfveranstaltung in Janesville im US-Bundesstaat Wisconsin.
Das letzte Aufbäumen: Donald Trump bei seiner Wahlkampfveranstaltung in Janesville im US-Bundesstaat Wisconsin.
Foto: Scott P. Yates/AP/Keystone/17. Oktober 2020)

Knapp über zwei Wochen bleiben noch im amerikanischen Wahlkampf. Doch erstmals denkt Donald Trump laut darüber nach, dass er verlieren könnte und im Januar 2021 das Weisse Haus verlassen muss.

«Könnt ihr euch vorstellen, dass ich verliere?», fragte der Präsident seine Fans bei einer Wahlveranstaltung am Freitag in Macon in Georgia. «Was soll ich dann machen? Ich werde sagen, ‘Ich habe gegen den schlechtesten Kandidaten der Geschichte verloren’, gut fühle ich mich deshalb nicht», sagte Trump weiter. Vielleicht müsse er «das Land verlassen, ich weiss es nicht».

Noch könnte Trump nach einer beispiellosen Aufholjagd seinen demokratischen Herausforderer Joe Biden auf der Ziellinie abfangen. Aber mehr als 25 Millionen Amerikaner haben bereits gewählt, vor den Wahllokalen bilden sich lange Schlangen. Demokratische Strategen in Staaten wie North Carolina und Arizona berichten von enthusiastischen Wählern und träumen von einer Rekordwahlbeteiligung – traditionell ein Bonus für die Demokraten. Und sicherlich wurmte es den Präsidenten besonders, dass Biden bei den duellierenden Town Halls der beiden Kandidaten am Donnerstag die höhere Einschaltquote erzielte. (Lesen Sie auch unseren Kommentar: Keiner hat mehr Glück als Joe Biden).

Der rastlose Präsident

Trotzdem: Einige der Erhebungen, die dem Demokraten einen Sieg vorhersagen, könnten sich als falsch erweisen, zumal Prognosen in den Einzelstaaten als notorisch unzuverlässig gelten. Trumps Stab hofft überdies, in wahlentscheidenden Staaten wie Michigan und Wisconsin die verbliebenen Kontingente republikanischer Wähler zu mobilisieren: Evangelikale Christen und Amerikaner ohne Collegeabschluss, die selten oder nie zur Wahl gegangen sind. Man macht sich Mut: Laut internen Umfragen sei es «mathematisch unmöglich für Biden, diese Wahl zu gewinnen», behauptet etwa Trumps Ex-Wahlkampfmanager Corey Lewandowski.

Rastlos jettet der Präsident unterdessen von einem Rollfeld zum nächsten, oft landet er dabei in Bundesstaaten, die er 2016 mühelos erobert hatte. Jetzt wanken sie wie beispielsweise Georgia oder Arizona. Am Samstag flog Trump nach Michigan und Wisconsin, wo er 2016 knapp gewonnen hatte. Unermüdlich wirbt er dabei um Wählersegmente, die ihm zusehends den Rücken gekehrt haben: Frauen aus den Vorstädten («Bitte mögt mich!») sowie Senioren, die Trumps inkompetentes Management der Coronavirus-Pandemie verschreckt hat. «Auch ich bin ein Senior», empfahl sich ihnen der Präsident neulich. Die Pandemie aber verfolgt ihn, erneut droht sie ausser Kontrolle zu geraten.

Fatalismus macht sich breit

Trumps Stab blickt jedenfalls mit Sorge auf die kommenden zwei Wochen. Fatalismus macht sich breit. Von Wahlkampfmanager Bill Stepien wird gesagt, er habe sich mit einer Niederlage abgefunden. In Medienberichten werden republikanische Strategen zitiert, die nicht sonderlich optimistisch sind. Ein Indiz für die prekäre Lage sind die Absetzbewegungen republikanischer Granden, die Trump durch das Auf und Ab der vergangenen vier Jahre die Treue hielten und ihn auch dann nicht kritisierten, wenn sie es hätten tun sollen.

So wurden am Mittwoch Äusserungen des republikanischen Senators Ben Sasse (Nebraska) bekannt, die wenig schmeichelhaft für den Präsidenten waren. «Man wird sich fragen ‘Warum zur Hölle haben wir alle gedacht, dass es eine gute Idee ist, dem amerikanischen Volk einen TV-besessenen Narzissten anzudrehen’?», sagte Sasse bei einer Telefonschaltung mit Wählern. Trump küsse Autokraten «den Hintern», mache sich hinter verschlossenen Türen über seine evangelikalen Wähler lustig und habe die Pandemie als eine «Public Relations-Krise» behandelt. Für den Präsidenten in den Wahlkampf zu ziehen, lehnt Sasse ab.

«Grenzenlose Unehrlichkeit»

Obendrein wurde am Freitag kolportiert, Trumps Ex-Stabschef John Kelly habe den Präsidenten im Freundeskreis als «fehlerhaftesten Menschen» bezeichnet, dem er jemals begegnet sei. Das Ausmass seiner «Unehrlichkeit» sei grenzenlos, so der ehemalige Marineinfanteristen-General über Trump.

Dem Präsidenten sind derlei Urteile inzwischen wohl gleichgültig: Er kämpft um sein politisches Überleben. Entscheidend ist jetzt lediglich die Zahl ihm treu ergebener Wähler, die er zum Urnengang antreiben kann.

101 Kommentare
    Chris Brenner

    Ich kann nur dem Orangen seinen Spruch wiederholen: Sperrt ihn ein! Jetzt spekuliert er schon, dass bei seiner Abwahl er sich ins Ausland absetzen könnte. Er weiss warum. Die Airforce One kann er dazu nicht mehr benutzen.