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Interview mit WHO-Europa-Direktor«Es darf nicht sein, dass alte Menschen dann aus Einsamkeit sterben»

Hans Kluge über Fehler im Umgang mit dem Coronavirus, weshalb Europa so hart getroffen wurde und wieso er Lockdowns für den falschen Weg hält.

Eine Seniorin telefoniert durch eine Scheibe mit ihrer Tochter. Aufgrund des Coronavirus wird direkter Kontakt vermieden, was die ältere Bevölkerung aber oft vereinsamen lässt.
Eine Seniorin telefoniert durch eine Scheibe mit ihrer Tochter. Aufgrund des Coronavirus wird direkter Kontakt vermieden, was die ältere Bevölkerung aber oft vereinsamen lässt.
KEYSTONE

Herr Kluge, Europa wurde schon früh und hart von Covid-19 getroffen. Was wissen wir heute über die Gründe?

Es ist zu früh für genaue Schlussfolgerungen, aber wir denken, dass es im Wesentlichen diese Punkte sind: In Europa leben zwei Drittel der Menschen in urbanen Räumen. Viele von ihnen sind nicht daran gewöhnt, Distanz zu halten. Und sie haben anders als asiatische Staaten nicht sehr viel Erfahrung mit grösseren Epidemien und Pandemien. Europa hat zudem eine relativ alte und damit besonders gefährdete Bevölkerung. Schliesslich gibt es in Europa mehrere Verkehrsdrehscheiben, über die das Virus eintreffen konnte.

Momentan sieht die Lage in Europa besser aus. Fürchten Sie eine zweite Welle?

Aktuell sind wir noch mitten in der ersten Welle. Zwar fallen die Zahlen in vielen europäischen Ländern, aber nur als Ergebnis sehr strenger Schutzmassnahmen. Das Virus ist noch da. An den Ausbrüchen in Fleischfabriken haben wir gesehen, wie schnell es sich wieder ausbreiten kann, wenn die Massnahmen nicht strikt eingehalten werden. Es hängt also derzeit alles vom Vorgehen der Regierungen und dem Verhalten der Menschen ab.

Wenn Solidarität nicht von Herzen kommt, dann sollte sie wenigstens vom Hirn kommen.

Was haben Sie in den sechs Monaten über die Pandemie gelernt?

Erstens: Kein Gesundheitssystem war vorbereitet. Es muss künftig einen Krisenmechanismus geben, in den man sofort umschalten kann. So etwas muss man in Friedenszeiten aufbauen, wie ich es nenne, denn was wir in Italien und Spanien erlebt haben, kann man mit Kriegszeiten vergleichen. Zweitens: Die internationale Solidarität war zumindest am Anfang alles andere als ideal. Als die Länder beispielsweise bemerkten, dass sie nicht genügend Schutzausrüstung hatten, setzte der Reflex ein, zunächst sich selbst zu helfen. Ich kann das auch verstehen. Doch letztlich ist niemand sicher, solange nicht alle um ihn herum ebenfalls sicher sind. Daher gilt: Wenn Solidarität nicht von Herzen kommt, dann sollte sie wenigstens vom Hirn kommen.

Und drittens?

Es sollte keine Debatte um Gesundheit versus Ökonomie geben. Es ist möglich, Covid-19 im Land zu haben und trotzdem Wirtschaft und Bildung aufrechtzuerhalten. Es darf nicht sein, dass wir alte Menschen vor Covid-19 abschirmen und sie dann aus Einsamkeit sterben. Oder dass Menschen an Krebs sterben, weil die Vorsorge unterbrochen wurde. Oder dass Menschen mit Lerndefiziten zurückbleiben.

Prominente Vertreter der Europäischen Union gedenken Mitte Juli in Madrid der Opfer von Covid-19: Josep Borrell, EU-Aussenbeauftragter; David Sassoli, Präsident des Europäischen Parlaments; Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission; Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO.
Prominente Vertreter der Europäischen Union gedenken Mitte Juli in Madrid der Opfer von Covid-19: Josep Borrell, EU-Aussenbeauftragter; David Sassoli, Präsident des Europäischen Parlaments; Ursula von der Leyen, Präsidentin der EU-Kommission; Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO.
Foto: Getty Images

WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte kürzlich, die Pandemie habe das Beste und das Schlechteste in den Menschen hervorgebracht. Was war das Beste und das Schlechteste in Europa?

Ich bin ein Optimist, lassen Sie mich mit dem Besten anfangen. Das war das Engagement der Menschen im Gesundheitswesen und aller, die das gemeinschaftliche Leben aufrechterhalten haben. Ausserdem die Schnelligkeit, mit der Forschung an Medikamenten und Impfstoffen begonnen wurde, die Zusammenarbeit über viele Grenzen hinweg – auch zwischen öffentlichem und privatem Sektor. Das habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt.

Und das Schlechteste?

Da sind zum einen die vielen Falschmeldungen, ähnlich dem Unsinn, der über Impfungen verbreitet wird. Eine Minderheit der Menschen glaubt ausserdem, dass Covid nicht ihr Problem sei, und gefährdet damit andere. Ich denke zum Beispiel an Menschen, die Partys ohne Schutzmassnahmen veranstalten. Traurigerweise wurden die Realitäten der Pandemie aber teils auch auf nationaler Ebene zu spät anerkannt.

Soeben haben die USA ihren Rückzug aus der WHO angekündigt. Wie stark schädigt das die Organisation?

Die USA haben in der Vergangenheit viel für die globale Gesundheit geleistet und viele Leben gerettet. Der Verlust wird gross sein, wahrscheinlich gar nicht so sehr in finanzieller Hinsicht. Es geht um 239 Millionen Dollar für 2020 und 2021 – und einige andere Länder sind bereit einzuspringen. Worum ich mir mehr Sorgen mache, ist die Idee der globalen Partnerschaft und Solidarität. Die Pandemie ist noch nicht vorbei, vielleicht kommt das Schlimmste erst noch. Daher brauchen wir alle Staaten am Tisch. Jetzt ist absolut nicht der Moment, sich zurückzuziehen.

Die Geschwindigkeit dieser Pandemie macht es nötig, auf der Grundlage unvollständiger Evidenz Rat zu geben.

Die WHO ist zuletzt hart kritisiert worden, zum Beispiel warfen etliche Wissenschaftler ihr vor, die Übertragung durch Aerosole nicht ernst genug zu nehmen. Hinkt die Organisation der Wissenschaft hinterher?

Die WHO ist es gewohnt, Empfehlungen auf der Basis von Evidenz zu geben. Die Geschwindigkeit dieser Pandemie macht es jedoch nötig, auf der Grundlage unvollständiger Evidenz Rat zu geben. Das führt dazu, dass manche Empfehlungen mit der Zeit wieder angepasst werden. Die Menschen sagen dann: «Jetzt ändert die WHO schon wieder ihre Ansicht.»

Manche sagen auch, die WHO sei nicht schnell genug mit der Anpassung ihrer Empfehlungen . . .

Ja, wir müssen mutiger werden und Entscheidungen besser erklären. Wir müssen vor allem das Vorsorgeprinzip stärker beachten. Wenn eine Massnahme zumindest nicht schadet – etwa eine Maske aufzusetzen –, dann sollten wir sie empfehlen, auch wenn die Evidenz noch nicht vollständig ist. Wir müssen dann allerdings klar kommunizieren, dass wir die Fakten noch nicht wirklich kennen. Bisher zögert die WHO zu lange. Aber eines muss ich auch sagen: Die WHO hat früh und oft vor der Gefahr gewarnt. Doktor Tedros hat den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen, als es ausserhalb Chinas noch nicht einmal 100 Fälle und keinen einzigen Todesfall gab.

Ich sage meinen Mitarbeitern immer: «Seid nicht defensiv.»

Was muss die WHO noch tun, um wieder mehr Vertrauen zu gewinnen?

Glauben Sie mir, darüber denke ich Tag und Nacht nach. Es wird ja eine unabhängige Evaluierung unserer Arbeit in der Pandemie geben. Die WHO muss diese selbstkritisch annehmen. Ich sage meinen Mitarbeitern immer: «Seid nicht defensiv.» Wir sollten ausserdem mehr Empfehlungen geben, die an den Kontext einzelner Länder angepasst sind, statt nur allgemeine Ratschläge an die gesamte Welt. Es sollte nicht immer alles nur von oben herab aus Genf kommen, sondern auch aus den Landes- und Regionalbüros der WHO. Wir sollten dafür sehr eng mit den Mitgliedsländern zusammenarbeiten.

Wie erleben Sie persönlich das Misstrauen gegenüber Ihrer Behörde und die Anschuldigungen?

Ich höre oft von Ärzten: «Warum kommen Sie nicht und sagen klipp und klar, was zu tun ist?» Doch das ist das grosse Missverständnis: Die WHO ist nicht der globale Inspektor. Wir sind eine Organisation, die von den Mitgliedern geformt wird und nur so stark ist, wie es diese erlauben. Wir arbeiten Tag und Nacht, viele Mitarbeiter sind von ihren Familien getrennt. Sogar unsere Feinde sagen: «Wenn es die WHO nicht gäbe, müsste man sie erschaffen.»