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Riehener Jahrbuch 2020Kaum noch Eis und Schnee

Die Ausgabe 2020 des Riehener Jahrbuchs erwähnt das sonst allgegenwärtige Thema Corona wider Erwarten nur am Rande. Stattdessen steht die Jahresrückschau ganz im Zeichen der Auswirkungen des Klimawandels auf Riehen.

Es wird auch in Riehen immer wärmer. Deshalb werden sich dort die Wälder und die Weinberge massiv verändern.
Es wird auch in Riehen immer wärmer. Deshalb werden sich dort die Wälder und die Weinberge massiv verändern.
Foto: zvg

«Wer auf das Jahr 2020 zurückblickt, kommt um Covid-19 nicht herum.» Mit dieser Feststellung leitet Rolf Spriessler das von ihm redigierte Jahrbuch «z’Rieche 2020» ein. Die Corona-Pandemie hat auch das Leben in der Landgemeinde nachhaltig geprägt. «Ausbildungsstätten und Geschäfte wurden während fast zweier Monate in einem sogenannten Lockdown geschlossen. Veranstaltungen abgesagt. Existenzen sind bedroht. Selbstverständlichkeiten hängen plötzlich in der Schwebe», so Spriessler.

Trotzdem steht die Pandemie nicht im Zentrum des 182 Seiten dicken Jahrbuchs. Das Phänomen Corona lasse sich zwar in seinen ersten Auswirkungen beschreiben, aber noch nicht abschliessend einordnen und beurteilen, so Spriessler. Deshalb ist unter dem Titel «Ein Virus stellt die Gesellschaft auf die Probe» gerade mal ein Kapitel der Jahreschronik der Corona-Krise gewidmet. Darin werden die Ereignisse seit jenem 27. Februar 2020 rekonstruiert, als bekannt wurde, dass sich die Mitarbeiterin einer Kindertagesstätte mit Covid-19 infiziert hatte. Es war dies einer der ersten bekannten Fälle in der Schweiz. Die Riehener Pandemie-Chronik endet im August 2020, als das Gemeindeparlament aus dem vorübergehenden Basler Exil in den mittlerweile nach BAG-Vorgaben Corona-gerecht eingerichteten Einwohnerratssaal in Riehen zurückkehrte.

Noch nie so heiss

Zwar konnte wegen der Corona-Pandemie die feierliche Vernissage der 60. Ausgabe der seit 1961 erscheinenden Riehener Jahres-Chronik nicht stattfinden. Trotzdem liegt der Fokus des Bandes nicht auf der Corona-Krise, sondern auf dem anderen grossen Thema unserer Tage, dem Klimawandel.

Dieses eigentlich globale Thema sei nicht zuletzt durch die Bewegung der Klimajugend auch sehr lokal geworden. Der Riehener Klimajugend und ihren Forderungen widmet Nathalie Reichel deshalb gleich zwei Artikel. Wie betroffen Riehen vom Klimawandel ist, zeigen Daniel Hernàndez und Gian-Kasper Plattner in ihrer Rekonstruktion des Riehener Wetters seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahre 1864. Die Veränderung ist markant. Noch nie in den letzten 150 Jahren war es in Riehen so warm wie heute. So etwa war der Juli 2020 der heisseste seit 156 Jahren. Mit nur 5,7 Millimeter Niederschlag fielen im Sommermonat in Riehen ganze sieben Prozent der durchschnittlichen Niederschlagsmenge der Jahre 1961 bis 1990.

Wärmeresistente Rebsorten und Bäume

Frost, Eis- und Schneedeckentage hätten in den letzten drei Jahrzehnten massiv abgenommen. «Meine Enkelkinder wissen fast nicht mehr, was Schnee ist», erzählt der Riehener Winzer Willy Rinklin im Interview mit Daniel Hernàndez. Rinklin hat sein ganzes Leben als Weinbauer am Riehener Hausberg Schlipf verbracht. Er spürt den Klimawandel. So etwa werde die Traubensorte Riesling-Sylvaner zu früh reif. Man weiche daher auf neue Sorten aus, die an höhere Temperaturen angepasst sind, wie etwa den Walliser «Diolinoir».

Was passiert während eines Jahres in der Basler Landgemeinde Riehen? Darauf gibt seit Seit 60 Jahren das Riehener Jahrbuch Antwort.
Was passiert während eines Jahres in der Basler Landgemeinde Riehen? Darauf gibt seit Seit 60 Jahren das Riehener Jahrbuch Antwort.
Foto: André Muelhaupt/Archiv Tamedia

Nicht nur in den Riehener Weinbergen, sondern auch im Riehener Wald macht sich die globale Erwärmung entsprechend bemerkbar. Luzius Fischer und Andreas Wyss entwerfen das Bild eines Walds der Zukunft, der sich durch neue Baumarten und einen anderen Aufbau vom gewohnten Waldbild unterscheiden wird. So etwa werde die Buche in den nächsten Jahrzehnten durch die Eiche ersetzt.

Französische Prinzessin in Riehen ausgetauscht

Nebst dem Klima gibt es im Jahrbuch auch noch andere Themen. In einem spannenden und ausführlichen historischen Artikel wird etwa daran erinnert, dass Riehen vor 225 Jahren Schauplatz eines international bedeutenden Gefangenenaustauschs war. Hier tauschte am 26. Dezember 1795 Österreich zwanzig prominente französische Kriegsgefangene gegen die in Frankreich festgehaltene Prinzessin Marie-Thérèse Charlotte de Bourbon aus, die älteste Tochter des französischen Königs Ludwig XVI. und seiner Frau Marie-Antoinette. Beide waren in Paris hingerichtet worden.

Die französische Prinzessin Marie-Thérèse-Charlotte wird 1795 in Riehen von der revolutionären Regierung Frankreichs gegen prominente französische Gefangene in österreichischen Händen ausgetauscht.
Die französische Prinzessin Marie-Thérèse-Charlotte wird 1795 in Riehen von der revolutionären Regierung Frankreichs gegen prominente französische Gefangene in österreichischen Händen ausgetauscht.
Foto: zvg

Der alljährliche Schreib- und Zeichenwettbewerb in den Riehener Kindergärten und Primarschulen fiel 2020 wegen Corona aus. Daher fehlen für einmal im diesjährigen Jahrbuch die farbenfrohen und fantasievollen Kreationen der Riehener Kinder. Trotzdem kommt das Jahrbuch überaus üppig und grossflächig illustriert sowie schön gestaltet daher. Bemerkenswert ist das mehrseitige Fotoessay von Ursula Sprecher, ebenfalls zum Thema Klima.

Die Jahres-Chronik erinnert des Weiteren an diverse Jubiläen. So würdigt BaZ-Redaktor Dominik Heitz die 40 Jahre alte Riehener Musikschule. Valentin Herzog hält Rückschau auf 40 Jahre Literaturinitiative «Arena», die zehn- bis zwölfmal Autorinnen und Autoren aus der Schweiz und dem Ausland nach Riehen bringt. Ausführlich gewürdigt werden auch die Riehener Kulturpreisträgerin Gabrielle Alioth und die Jugendriege des TV Riehen. Ergänzend bietet die Jahres-Chronik einen Überblick über das Geschehen in Riehen im vergangenen Jahr und präsentiert Persönlichkeiten, die Herausragendes geleistet haben, genauso wie eine Übersicht über Geburten, Jubilare und die Verstorbenen. Alles in allem ist das «Jahrbuch z’Rieche 2020» eine überaus anregende Lektüre, die einführt in das Geschehen in Riehen im bald vergangenen Jahr.

Klima. Jahrbuch z’Rieche 2020; Redaktion: Rolf Spriessler; Friedrich-Reinhardt-Verlag, Basel 2020.

1 Kommentar
    W. Bender

    Der Riehener Klimawandel ist wohl überwiegend der Wärmeinseleffekt von der Grossregion Basel, wie fast überall in dicht besiedeltem Gebiet. - Die besonders warmen Sommer zeigen allesamt überdurchschnittlich viele Sonnenstunden, was ja wirklich schön ist. Das kann man bei Meteo Suisse für viele Stationen nachschauen. - Wie sich das so mit den Schneehöhen in wärmeinselfreien Lagen der Alpen entwickelt, hat der Tiroler Skitourismus-Forscher Günther Aigner mit amtlichen Messdatenreihen sehr gründlich untersucht und in etlichen im Internet frei zugänglichen Berichten publiziert. Rentiert sich auf jeden Fall mal einige der Berichte anzusehen, wie geschrieben, alles amtliche Datenreihen aus insgesamt vier Alpenländern und die vom Hohenpeissenberg von der ältesten Bergstation der Welt.