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Antworten zur neuen Corona-MassnahmeJetzt auch Massentests in der Schweiz – verspricht das Erfolg?

Graubünden plant als erster Kanton flächendeckende Corona-Tests. China, die Slowakei und Österreich setzen bereits darauf. Ein Überblick.

Testen auf der grünen Wiese: Menschen warten in der slowakischen Hauptstadt Bratislava auf den Covid-19-Abstrich.
Testen auf der grünen Wiese: Menschen warten in der slowakischen Hauptstadt Bratislava auf den Covid-19-Abstrich.
Foto: Keystone, 31. Oktober 2020.

Als erster Kanton setzt nun Graubünden auf Massentests (zur Meldung), in der Medienmitteilung ist die Rede von «Flächentests». Im Rahmen eines Pilotprojekts werden zwischen 11. und 13. Dezember 2020 in den Regionen Maloja (Tourismusgrossregion), Bernina (hohe Fallzahlen) und Engiadina Bassa/Val Müstair die gesamte Bevölkerung auf freiwilliger Basis getestet. Mit diesem Pilotprojekt soll die Ausgangslage geschaffen werden, um bei Bedarf einen Flächentest über den ganzen Kanton durchzuführen.

Wie steht die Schweiz bisher zu Massentests?

Lange hat man in der Schweiz in Sachen Corona-Massentests grossmehrheitlich abgewinkt. Man sei nicht eingerichtet dafür, gezweifelt wurde auch am Sinn dieser Massnahme. «Eine ganze Bevölkerung zu testen, ist sehr teuer und erfordert eine grosse Organisation. Wir müssen nicht alle auf einmal testen, sondern wir müssen einfach mehr testen als jetzt», sagte die in der Schweiz forschende amerikanisch-britische Epidemiologin Emma Hodcroft im Interview.

Derweil wurden in China bereits vor Monaten Massentests in Millionen-Städten durchgeführt und als Teil der angeblich erfolgreichen Strategie gegen Corona proklamiert.

Der Begriff Massentest tauchte hierzulande bislang erst im Zusammenhang mit grossangelegten Tests bei Firmen (etwa ABB) oder Pflegeheimen auf. Vor zwei Wochen liess aber auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) durchblicken, dass man an Massentests interessiert sei.

In welchen Ländern wurden bereits Massentests durchgeführt?

China praktiziert die Massentests seit Monaten. Tauchen in einer Region oder Stadt mehrere Corona-Fälle auf, ruft der Staat die Bürger meist zu flächendeckenden Corona-Tests. So geschehen in Wuhan, dem wahrscheinlichen Ursprungsort des neuartigen Coronavirus, jüngst aber auch in der Metropole Qingdao im Nordosten des Landes. Zwölf neue Fälle verzeichnete die 9-Millionen-Metropole im Oktober, worauf innert fünf Tagen die ganze Bevölkerung getestet wurde.

Die Slowakei war Ende Oktober das erste europäische Land, das auf Massentests setzte. Dies, nachdem man zwischenzeitlich einen heftigen Virus-Ausbruch verzeichnete. Alle 5,5 Millionen Einwohner waren zum Corona-Abstrich aufgeboten.

Inzwischen scheinen immer mehr Länder und Regionen auf flächendeckende Tests zu setzen. So startet Österreich heute mit einem entsprechenden Programm. Die italienische Region Südtirol führte in der zweiten November-Hälfte einen Massentest durch. Das Ziel, dass damit zwei Drittel der 500’000 Einwohner erreicht werden, wurde geschafft.

Welchen Erfolg hats gebracht?

China proklamiert die Durchführung von Massentests als eine Massnahme eines ganzen Bündels im Kampf gegen Corona. Die Zahlen scheinen dem autoritär geführten Staat recht zu geben. Während vor allem die westliche Welt von Italien bis zur USA mit ständig neuen Ausbrüchen kämpft, sind die offiziellen Zahlen in China sehr tief.

Dass Massentests aber auch wirklich funktionieren können, zeigte der Fall Qingdao. Forscher schrieben im «New England Journal of Medicine», alle Bewohner der Metropole seien im Oktober nach einem Mini-Ausbruch auf Sars-CoV-2 getestet worden. In über 4000 Zentren wurden die Tests durchgeführt, neun weitere Infektionen konnten so aufgespürt werden. Der Mini-Ausbruch wurde offenbar ohne Lockdown unter Kontrolle gebracht.

Zum Test in der Slowakei liegt noch keine offizielle Bilanz vor. Klar ist, dass die Zahl der Ansteckungen seit Anfang November stark zurückging.

Einen unliebsamen Nebeneffekt hatte der Massentest in der Slowakei allerdings. Angesichts des Aufwands der millionenfachen Tests waren für eine anschliessende Kontaktverfolgung der positiv Getesteten keine Kapazitäten mehr übrig. Auch gab es trotz des Wissens um eine geringere Zuverlässigkeit der Antigen-Schnelltests keine Kontrolltests, wenn jemand positiv getestet wurde. Resultat: Inzwischen rückt die Slowakei schrittweise von ihrer Strategie landesweiter Corona-Massentests ab.

Beim Massentest im Südtirol wurden bei über 350’000 getesteten Bürgerinnen und Bürgern mehr als 3600 positive Fälle entdeckt. Den Infizierten wurde Quarantäne verordnet.

Werden die Menschen zum Test gezwungen?

In der Slowakei war die Teilnahme formell zwar freiwillig, doch wer keinen negativen Test vorweisen konnte, durfte anschliessend zwei Wochen nicht einmal mehr zur Arbeit gehen. Deshalb unterzogen sich allein in der ersten von mehreren Testrunden 3,6 Millionen der 5,5 Millionen Einwohner einem Antigen-Schnelltest.

Anders als in der Slowakei ist der Massentest in Österreich nicht mit Repressalien verbunden. Allerdings machten sich auch im Nachbarland politische Exponenten dafür stark, dass sich Personen bestimmter Berufsgruppen– etwa Lehrerinnen, Pfleger oder Polizisten – testen lassen.

Wie führt man massenhaft Tests in kurzer Zeit durch?

China setzt bei Massentests auf das sogenannte Pooling. Dabei werden entnommene Proben zu Gruppen von beispielsweise zehn bis zwanzig Proben zusammengefügt und als Ganzes untersucht. Schlägt der Corona-Test bei diesem Gemisch negativ aus, dann kann man davon ausgehen, dass auch die einzelnen Proben negativ sind. Der Vorteil: Man hat dafür nur einen Test statt zehn oder zwanzig verwendet. Ist das Resultat positiv, dann muss jede Person jeweils individuell getestet werden. In diesem Fall hat man einen Test «verschwendet».

Durch dieses Testverfahren lassen sich Zeit und Ressourcen sparen. Gleichzeitig können mehr Menschen getestet werden. Der Blutspendedienst des Roten Kreuzes in Frankfurt am Main hat sein eigenes Pooling-Verfahren entwickelt. Damit soll es möglich sein, die Anzahl von Corona-Untersuchungen landesweit von momentan 40’000 auf 200’000 bis 400’000 Tests pro Tag zu erhöhen, «ohne damit die hohe Qualität der Diagnostik zu reduzieren», wie das «Deutsche Ärzteblatt» schreibt.

Diese Methode eignet sich aber eher am Anfang einer pandemischen Ausbreitung, und nicht, wenn es schon fast zu spät ist. Dann nämlich sind bereits zu viele Personen potenziell infiziert, was beim Pooling zahlreiche Mehrfachtestungen zur Folge hätte.

* mit Material der Agentur Keystone-SDA

23 Kommentare
    Peter Siegrist

    Natürlich ist es für das getestete Individuum schlimm, wenn es einen falsch positiven Befund bekommt. Für die Allgemeinheit aber ist es viel schlimmer, wenn falsch negative Testresultate entstehen. Wenn die Sensitivität eines Tests, d.h. die Anzahl richtig positiver geteilt euch die Anzahl richtig positiver plus die Anzahl falsch negativer Tests mal hundert, bei ca. 95% liegt, wie bei den Anigentests üblich, fallen pro hundert Getestete 5 positive durch das Raster, sind also falsch negativ. Wenn man mit den negativen keinen zweiten Test macht, sind bei einem Massentest von 10’000 Personen also 500 falsch negativ. Das ist das Schlimme. Und das Dumme ist, dass bei der meist angestrebten Spezifität von 100%, also unter keinen Umständen falsch positive Resultate, die Sensitivität aus statistischen Gründen nicht ebenso hoch sein kann. Bei Massentests müssten also ALLE zweimal getestet werden, sonst macht es für die Allgemeinheit keinen Sinn, es schlüpfen zu viele Individuen durch die Maschen.