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Leitartikel zur MeinungsfreiheitJe suis immer noch Charlie – und Sie?

In Frankreich und Wien töteten Islamisten einen Lehrer, Passanten und Kirchenbesucher – wegen Karikaturen. Ein wichtiges Stück unserer Freiheit steht gerade wieder zur Debatte. Wir sollten aber in diesem Punkt keine Kompromisse eingehen.

Frankreich wurde nach dem Attentat auf die Zeichner von einer grossen Solidaritätswelle erfasst. Das ganze Land war Charlie und stellte sich hinter die Meinungsfreiheit und das Recht, solche Karikaturen zu veröffentlichen.
Frankreich wurde nach dem Attentat auf die Zeichner von einer grossen Solidaritätswelle erfasst. Das ganze Land war Charlie und stellte sich hinter die Meinungsfreiheit und das Recht, solche Karikaturen zu veröffentlichen.
Foto: Archiv Tamedia

Nach dem von islamischen Extremisten verübten Attentat auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» am 7. Januar 2015 druckten mehrere Zeitungen in Europa auf ihrer Titelseite den Slogan «Je suis Charlie» auf schwarzem Grund ab. Einerseits ging es darum, das Entsetzen über dieses abscheuliche Attentat zum Ausdruck zu bringen, andererseits um eine Geste des Mitgefühls mit den Opfern, ihren Familien und ganz Frankreich. Darüber hinaus ging es um ein unmissverständliches Einstehen für die Meinungsfreiheit als unverhandelbaren Eckpfeiler der Demokratie.

Europa war sich nach diesem Anschlag einig, dass es in einer freien, modernen und säkularisierten Welt auch möglich sein muss, Karikaturen über Mohammed zu publizieren. So wie über den Papst. Über Jesus. Über Priester oder Rabbis. Über Präsidenten und Politiker. «Charlie Hebdo» liess nach dem Attentat verlauten, dass es darum gehe, den Leuten klarzumachen, «wie wichtig und sogar notwendig Charlie für unsere Demokratie und die Freiheit der Meinungsäusserung» sei. Die Zeichner machen deshalb bis heute weiter, weil sie wissen, dass die Getöteten, Cabu, Charb, Honoré, Tignous und Wolinski, in Frankreich hohe Akzeptanz und Anerkennung geniessen.

Inzwischen haben Charlie-Zeichnungen erneut den Zorn der Muslime auf sich gezogen – und zudem jenen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Es kam zu Boykottaufrufen und Attentaten. Erdogan verlangte, dass der französische Staat gegen die Redaktion vorgeht. Der französische Präsident Emmanuel Macron indes hat zwar nicht die konkreten Zeichnungen an sich verteidigt, dafür aber das Recht, solche zu zeichnen. Und er hat damit vielen Europäern aus dem Herzen gesprochen.

Die Franzosen kennen eine lange Tradition von Karikaturen über Mächtige und Unantastbare. Satire ist der kompromissloseste Ausdruck von freier Meinungsäusserung und ein Stück der viel besungenen Liberté im Land. Mit Stift und Papier wird gegen Missstände in Staat, Gesellschaft, Kirche oder Wirtschaft angezeichnet. Im Vordergrund stehen nicht die Beleidigungen, es geht viel mehr darum, mit Schalk und einer Prise Spott Politikern und anderen den Spiegel vorzuhalten.

Noch vor der Französischen Revolution kursierten viele Zeichnungen über Marie-Antoinette, die letzte Königsgemahlin Frankreichs, die gern ausserehelichen Besuch in ihrem Bett hatte. Einer dieser Liebhaber ist auf einer Karikatur zu sehen, wie er auf einem grossen, stramm zur Sonne zeigenden Gemächt zur Königin reitet. Oder: König Ludwig XIV. wurde als Schwein am Tisch dargestellt, der Speisen in sich hineinschlingt, während das Volk hungert. Und Zeichner mit spitzem Stift verschonten auch Napoleon nicht. Natürlich versuchten die Mächtigen stets, die Urheber dieser Darstellungen zu finden, um sie – mit Strick oder Guillotine – zum Schweigen zu bringen und somit für die «ungeheuerliche Beleidigung» zu bestrafen.

Dass in muslimischen Ländern gleich ganze Massen auf die Strasse gehen, wenn Zeichnungen über einen Propheten gezeigt werden, hat einen psychologischen Unterbau: Psychoanalysepionier Sigmund Freud verglich Religionen mit einer universellen Zwangsneurose und sagte, der Mensch entwerfe schon in jungen Jahren ein übermächtiges Vaterbild. In der Religion werde dann der kindliche Wunsch nach Anerkennung und die Angst vor Ablehnung und Strafe auf eine Übervaterfigur übertragen. Wir kennen das von den sogenannt Heiligen Schriften: Der Vater «sagt», was zu tun ist, damit man angenommen wird, und dieser Vater «sagt» auch, wie man bestraft werden muss, wenn man sich nicht nach «seinen» Regeln verhält. Die Parallelen zu den patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen, in denen sich viele islamische Länder immer noch befinden, sind da alles andere als zufällig.

Es kommt zu einer Identifikation mit bestimmten Symbolen und Regeln. Statt sich zu hinterfragen, ob die eigene Position so unantastbar ist oder welche Botschaft hinter einer Kritik oder einer Karikatur steckt, wird gleich eine schwere Verletzung von religiösen Gefühlen und eine unakzeptable Kränkung proklamiert. Erich Fromm, ein anderer namhafter Psychoanalytiker, verband solches Verhalten mit Narzissmus. «Man kann einen narzisstischen Menschen daran erkennen, dass er äusserst empfindlich auf jede Kritik reagiert», sagte Fromm.

Die Gesinnungskontrolle und das Vorschreiben, was jemand denken darf, werden im modernen Europa gerade wieder salonfähig. Und zwar in allen politischen Lagern. Gefährlich sind hier für die individuelle Freiheit – wie immer schon – moralisch motivierte Positionen. Dabei sollte die Geschichte uns hellhörig machen. Wenn jemand von seinem Weltbild so überzeugt ist, dass er daraus eine Berechtigung ableitet, den anderen zu verunglimpfen, zu diffamieren oder blosszustellen, ist die Grenze zur Zensur nicht mehr weit. Zur Erinnerung: Johannes Kepler oder Galileo Galilei widerlegten zwar mathematisch, dass die Erde weder eine Scheibe noch das Zentrum des Sonnensystems ist, doch die Mächtigen aus Kirche und Politik übten einen so starken Druck auf die beiden aus, dass sie ihre Haltung als «Irrlehre» klassierten.

Eine offene, sich am Humanismus orientierende Gesellschaft muss aushalten, dass jemand einen Witz über Jesus, Moses oder Mohammed macht oder Corona-Massnahmen als «Panikmache» darstellt. Doch «der Korridor des Sagbaren wird kleiner», wie es der deutsche FDP-Vize Wolfgang Kubicki formulierte. Es werde eine «Kultur des Missverstehens» gepflegt, und eine Sprachpolizei seziere Sätze, reduziere Begriffe mit nur einem Ziel: die Glaubwürdigkeit der Sprecher zu reduzieren. So sehr sich Kubicki für das Recht auf Kritik einsetzt, so sagt er auch, dass das Menschsein des Anderen nicht infrage gestellt werden dürfe.

Gerade das aber tun jene Anhänger einer islamistischen Ideologie, die sich aus Kränkung heraus legitimiert glaubten, Gewalt anzudrohen und umzubringen. Doch das ist nichts Neues: Im Namen des Islam, wie anderer Religionen auch, werden Frauen, Homosexuelle und Andersdenkende schikaniert, gefoltert, verstümmelt und getötet. Wer hier sagt, es gebe keinen Zusammenhang zwischen der strikten Zuwendung zum islamischen Gesetz (Scharia) und einer antidemokratischen, ja antihumanistischen Sicht, verharmlost.

In Bezug auf Meinungsfreiheit darf eine offene, demokratische Gesellschaft keine Kompromisse eingehen. Oder wie es Noam Chomsky, Linguistiker und Kritiker der US-amerikanischen Politik, formulierte: «Man kann nur zwei Positionen einnehmen: Einerseits die Position von Stalin und Hitler; das bedeutet, man ist für freie Meinungsäusserung, sofern man die geäusserte Meinung gutheisst. Andererseits die Position der Aufklärung; das bedeutet, die freie Meinungsäusserung gilt gerade für Meinungen, die man ablehnt. Und es gibt nichts dazwischen.»

Die «Charlie Hebdo»-Karikaturen sind in Frankreich Kult. Immer ist ein Stück Provokation dabei, immer auch Gesellschaftskritik.
Die «Charlie Hebdo»-Karikaturen sind in Frankreich Kult. Immer ist ein Stück Provokation dabei, immer auch Gesellschaftskritik.
«Sie haben die Waffen – wir haben die Kacke, wir haben den Champagner.» Eine Zeichnung von Charlie Hebdo nach dem Attentat auf die Redaktion.
«Sie haben die Waffen – wir haben die Kacke, wir haben den Champagner.» Eine Zeichnung von Charlie Hebdo nach dem Attentat auf die Redaktion.
Küssende Männer oder «Die Liebe ist stärker als der Hass» als Hinweis auf die Wut, die Ausgrenzung und die Gewalt, die Homosexuelle erleben müssen. Gerade auch im fundamentalen Islam.
Küssende Männer oder «Die Liebe ist stärker als der Hass» als Hinweis auf die Wut, die Ausgrenzung und die Gewalt, die Homosexuelle erleben müssen. Gerade auch im fundamentalen Islam.
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71 Kommentare
    Hanna Urech

    Für mich haben diese kranken Karikaturen nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. - Ich beziehe mich auf Karikaturen , die Christus lächerlich machen. - Deswegen schade ich aber niemandem, aber es sind jetzt Zeiten, überall, wo man aufhören sollte, ständig zu hassen. Wenn Sie das lustig finden über den Gekreuzigten zu lachen. Tun Sie es. Ich nicht.