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Krimi der WocheJagd auf die Formel, die die Welt verändern kann

Nicholas Shakespeares «Boomerang» ist ein melancholischer Thriller um eine bahnbrechende Entdeckung, die sich dunkle Mächte unter den Nagel reissen wollen.

Atomphysiker Marvar findet eine Superformel, danach wird sein Leben unbequem.
Atomphysiker Marvar findet eine Superformel, danach wird sein Leben unbequem.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Der erste Satz

«Shula las die Textnachricht, und die Luft um sie herum wurde dünn.»

Das Buch

Dem iranischen Atomphysiker Marvar gelingt in einem Labor im englischen Oxford der Durchbruch in der Kernfusion. Seine Entdeckung kann die Welt verändernzum Guten wie zum Schlechten. Seine erste Euphorie weicht schnell nackter Angst. Obwohl er versucht hat, die Spuren seines erfolgreichen Experiments zu verwischen, sind ihm bald alle auf den Fersen: die Mullahs aus Teheran, die seine Frau und sein Kind als Geiseln halten, die Geheimdienstler aus den USA und die Geschäftemacher aus Russland. Wem soll er da trauen?

Das ist das zentrale Thema des Thrillers «Boomerang», doch der bekannte englische Autor Nicholas Shakespeare erzählt eigentlich die Geschichte des englischen Ex-Journalisten John Dyer. Der ist aus Brasilien zurückgekehrt, damit sein Sohn die gleiche Schule in Oxford besuchen kann, an der er einst gelernt hatte. Nach Jahren in Südamerika erkennt Dyer den Ort kaum wieder. Jetzt schicken Leute, die etwas zu sagen haben, ihre Kinder auf diese Schule. Leute etwa, die ein «Leben mit einem vollkommenen Mangel an Überzeugungen und ausschliesslich mit der Ideologie, Geld zu machen» leben.

Dyer wird von ihnen zuweilen eingeladen, doch warm wird er nicht mit ihnen. «Er hatte sich nicht in ihre Welt eingebracht; sie hatte nichts mit dem zu tun, was ihm wichtig war. Er war nicht wohlhabend, er war älter; er hatte Erfahrungen mit Themen und Ländern, auf die sie nicht neugierig waren, die ihnen keinen Profit versprachen.»

Dyers Sohn Leandro sorgt für etwas brasilianischen Zauber auf dem Schulfussballfeld im kalten England. Dort lernt der Ex-Journalist den Vater eines anderen Fussballtalents kennen: Marvar. Obwohl sie sich nicht kennen, scheinen sie sich ohne viel Worte zu verstehen. Schliesslich hinterlässt der iranische Atomphysiker sein Geheimnis Dyer, bevor er untertaucht. Nun sieht sich der Autor eines Buches über einen Stamm aus den Urwäldern am Amazonas gezwungen, darüber zu entscheiden, was mit der folgenschweren Entdeckung geschehen soll. Kaum ist Marvar verschwunden, sind die dunklen Gestalten Dyer auf den Fersen.

«Boomerang» ist ein klug gebauter und brillant erzählter Thriller, der auf leise Töne setzt, über weite Strecken melancholisch daherkommt und gerade deshalb ungekünstelt spannend bleibt. Es ist die Geschichte eines Mannes, der immer wieder vor existenzielle Entscheidungen gestellt wird und ihrer langsam müde wird. Frauen «sind gerührt von der Spur Traurigkeit in ihm, verwechseln sie leicht mit etwas Glattem, Rundem, Solidem, in sich Ruhendem – ohne zu merken, das es sein Absprungbrett in die Leere ist».

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★☆
  • Spannung: ★★★☆☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★☆☆
  • Gesamteindruck: ★★★★☆

Der Autor

Einer seiner Romane wurde nach einem Drehbuch von ihm von John Malkovich verfilmt.
Einer seiner Romane wurde nach einem Drehbuch von ihm von John Malkovich verfilmt.
Foto: Ulf Andersen (Getty Images)

Nicholas Shakespeare, geboren 1957 in Worcester in den englischen West Midlands, wuchs als Sohn eines Diplomaten im Fernen Osten und in Südamerika auf, unter anderem in Brasilien. Er studierte Literatur und arbeitete dann als Journalist, zunächst für BBC Television, dann für die «Times».

Von1989 bis 1991 war er Literaturredaktor bei «Daily Telegraph» und «Sunday Telegraph». Danach produzierte er weiterhin TV-Porträts vor allem über Literaten, etwa Evelyn Waugh, Mario Vargas Llosa und Bruce Chatwin. Er ist auch Autor einer Chatwin-Biografie.

Seit 1984 veröffentlicht Shakespeare eigene Bücher, sowohl Sachbücher wie Romane, von denen die meisten auch auf Deutsch erschienen sind, darunter «Die Vision der Elena Silves» (1989), «Die Säulen des Herkules» (1989), «In dieser einen Nacht» (2004), «Sturm» (2007), «Die Erbschaft» (2010) und «Broken Hill» (2015).

Sein Roman «Der Obrist und die Tänzerin» («The Dancer Upstairs», 1995) wurde 2002 nach einem Drehbuch von ihm von John Malkovich verfilmt. Dieser und andere Romane spielen in Südamerika oder haben Bezüge zu dieser Region. Sein neuer Roman, der jetzt auf Deutsch unter dem Titel «Boomerang» erschienen ist, kommt in England erst im kommenden Juli unter dem Titel «The Sandpit» heraus.

Shakespeare ist seit 1999 Mitglied der Royal Society of Literature, die unter der Schirmherrschaft von Königin Elizabeth II. britische Literatur fördert. Er engagiert sich zudem immer wieder für wohltätige Projekte. Er ist verheiratet mit der kanadischen Kinderbuchautorin und -illustratorin Gillian Johnson. Das Paar hat zwei Söhne und lebt im englischen Wiltshire und in Swansea im australischen Bundesstaat Tasmanien.

Nicholas Shakespeare: Boomerang (Original: The Sandpit, Harvill Secker, London 2020). Aus dem Englischen von Anette Grube. Hoffmann und Campe, Hamburg 2020. 398 S., ca. 36 Fr.
Nicholas Shakespeare: Boomerang (Original: The Sandpit, Harvill Secker, London 2020). Aus dem Englischen von Anette Grube. Hoffmann und Campe, Hamburg 2020. 398 S., ca. 36 Fr.