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Mit Verhaltenstipps das Klima rettenIst die Flasche oder die Dose umweltfreundlicher? Weder noch

Die ehrliche – und unbequeme – Anwort auf die Frage, wie wir den Klimawandel bremsen, lautet: Es ist einfach, aber anstrengend.

Wohin man auch schaut: Plastikmüll ist überall. Aber ein Plastikverbot hat leider nur einen kleinen positiven Effekt auf das Klima.
Wohin man auch schaut: Plastikmüll ist überall. Aber ein Plastikverbot hat leider nur einen kleinen positiven Effekt auf das Klima.
Foto: David Brandon Geeting

Das Leben ist kompliziert. Unablässig verlangt es uns Entscheidungen ab: Soll ich online einkaufen oder im Laden? Was ist ökologischer: den Film im Fernsehen schauen oder auf dem Tablet streamen? Greife ich besser zur konventionellen Tomate aus der Region oder zur Biotomate aus Spanien? Zum Dosenbier oder zur Flasche mit Depot?

Wer sich in umweltbewussten Kreisen bewegt, kennt vermutlich diese Art von Fragen. Die Antworten sind oft kompliziert und hängen von den Umständen ab – darum lässt sich so trefflich darüber streiten. Für «Das Magazin» schrieb ich dazu 2019 ein Umweltlexikon, das versucht, ökologische Alltagsfragen möglichst konkret zu beantworten. Jetzt erscheint dieser Ratgeber in erweiterter Form als Buch.

Seit 2019 ist mit Covid-19 eine neue globale Bedrohung hinzugekommen. Es hat zahlreiche Vergleiche zwischen Corona- und Klimakrise gegeben – oft waren sie wenig produktiv. Wichtig scheint mir vor allem ein Unterschied: Corona wird uns nicht beliebig lange beschäftigen. Wir wissen zwar nicht, wann und wie, aber findige Köpfe werden Medikamente und Impfungen entwickeln, die dem Spuk ein Ende setzen. Mit anderen Worten: Es gibt eine Lösung, es gibt eine Zeit danach.

Nichts dergleichen ist beim Klima in Sicht. Die Erwärmung wird die Menschheit noch Jahrzehnte und Jahrhunderte beschäftigen – ein Allheilmittel existiert hier nicht. Das Grundproblem ist, dass CO₂ hundert Jahre und mehr in der Atmosphäre verweilt. Selbst wenn es uns gelänge, den Treibhausgas-Ausstoss augenblicklich zu stoppen, würden die Gletscher noch sehr lange schmelzen, die Temperaturen noch sehr lange nicht sinken.

Das ist kein Grund zur Untätigkeit, im Gegenteil: Für die langfristigen Folgen ist es entscheidend, wie gross die Erwärmung ausfällt. Im Fall eines fortgesetzten Temperaturanstiegs erreichen wir unweigerlich Kipppunkte, die unumkehrbare Prozesse auslösen, etwa das Abwürgen des Golfstroms oder die Totalschmelze des Grönlandeises (siehe die Reportage ab Seite 12).

Beim zweiten ökologischen Grossproblem, der Biodiversitätskrise, ist die Unumkehrbarkeit noch augenfälliger: Wenn eine Art ausstirbt, ist sie definitiv weg. Umso dringlicher ist es, Gegensteuer zu geben. Davon ist aber noch wenig zu sehen.

Auf dem Weg zum Worst Case

Die Entwicklung des CO₂-Gehalts der Atmosphäre der letzten 15 Jahre entspricht fast exakt dem Worst-Case-Szenario, das Wissenschaftler 2005 skizziert hatten. Der Lockdown hat zwar 2020 den globalen Klima-Fussabdruck erstmals spürbar verkleinert. Doch damit wir eine Chance auf Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels hätten, müssten die Emissionen bis 2030 jedes Jahr im gleichen Mass zurückgehen wie heuer. Dass dies geschieht, ist äusserst unwahrscheinlich. Ohne gezielte Gegenmassnahmen werden mit der wirtschaftlichen Erholung die Treibhausgas-Emissionen umso mehr nach oben schnellen. So jedenfalls lief es bei der Finanzkrise: 2009 sank der globale CO₂-Ausstoss um 1,4 Prozent – und stieg dafür 2010 mit 5,9 Prozent besonders kräftig.

Wenn wir von Corona eines lernen können, dann dies: Es wird ohne Verbote nicht gehen.

Wenn wir von Corona eines lernen können, dann dies: Es wird ohne Verbote nicht gehen. Solange das Maskentragen nur eine Empfehlung war, fanden es die meisten zu umständlich und unbequem. Sobald es obligatorisch wurde, hielten sich die allermeisten daran. Man ist halt auch gewillter, wenn man sieht, dass die anderen auch müssen. Alles spricht dafür, bei Umweltproblemen analog vorzugehen: Dinge wie Ölheizungen, Benzinmotoren oder reine Betonbauten gehören mittelfristig verboten. Darunter muss niemand leiden, denn es gibt gleichwertige, umweltfreundlichere Alternativen.

Wenn Verbote so wirksam sind, warum dann ein Lexikon mit lauter freiwilligen Massnahmen? Ich sehe dafür drei Gründe:

1. Damit Verbote funktionieren, müssen die Leute sie verstehen und akzeptieren. Auch das haben wir bei Corona gesehen: Bevor das Maskengebot kam, galt es, falsche Vorstellungen aus den Köpfen zu vertreiben. Zu den Themen Klima- und Artenschwund geistern ebenfalls noch zahlreiche Fake News herum. So hat eine Umfrage in Deutschland gezeigt, dass die Leute das Vermeiden von Plastiksäcken für die wichtigste Massnahme gegen den Klimawandel halten. Auch Verbote von Plastikgeschirr und Ähnliches stehen hoch im Kurs. Das ist beinahe schon tragisch, denn Plastik mag zwar ein Problem sein, hat jedoch mit dem Klima praktisch nichts zu tun. Mein Ratgeber will dabei helfen, die wesentlichen Probleme zu erkennen und diese von den weniger wichtigen zu unterscheiden.

2. Die politischen Mühlen mahlen langsam. Privat aber können alle, die gewillt sind, sofort handeln. Jede Tonne CO₂, die heute nicht in die Luft geht, wird zukünftige Generationen nicht belasten. Das Problem ist derart dringend, dass wir alles brauchen: die freiwilligen Massnahmen, die politischen Rahmenbedingungen, den technischen Fortschritt, ja dereinst hoffentlich auch Methoden, die Treibhausgase der Atmosphäre wieder zu entziehen.

3. Ich hege eine gewisse Skepsis gegenüber der Vorstellung, wir könnten das Klimaproblem allein mit politisch-technischen Massnahmen überwinden. Was es braucht, ist eine neue Geisteshaltung. Der Lösungsweg, der sich abzeichnet, beruht ja im Wesentlichen auf einem Austausch der Technologien: Elektroautos statt Benziner, Wärmepumpen statt Ölheizungen, Videokonferenzen statt Flüge. Man verstehe mich nicht falsch: Das sind alles sinnvolle Massnahmen, die fürs Klima enorm viel bringen könnten. Das Problem ist, dass sich im Fahrwasser des technischen Fortschritts allzu oft Dinge abspielen, die den Umweltnutzen wieder zunichte machen.

Die Folgen von Homeoffice

Nehmen wir die Digitalisierung, die es ermöglicht, dass viele Menschen im Homeoffice arbeiten. Super Sache! Spart Fahrkilometer und Büroräume. Aber die Leute werden mittelfristig auch weiter weg von ihrem Arbeitsplatz ziehen, wenn sie nicht mehr jeden Tag pendeln müssen. Sie werden grössere Häuser beanspruchen, da muss ja jetzt auch noch das Büro rein. Sie werden vermehrt das Auto nehmen, nur schon wegen Corona, aber auch weil sie sich dazu berechtigt fühlen; sie tun ja mit ihrem Homeoffice schon viel für die Umwelt. Und das ist noch nicht alles: Die Leute haben dank der Effizienzsteigerung mehr Zeit. Zeit, die sie irgendwie füllen. Sie legen sich einen Hund zu, pflegen ihre Weinsammlung oder beginnen mit dem Kitesurfing.

Mit anderen Worten: Sie konsumieren mehr.

All diese Dinge müssen nicht passieren. Aber sie passieren, die Erfahrung lehrt es. Genau solche Prozesse sind dafür verantwortlich, dass der Ressourcenverbrauch der Menschheit seit Jahrzehnten ständig zunimmt, obwohl doch alles immer effizienter und umweltfreundlicher wird.

Der technologische Fortschritt allein, so meine Überzeugung, wird es nicht richten, solange das nötige Bewusstsein fehlt. Die Schweiz ist dafür ein gutes Beispiel. Mit sehr viel technischem und finanziellem Aufwand haben wir es geschafft, den Treibhausgas-Ausstoss im Inland in den letzten dreissig Jahren um gerade mal 14 Prozent (Stand 2018) zu reduzieren. 

Doch selbst dieser bescheidene Rückgang ist eine Augenwischerei. Denn ehrlicherweise müsste man auch die Emissionen berücksichtigen, die unseretwegen im Ausland entstehen. Diese werden seltsamerweise meist ausgeblendet, obwohl sie viel umfangreicher sind als die inländischen. Die traurige Wahrheit ist: Während unser Fussabdruck im Inland kleiner wird, wächst er dafür im Ausland. Mittlerweile entstehen drei Viertel der Schweizer Umweltbelastung ennet der Grenze. Weil wir immer mehr Importgüter konsumieren. Weil wir energieintensive Prozesse auslagern. Weil wir immer mehr fliegen – oder zumindest bis Corona immer mehr geflogen sind.

Fair berechnet, ist der hiesige Klima-Fussabdruck pro Kopf in den letzten dreissig Jahren darum nicht geschrumpft, sondern vielmehr gewachsen. Global gehört die Schweiz punkto CO₂ pro Person sogar zu den schlimmsten Ländern – nur die Golfstaaten, Australien, Singapur und Hongkong, die USA und Kanada sowie Belgien und Luxemburg stehen noch schlechter da.

Das vom Parlament beschlossene neue CO₂-Gesetz wird daran nicht grundsätzlich etwas ändern. Es enthält gleich zwei Täuschungen:

Erstens bringt es keine Reduktion der Inlandemissionen um fünfzig Prozent, wie oft gesagt wird. Denn die anvisierte Halbierung bis 2030 bezieht sich nicht auf den heutigen Ausstoss, sondern auf den höheren Wert von 1990, und nur drei Viertel der Reduktion müssen im Inland erbracht werden. Richtig gerechnet, bewirkt das neue Gesetz eine Minderung der Inlandemissionen von nur gut dreissig Prozent. Zweitens bleiben in dieser Rechnung eben die Auslandemissionen aussen vor. Berücksichtigt man diese, ist die Einsparung nochmals deutlich kleiner: Die globale Klimawirkung des Lebensstils der Schweizer Bevölkerung reduziert sich durch eine buchstabengetreue Umsetzung des Gesetzes um gerade mal zwölf Prozent.

Immerhin: Das neue CO₂-Gesetz enthält auch einen Absatz zu den Auslandemissionen. Er ist allerdings schwammig. Es heisst da, dass die «von der Schweiz im Ausland mitverursachten Emissionen» möglichst durch «Emissionsverminderungen im Ausland» ausgeglichen werden sollten. Vermutlich läuft das, wie bei dem einen Viertel der Inlandemissionen, auf Kompensationsprojekte hinaus. Dabei versucht die Schweiz mit ihrem Geld, CO₂-Quellen in ärmeren Ländern auszumerzen. Da werden dann zum Beispiel alte Öfen in Südamerika durch effizientere ersetzt.

Es ist einfach, aber anstrengend

Solche Projekte sind grundsätzlich sinnvoll und fürs Klima hochwillkommen. Zum Problem werden sie aber, wenn wir sie als Kompensation für unsere eigenen Emissionen betrachten, wie dies das Gesetz vorsieht. Kompensationszahlungen haben stets den Charakter eines Ablasshandels: Ich bezahle, damit ich bei mir nichts ändern muss. Kurzfristig mag das fürs Klima einerlei sein. Aber mittel- und langfristig nicht. Wir wollen doch bis 2050 CO₂-neutral sein. Global. Das heisst, bis 2050 müssen wir beides tun: die stinkenden Öfen austauschen und unseren klimaschädlichen Konsum eliminieren. Indem wir uns nun bevorzugt um die Öfen der anderen kümmern, pflücken wir vorerst bloss die low hanging fruits, während wir den viel schwierigeren Part, den Umbau unserer Infrastruktur und den Wandel unseres Lebensstils, weiter hinausschieben. Obwohl uns die Zeit davonläuft.

Das alles ist übrigens kein Grund, gegen das neue CO₂-Gesetz zu stimmen. Denn es bewirkt immerhin ein paar Schritte in die richtige Richtung, während eine Ablehnung jahrelangen Stillstand bedeuten würde.

Natürlich sollten wir, wann immer möglich, auf Plastik verzichten. Aber das allein reicht nicht. Was es braucht, ist eine andere Geisteshaltung.
Natürlich sollten wir, wann immer möglich, auf Plastik verzichten. Aber das allein reicht nicht. Was es braucht, ist eine andere Geisteshaltung.
Foto: David Brandon Geeting

Aber diese Schritte genügen nicht. Das Grundproblem bleibt der gewaltige Ressourcen- und Energieverbrauch, welcher mit unserem immer weiter steigenden Konsum von Gütern und Dienstleistungen einhergeht. Wenn wir es ernst meinen mit dem Klimaschutz, dann kommen wir nicht umhin, uns ein wenig einzuschränken. Vielleicht auch ein wenig mehr als ein wenig.

Flaschen- oder Dosenbier? Die Fragen aus dem ersten Abschnitt waren absichtlich ein wenig irreführend: In Wahrheit ist es praktisch egal, aus welchem Behältnis man sein Bier trinkt. Für die Gesamtumweltbelastung macht das keinen grossen Unterschied. Wir sollten aufhören, derart viel Gehirnschmalz für Detailfragen aufzuwenden. Wer wirklich einen Beitrag zum Umweltschutz leisten will, für den heisst die Antwort nicht «Flasche» oder «Dose», sondern «eins weniger». Nicht «online» oder «Laden», sondern öfter mal «gar nicht».

Die gute Nachricht lautet darum: Es ist gar nicht so kompliziert. Es ist sogar sehr einfach. Die schlechte Nachricht: Es ist anstrengend. Das Zauberwort heisst «weniger». Weniger Konsum. Weniger Fleisch, weniger Milch. Weniger bauen. Weniger Autos, weniger fliegen, weniger heizen. Weniger Gift, weniger Ordnung. Weniger Haustiere, weniger Kinder.

An dieser Stelle der Diskussion folgt oftmals eine tröstliche Floskel à la «Weniger ist mehr». Doch das ist eine falsche Fährte. Gewiss, manche werden an der Askese Gefallen finden, und den meisten würde ein bisschen weniger Konsum guttun.

Aber wir sprechen hier von echtem Verzicht, und der tut richtig weh. Keine Angst, niemand wird hungern oder darben müssen – das nicht. Aber auf die eine oder andere Annehmlichkeit verzichten, das schon.

Weniger ist weniger. 

Dieser Text basiert auf dem Vorwort zum Buch «Weniger ist weniger. Klimafreundlich leben von A–Z» von Mathias Plüss, das dieser Tage im Echtzeit-Verlag erscheint. Das Buch beruht auf dem «Magazin»-Sonderheft vom 30. 3. 2019: «75 Ideen, wie Sie den Klimawandel stoppen können». Leserinnen und Leser des «Magazins» erhalten das Buch porto- und spesenfrei zum Spezialpreis von 24 Franken unter www.echtzeit.ch/dasmagazin

Mathias Plüss ist Wissenschaftsjournalist und regelmässiger Mitarbeiter des «Magazins». mathias.pluess@bluewin.ch

72 Kommentare
    Ralf Schrader

    'Anwort auf die Frage, wie wir den Klimawandel bremsen, lautet: Es ist einfach, aber anstrengend.' /da fehlt eine 't' in An_wort

    Auch wenn alle die 15% der Weltbevölkerung, die in Industriestaaten in relativem Wohlstand leben, auf alles verzichten, auf was man verzichten kann, dann verbrauchen das eben die 85% anderen. Nichts, überhaupt nichts ändert sich, wenn wir oder ich etwas ändere. Wir sind nur Schwungmasse der Geschichte, die im Zweifelsfall umpositioniert wird.

    Das Globale hängt nicht vom Individuellen ab. Menschen können nichts ändern, sind historisches und politisches Nichts. Es ist völlig gleichgültig was ich, Sie oder Wir tun. Globale Systeme kann man nur makroskopisch steuern, von oben. Niemals von unten.