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Leitartikel zur Corona-PandemieIsolation tötet

Während einer Pandemie ist vernünftiger Realismus gefragt – keine Panikmache. Sind wir bereit für das nächste Mal?

Der Mensch ist nicht für die Einsamkeit geschaffen. In diesem Winter nahm die Zahl der Depressiven zu.
Der Mensch ist nicht für die Einsamkeit geschaffen. In diesem Winter nahm die Zahl der Depressiven zu.

Hurra, ich lebe noch! Obwohl mir im März von erbosten Lesern gedroht wurde, ich solle bei einer allfälligen Corona-Erkrankung gefälligst nicht auf die Idee kommen, einen Platz im Spital zu verlangen. Es empörten sich gar Berufskollegen nur um dann einige Wochen fast dasselbe zu schreiben.

Was hatte ich verbrochen? Vor Panikmache gewarnt, und ich tue es jetzt noch. Ich schrieb, die Corona-Pandemie werde eine Krise der Armen, Kleinverdiener und Selbstständigen. Nicht wegen der Krankheit selber, sondern wegen der wirtschaftlichen Folgen des Lockdown. Ich bat, die Verhältnismässigkeit zu wahren, denn Seuchen-Wellen suchen uns regelmässig heim.

Kürzlich sendete SRF ein wirklich hörenswertes Tagesgespräch mit dem österreichischen Intensivmediziner Rudolf Likar. Er warnt vor der Panikmache der vergangenen Wochen. Das Gefühl der Angst sei künstlich erzeugt, geschürt wie ein Feuer im Kamin. Schliesslich ziehe kein Todesvirus wie bei Ebola über das Land. Der medizinische Koordinator von Kärnten bagatellisiert die Krankheit nicht. Er hält fest, dass etwa drei Prozent der Corona-Erkrankten sterben. Er sagt jedoch auch, dass diese Zahl noch erheblich nach unten korrigiert werden müsse, da die meisten Verstorbenen durch andere Krankheiten vorbelastet waren.

Ob sie tatsächlich durch Corona oder nicht einfach mit Corona gestorben sind, weiss man meist nicht, da dazu international kaum Erhebungen gemacht worden sind. In Kärnten gibt es diese Zahlen. Dort gab es zwölf Tote – wegen der Schutzmassnahmen seien es weniger als bei einer normalen Grippewelle, bei der es durchschnittlich 26 Tote gebe, sagt Likar. Die Schutzmassnahmen würden also greifen und zwar auch gegen die gewöhnliche Grippe.

Der Mediziner sagt aber auch, dass während der Corona-Pandemie Angstzustände, Depressionen und Schlafstörungen um 20 Prozent zugenommen haben. Und er warnt vor der Isolation, einem Thema, das im Zentrum meines Leitartikels vom März stand. Likar sagt: «Isolation schwächt das Immunsystem. Isolation tötet.»

Es ist doch eine Binsenwahrheit: Angst und Aufregung machen krank.

Und er erzählt eine ergreifende Geschichte: Auch in seiner Abteilung wurden eine Zeit lang die Zimmer der sterbenden Corona-Patienten für Angehörige gesperrt. Doch dann mussten er und sein Team einen Mann mühsam wieder aufbauen, der traumatisiert war, weil er von seinem Vater nicht mehr Abschied nehmen konnte. Darauf öffneten sie die Abteilung unter Schutzmassnahmen für die Verwandten wieder.

Als Co-Autor des Buchs «Bereit für das nächste Mal wie wir unser Gesundheitssystem ändern müssen» kritisiert er, dass es keinen Pandemie-Plan gegeben hat, zu spät reagiert wurde und die Gesellschaft zu sehr auf Leistung und Stress setzt, anstatt den Kindern zu lehren, dass auch Glücklichsein zu einer guten Pandemie-Vorsorge gehört.

Das alles zeigt: Augenmass ist gefragt. Ein vernünftiger Realismus. Den vertreten garantiert nicht diejenigen, die jetzt auf die Strasse gehen: Verschwörungstheoretiker, Impfgegner und Kämpfer für die persönliche Freiheit. Sondern diejenigen, die Wochen an der Basis gekämpft und gewirkt haben und jetzt in weiser Voraussicht für eine bessere Planung eintreten. Es ist doch eine Binsenwahrheit: Angst und Aufregung machen krank. In dieser Hinsicht hat mir persönlich mein Urgrossvater ein gutes Erbe hinterlassen. Als er als junger Mann Ende 19. Jahrhundert zum ersten Bauernführer des Landes gewählt wurde, rief ihm Nationalrat Joseph Gisi zu: «Chline, fürcht di nid. En erschrockene Ma isch im Himmel nid sicher!» Das hat er sich zum Leitspruch über alle Wirren und Kämpfe hinweg gemacht. Wie weise.

Schauen wir der nächsten Pandemie gestärkt ins Gesicht!

Heute hingegen grassieren Drama und Polarisierung, Hysterie und Humorlosigkeit. Glücklicherweise haben Komiker begonnen, das Thema mit einer gewissen Leichtigkeit aufzugreifen: So amüsieren sich beispielsweise Dominic Deville und Karpi in der Late-Night-Show auf SRF über Bundesrat Alain Berset: «De isch scho immer me Huet- als Masketräger gsi.» Oder über die neuen Gewohnheiten in der Pandemiezeit: «Die neue Währung für systemrelevante Jobs: Balkonapplaus.»

Meine Bitte an alle: Wahrt die Verhältnismässigkeit! Wir haben jährlich rund 1500 Tote wegen der herkömmlichen Grippe. Natürlich, Corona ist aggressiver, die Ansteckungsquote höher. Trotzdem, bei einer Influenza-Pandemie zählt auch niemand die Toten und ruft: Isoliert euch, geht in Deckung, es kann jeden treffen!

Unser Bundesrat hat grundsätzlich gut reagiert. Nur gilt es jetzt, den Unternehmern wieder die Gelegenheit zu geben, ihr täglich Brot zu verdienen. Denn die Kollateralschäden sind gross: Zehntausende Menschen stehen vor dem Nichts, Gewalt in den Familien hat zugenommen, ebenso Depressionen, Einsamkeit, Burn-out.

Die Unterversorgung der nicht an Covid erkrankten Patienten dürfte auch nicht zu unterschätzen sein. Viele haben sich gescheut, ein Spital aufzusuchen, und es wurden auch Operationen zurückgestellt.

Doch wir haben es ein Stück weit auch selber in der Hand, wie wir uns künftig verhalten können: ausgewogen ernähren, viel bewegen, achtsam sein und Beziehungen pflegen. Kurz, das Immunsystem stärken.

Schauen wir der nächsten Pandemie gestärkt ins Gesicht.