Zum Hauptinhalt springen

Ungebremst nach dem RücktrittIronman Riederer ist nun Fabrikarbeiter

Der Ex-Triathlet leidet als Wettkampfveranstalter unter der jetzigen Situation. Zugleich hat er im Norden von Zürich Grosses vor: Mit der Fabrik11 lanciert er ein neues Multisport-Angebot.

«So wie ich mich auf Olympia vorbereitete, so will ich auch jetzt der Beste sein»: Sven Riederer in der Fabrik11 in Dübendorf.
«So wie ich mich auf Olympia vorbereitete, so will ich auch jetzt der Beste sein»: Sven Riederer in der Fabrik11 in Dübendorf.
Foto: Michele Limina

So aufgereiht sieht man sein Hab und Gut selten. Diese lange Reihe von vollgepackten Holzpaletten ist im Fall von Sven Riederer Sinnbild für den Stillstand. «Das ist mein ganzes Eventbusiness», sagt er, als er darauf deutet. Eigentlich sollten die Absperrbanden, Zielbogen, Teilnehmergeschenke und was es sonst noch alles braucht, um einen Sportwettkampf zu organisieren, in diesen Wochen nicht im dritten Stock eines Industriegebäudes in Dübendorf stehen. Sondern in der Schweiz unterwegs sein.

Riederer organisiert mit seinem Unternehmen MooveMee schweizweit Sportwettkämpfe, hauptsächlich Triathlons, 14 insgesamt. Die Mehrzahl wurde bereits ganz abgesagt, bei einigen wenigen, besonders seinen Aushängeschildern in Uster, Davos und Uri, hofft er noch auf die Durchführung im August und September.

Die Melange, die Riederer am Zürcher Stadtrand anstrebt, ist neu

Seine fünf Angestellten sind derzeit auf Kurzarbeit. Ganz im Gegensatz zum Chef. Dem wird nicht langweilig. Das war schon in den vergangenen Jahren so, das ist jetzt nicht anders. Bis vergangenen Juli war Riederer der Profitriathlet, der nebenher selber Wettkämpfe organisierte. Seit seinem Rücktritt verantwortet er auch noch die grosse Umnutzung einer Industrie-Immobilie. Fabrik11 heisst das Projekt an der Ausfallstrasse, die vom Zürcher Stadtrand in Stettbach nach Dübendorf führt.

Dass die Fabrik11 mit Sport zu tun hat, überrascht nicht weiter. Die Melange, die Riederer anstrebt, ist aber neu. «Jedenfalls habe ich in Europa nichts Vergleichbares gefunden», sagt er beim Rundgang durch die Halle. In dieser wird gehämmert, geschweisst und gebohrt. Im oberen Stock sind die Handwerker fast fertig mit ihren Arbeiten. Das ist auch nötig: Der Co-Working-Space mit 42 Arbeitsplätzen wird Anfang August eröffnet.

«Dass all diese Sportkulturen nebeneinander existieren können, das wird eine Herausforderung.»

Fabrik11-Chef Sven Riederer

Im Erdgeschoss ist noch alles im Rohbau. Abgesehen von einigen Krafttrainingsmaschinen, die fertig montiert in einer Ecke stehen, deutet noch nichts auf Sport hin. Das wird sich in den kommenden Monaten ändern. Im Oktober soll das Multisport-Fitnesscenter für die Öffentlichkeit bereit sein. Als perfekter Kunde schwebt Riederer der Freiberufler vor, der tagsüber oben seiner Arbeit nachgeht und anschliessend unten ein Training absolviert – der Eintritt ist in der Miete des Arbeitsplatzes inbegriffen.

Natürlich reichen die 42 potenziellen Co-Worker nicht, um die riesige Fläche zu betreiben. Diese soll noch viel mehr Sportbegeisterte anziehen. Riederer will dies schaffen, indem er ein Angebot präsentiert, das man in dieser Breite nicht kennt. Da soll Fussball neben Badminton gespielt werden, dahinter bankgedrückt oder getanzt, oben die Muskeln geknetet und wieder gelockert und beim Eingang auf ein erfolgreiches Training angestossen werden. «Dass all diese Sportkulturen nebeneinander existieren können, das wird eine Herausforderung», sagt Riederer.

Die Grundidee zur Fabrik11 trug er schon eine Weile mit sich, als er in einem Trainingslager in Spanien den Immobilienentwickler Thomas Götz kennen lernte und damit den idealen Partner für die Umsetzung fand. Zusammen stemmen sie dieses Projekt, bei dem 3,5 Millionen Franken in den Umbau investiert werden – wobei der Betrag laut Riederer ohne die zahlreichen Partnerschaften und guten Kontakte des Duos noch deutlich höher wäre.

Ein ehemaliger Profi- und ein ambitionierter Amateur-Triathlet: Die Fabrik11-Initianten Sven Riederer (l.) und Thomas Götz.
Ein ehemaliger Profi- und ein ambitionierter Amateur-Triathlet: Die Fabrik11-Initianten Sven Riederer (l.) und Thomas Götz.
Foto: Christian Merz

Ursprünglich hätte die Fabrik11 schon 2019 eröffnet werden sollen. Heute sind die Initianten froh, dass die behördlichen Prozesse ihre Zeit brauchten. So war die Corona-Krise für die Fabrik11 kein Rückschritt, im Gegenteil: Die Umbauarbeiten gingen ungebremst voran.

«Ungebremst» passt auch zu Riederers Start ins zweite Berufskapitel. Am Ironman Switzerland wurde er im letzten Wettkampf seiner Profikarriere Zweiter. Das damit verbundene Ticket für die WM auf Hawaii interessierte ihn nicht. Die Profizeit hätte zuletzt keinen Tag länger mehr dauern dürfen. «Vor dem Rennen zählte ich die Zahl der Trainings rückwärts. Und danach machte ich lange gar nichts mehr», sagt Riederer. «Aber Vollgas ging es trotzdem weiter – im neuen Job.»

Mental fehlte ihm der Sport nicht. Sein Körper sah das anders – und meldete sich mit Rückenschmerzen. Mittlerweile bewegt sich Riederer wieder regelmässig, kickt bei den Senioren des FC Wallisellen. «Ich mache querbeet Sport, worauf ich gerade Lust habe. Nicht mehr trainieren zu müssen, ist ein enormer Luxus, eine riesige Lebensqualität. Fast wie 365 Tage Ferien im Jahr.»

Da spricht keiner, der seiner Karriere nachtrauert. Das Büro daheim fand Riederer kurz nach seinem Rücktritt von seiner Frau geräumt – inklusive aller Memorabilien. Zumindest die Olympiamedaille von 2004 nahm er dann vom Keller wieder hoch in die Wohnung. Wobei der nüchterne Blick auf sein Sportlertun auch als Aktiver zu ihm gehörte. Mit 23 gewann er in Athen Bronze – rückblickend war es sein früher Karrierehöhepunkt. «Bereits damals kam mir danach der Gedanke: ‹Was mache ich später?›»

Er versuchte sich erst mit Sandwiches, Sportriegeln und einem Onlinemarktplatz

An Ideen mangelte es ihm nicht. Er versuchte sich als Sandwichproduzent, mit Sportriegeln ebenfalls. Dann wollte er einen Onlinemarktplatz für Sportartikel aufbauen, ehe er mit eigenen Sportevents seine Nische fand. Und mit der Fabrik11 sein Herzensprojekt. «Meine Kompetitivität habe ich 1:1 vom Sport in die Arbeitswelt mitgenommen. So, wie ich mich auf Olympia vorbereitete, versuche ich auch jetzt der Beste zu sein. Weil: Niemand hat auf dieses Projekt gewartet.»

Der 39-Jährige schätzt auch den Wechsel vom Einzelsportler zum Teamplayer. «Nun steht das Produkt im Mittelpunkt, nicht mehr ich als Person», sagt er – ist sich zugleich aber bewusst, dass die Fabrik11 zumindest zu Beginn sehr wohl auch von seinem Namen leben wird.

Das geht bis zur Bezeichnung «Fabrik11». Denn die 11 erhielt die Industriehalle, in der früher Zahnräder hergestellt wurden, von Riederer. Der hatte einst als Jungschwimmer den Garderobenspind mit dieser Nummer gewählt, weil ihm der beste Schwimmer seiner Trainingsgruppe die gewünschte 1 weggeschnappt hatte. «Da sagte ich mir: lieber die Doppel-1 als die 2.»