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LGBT in der LiteraturIntersexualität rettet die Welt

Der bizarre Roman «Arkadien» der Französin Emmanuelle Bayamack-Tam.

Emmanuelle Bayamack-Tams neuer Roman spricht LGBT-Themen an.
Emmanuelle Bayamack-Tams neuer Roman spricht LGBT-Themen an.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Farah wächst in einer libertären Kommune in Südfrankreich auf. In das einstige Internat, eine mobilfunkfreie Zone, haben sich ihre Eltern, die mit der realen Welt nicht zurande kamen, vor dem Elektrosmog geflüchtet. Mit dabei ist auch Farahs «LGBT-Grossmutter», die mit ihrem «knochigen, vertrockneten Körper» am liebsten nackt herumläuft. In diesem «Liberty House» gilt: Alle Menschen sind von jeglichen Lebenszwängen befreit und gleichermassen begehrenswert, mögen sie sich hässlich vorkommen wie Farah, schon uralt sein oder irgendwie behindert.

Sex mit dem Guru

Obwohl Arkady, der smarte Guru, mit einem extrem dicken Mann liiert ist, beglückt er auch vermögende ältere Damen, die der Gemeinschaft dann ihr Erbe vermachen. Als sich die 15-jährige Farah in ihn verknallt, sieht er sich in der Pflicht, sie in die Liebe einzuführen. Was ihn umso mehr reizt, als ihr ohnehin nicht typisch weiblicher Körper, wie sich herausstellt, intersexuelle Merkmale aufweist, die andere Männer wohl abschrecken würden.

Zu Beginn wirkt der Roman «Arkadien» der französischen Autorin Emmanuelle Bayamack-Tam wie eine pralle Satire. Aus Farahs schonungsloser Optik schildert sie deren Heranwachsen «unter all diesen Fettleibigen, Scheckhäutigen, Bipolaren, Elektrosensiblen, Schwerdepressiven, Krebskranken, Polytoxikomanen und demenziellen Greisen» so krass, als wollte sie schlecht gealterte Hippieträume karikieren.

Doch bald stellt sich heraus, wie ernst es ihr mit der Losung dieser Gemeinschaft ist: «Omnia vincit amor» – die Liebe siegt über alles. Denn mit Arkady Sex zu haben, macht die mit ihrer multiplen Identität ringende Farah innerlich stark. Und so kann sie sich auch vom «Liberty House» absetzen, als dieses für sie einen Verrat an seinen Idealen begeht, weil es obdachlosen Migranten die Aufnahme verweigert.

Während die Kommune einem kollektiven Drama entgegensteuert, geht Farah eine neue Beziehung mit einer jungen Lesbierin ein und wird fortan gegen alle Ungerechtigkeiten der Welt ankämpfen. Trotzig feiert sie sich als «ein Mädchen mit stählernen Muskeln, ein Junge, der zu seiner Zerbrechlichkeit steht, eine Chimäre mit Eierstock- und Hodenattrappen, eine unbestimmbare Wesenheit, ein freier Geist, ein unversehrtes Menschenkind».

Menschen, die aus der Norm fallen und gerade dadurch Kraft schöpfen, prägen schon das bisherige Werk von Emmanuelle Bayamack-Tam.

Menschen, die aus der Norm fallen und gerade dadurch Kraft schöpfen, prägen schon das bisherige Werk von Emmanuelle Bayamack-Tam, die im Hauptberuf Literatur unterrichtet und unter einem Pseudonym auch Krimis schreibt. Sie weiss Spannung herzustellen, verbindet respektlose Ironie mit blühender Fantasie und flicht«teils leicht abgeändert» – viele literarische Zitate ein, die sich freilich nur Kennern offenbaren.

Man liest diesen Roman, der einen in bizarre Gefilde entführt, zunächst mit leicht hämischem Vergnügen, dann mit wachsendem Staunen und reibt sich am Schluss die Augen: Die 54-jährige Autorin scheint tatsächlich überzeugt, dass nur geschlechtlich nicht eindeutig definierte Menschen die Welt noch retten können.

Emmanuelle Bayamack-Tam: «Arkadien», Secession-Verlag, 2020, ca. 35 Fr.