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Zuflucht für DienstmädchenInseln der Geborgenheit

Der Baselbieter Verein «Anlaufstelle für Dienstmädchen in Bolivien» finanziert im ärmsten Land Südamerikas zwei geschützte Zentren, wo Mädchen und junge Frauen beherbergt, beraten und unterstützt werden.

Die Anlaufstelle für Dienstmädchen in Santa Cruz
Die Anlaufstelle für Dienstmädchen in Santa Cruz
Foto: zvg

Der Verein «Anlaufstelle für Dienstmädchen in Bolivien» mit Sitz in Liestal wurde 2006 gegründet, um die Stellung von bolivianischen Haushaltsarbeiterinnen zu stärken. Die Armut treibt in Bolivien die Menschen in die Städte, und für unzählige Mädchen aus ländlichen Gebieten, die meisten davon indigener Abstammung, ist ein Leben als Arbeiterin in einem reicheren, städtischen Haushalt die einzige Perspektive. Nach der Schulzeit verlassen sie ihre Heimat und ziehen in grössere Ballungszentren, um dort eine Stelle als Dienstmädchen zu suchen. Immerhin: Seit 2003 gibt es in Bolivien das Gesetz zum Schutz von Haushaltsarbeiterinnen. Dieses garantiert ihnen beispielsweise das Recht auf einen freien Tag pro Woche, eine definierte Arbeitszeit oder bei Minderjährigen das Recht auf Bildung, die der Arbeitgeber ermöglichen muss. Doch dies betrifft lediglich die vertraglich geregelten Arbeitsverhältnisse. Deren Anteil steigt zwar erfreulicherweise, die meisten Dienstmädchen arbeiten jedoch nach wie vor schwarz.

Wichtige Refugien

Maria Magdalena Moser ist eine der Mitgründerinnen und die Projektleiterin des Baselbieter Vereins, dessen Geld in erster Linie aus Spenden und Beiträgen der Landeskirchen stammt und in den Betrieb von zwei Anlaufstellen für Dienstmädchen in Bolivien fliesst. Mit dem Land verbindet sie seit 1995 vieles. Damals zog die Sekundarlehrerin mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern nach Bolivien, um in der Entwicklungshilfe zu arbeiten. In der Stadt Sucre wurde 2008 die erste Anlaufstelle für Dienstmädchen eröffnet. 2017 kam die zweite hinzu, diesmal in der grössten Stadt des Landes, Santa Cruz de la Sierra. Heute lebt Moser wieder in der Schweiz, engagiert sich aber weiterhin ehrenamtlich und reist fast jedes Jahr in das südamerikanische Land, um die beiden Standorte zu besuchen und dort zu arbeiten. «Die Mädchen wären ohne Zufluchtsort komplett auf sich allein gestellt und den Gefahren in einer Grossstadt ausgesetzt», sagt sie. «In den Anlaufstellen wird gekocht, und sie haben einen geschützten Rahmen, um sich zu treffen, sich aufzuhalten und sich auszutauschen

«Erfolg ist ansteckend»

Die Covid-19-Krise verhinderte dieses Jahr bereits zum zweiten Mal Mosers Aufenthalt in Bolivien, da das Land in der Schweiz bis vor kurzem als Risikogebiet galt und sich gerade erst in der Phase der Lockerung nach einer monatelangen, beinahe kompletten Ausgangssperre befindet. Momentan bestehe ihre Arbeit daher vor allem aus Telefongesprächen, sagt Moser, die eng mit der bolivianischen Juristin Elizabeth Montero zusammenarbeitet. Sie ist die Leiterin der Anlaufstellen und kann aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit als Dienstmädchen bestens auf die Bedürfnisse der jungen Frauen eingehen. Was Maria Magdalena Moser als «Schneeballeffekt» bezeichnet, sei immens wichtig: «Ehemalige Dienstmädchen mit guter Ausbildung und Selbstwertgefühl geben das an die jüngeren Mädchen weiter.»

In den beiden Stiftungen wird dort angepackt, wo es akut Hilfe braucht. So zum Beispiel während der Ausgangssperre, als sich die Regierung auch an die Anlaufstellen wandte, um eine sinnvolle Verteilung von Lebensmittelpaketen zu gewährleisten, da diese über mehr direkte Kontakte und Adressen von bedürftigen Personen verfügen als die Behörden. Aus der Schweiz wird der Lohn für die Mitarbeiterinnen organisiert, die diese Vernetzungsarbeit leisteten.

Präventiver Ansatz

Laut Moser ist es von essenzieller Bedeutung, die vielen Mädchen bereits vor der Landflucht über ihre Rechte aufzuklären und ihr Selbstwertgefühl und damit auch ihre Chancen auf eine gute Ausbildung zu erhöhen. Dies geschieht in Form von Treffen und Kursen, wo Mädchen in verschiedensten Bereichen des Lebens beraten und unterstützt werden. Hier lernen sie das Wichtigste über mögliche Bildungswege, gesundheitliche Fragen, Arbeitsrecht oder ganz konkret über das Vorgehen bei einer Lohnverhandlung. Auch wird zwischen Mädchen und Arbeitgeberinnen vermittelt, die Internetkompetenz verbessert oder die Gefahren von Menschenhändlern aufgezeigt, die Mädchen mit falschen Stellenaussichten in die Zwangsprostitution führen.

Ebenso finden persönliche Anliegen Gehör. So wird zum Beispiel erlebte Gewalt oft verschwiegen, vor allem, wenn sie innerhalb von Beziehungen ausgeübt wird. «Die Frauen erzählen nicht direkt alles, sind aber erleichtert, sobald sie Vertrauen aufgebaut haben und über ihre Probleme sprechen können.» Aufgrund von Covid-19 finden die Treffen seit Monaten in virtueller Form per Videokonferenz statt. Dafür würden im Vorfeld Datenvolumen für interessierte Teilnehmerinnen gekauft, welche sich dann oft in kleinen Gruppen einen Zugang teilten. Denn während man sich das bei uns in der Schweiz praktisch nicht mehr vorstellen könne, verfüge längst nicht jede Person in Bolivien über ein eigenes internetfähiges Gerät, sagt Moser. Umso grösser war vor kurzem die Freude am ersten realen Treffen.

Junge Frauen mit einem erworbenen Kurszertifikat.
Junge Frauen mit einem erworbenen Kurszertifikat.
Foto: zvg

Entscheidung fiel am Sonntag

Neben den massiven Freiheitsbeschränkungen wegen Covid-19, welche die Bevölkerung während Monaten erdulden musste, befindet sich das Land Bolivien auch politisch in einer äusserst unsicheren Lage. Seit Evo Morales, der erste indigene Präsident Boliviens, der seit 2007 im Amt war, vor einem knappen Jahr wegen des Vorwurfs des Wahlbetrugs nach einem Monat massiver Unruhen zurücktreten musste, wurden die versprochenen Neuwahlen gespannt erwartet. Der Sozialist Morales hatte für die indigene Bevölkerung politisiert, sich gegen den Neoliberalismus gestellt, der vielfach für die Verarmung von Randgruppen verantwortlich gemacht wird, und beispielsweise Privatisierungen von Bodenschätzen des Landes rückgängig gemacht.

Die Neuwahlen mussten wegen Covid-19 zweimal verschoben werden, was wiederum zu Unruhen führte. Am Sonntag haben die Menschen unter speziellen Vorsichtsmassnahmen gewählt. Es wurden ein knappes Resultat und je nach Ausgang wieder Unruhen erwartet. Was das Land jetzt aber dringend brauche, seien Stabilität und Frieden, sagt Maria Magdalena Moser. Gemäss Hochrechnungen zeichnet sich aktuell ein Sieg der sozialistischen Partei ab, die mit ihrem Kandidaten Luic Arce an die Macht zurückkehren würde.

Grosse Dankbarkeit

Die Angebote und die Arbeit der beiden Anlaufstellen würden sowohl von den Mädchen als auch von den Behörden und der Bevölkerung sehr geschätzt, sagt Moser. 2018 wurde ihr für ihr Engagement sogar die Ehrenbürgerwürde der Stadt Sucre verliehen. Gerade durfte sie dem Vorsitzenden der päpstlichen Kommission für Lateinamerika im Vatikan das Manuskript ihres zweiten Buches, «Nuestra fuerza» («Unsere Kraft»), präsentieren. Es ist ein Bildband mit Porträts und Lebensgeschichten von Haushaltsarbeiterinnen, der seit vier Jahren in Arbeit ist und sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch veröffentlicht werden soll.

Der Vereinsvorstand: Roland Plattner, Elisabeth Augstburger, Gabriela Messerli, Regula Meschberger, Maria Magdalena Moser, Andreas Olbrich und Doris Wyrsch (v.l.)
Der Vereinsvorstand: Roland Plattner, Elisabeth Augstburger, Gabriela Messerli, Regula Meschberger, Maria Magdalena Moser, Andreas Olbrich und Doris Wyrsch (v.l.)
Foto: zvg