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Mensch und Maschine sind sich für einmal Freund

Starke Uraufführung im Gare du Nord: In «Cyber String Species» gehen Architektur, Musik und Tanz Hand in Hand.

Die Bühne ist auf sie abgestimmt: Die Geigerin Hannah Walter. Foto: Samuel Bramley
Die Bühne ist auf sie abgestimmt: Die Geigerin Hannah Walter. Foto: Samuel Bramley

Ist das Musiktheater? Ein Tableau vivant? Ein Konzert? Die Meinungen gehen bei der Podiumsdiskussion nach der ­Uraufführung von «Cyber String Species» am Samstag zum ­Saisonstart im Gare du Nord auseinander. Mit ziemlicher Sicherheit lässt sich sagen, dass dem jungen Schweizer Künstlerkollektiv Mycelium mit dem knapp 80-minütigen Werk ein erstaunlicher Spagat zwischen verschiedenen Kunstformen gelungen ist.

Den wortwörtlichen Rahmen bildet ein Pavillonkonstrukt, das auf die Körpermasse der Geigerin Hannah Walter zugeschnitten ist. Wenn sich die ­Musikerin streckt, reichen ihre Fingerspitzen genau zum oberen Balken (Architektur: Johannes Hänggi).

Bühne als Open Office

Zusammen mit den beiden Perkussionisten Julien Annoni und João Carlos Pacheco nimmt Hannah Walter den Pavillon in Beschlag. Die drei bewegen sich darin ein wenig wie in einem Open Office. Da werden Trennwände (bunte Paneele) abmontiert und wieder aufgestellt; die Noten sind auf iPads gespeichert, die bei Bedarf an Schnüren heruntergelassen werden; und über allem wacht eine allwissende Off-Stimme, die als Amazons Alexa oder Apples Siri durch­gehen könnte.

Hier werden aber nicht einfach Büroräume eingerichtet, sondern quasi die Figuren selbst. Schlaglichter lassen sie wie ­Objekte erscheinen. Die Geigerin stimmt Georges Aperghis ätherisch feines «Requiem furtif» an. Die Perkussionisten begleiten ihr Solo auf Klanghölzern zunächst fein, dann mit herausfordernden Schlägen – womit sie wiederum harsche Geigenklänge provozieren. Das Nervenspiel geht in Natacha Diels «An Economy of ­Means» weiter, wo sich ein Perkussionist an einem ­Miniatur-Drumset zu schaffen macht und dabei selber wie ein galvanischer Frosch zu zischen und piepen beginnt.

Zum Höhepunkt geraten die «Feedback Frames», eine Eigenkreation des Kollektivs: Maschinengleich, und doch poetisch, spazieren die Figuren mit ihren bunten Paneelen aneinander vorbei, zählen ihren je eigenen Countdown herunter und müssen feststellen, dass die von ihnen gesprochenen Zahlen zu einem mächtigen Raunen anschwellen. Dieses erfüllt den Raum nicht nur, sondern bringt ihn zum Beben. Nun können sich die drei nicht mehr fortbewegen, ohne ihre Umgebung zu erschüttern. Wie die Choreografie von Lucie Tuma, der Sprechrhythmus der drei Performer und das Sounddesign von Robert Torche zusammenspielen, ist klasse.

Der Titel der letzten Performance, «Dea Ex Machina III», lässt auf eine Art Durchbruch hoffen. Auf den wartet man allerdings vergeblich, und das knapp 80-minütige Musiktheater klingt fein, aber etwas zu beschaulich aus.

Siri zum Schweigen gebracht

Im Mittelpunkt steht nun die Geigerin, die in einem Ausschnitt aus Clemens Gadenstätters Geigenstück «Moved by…» sich gleichsam ihre eigene Klang­kulisse erschafft und später noch die Alexa/Siri-Stimme zum Schweigen bringt. Eine technisch wie ausdrucksmässig höchst eindrückliche Interpretation. Die Vorstellung eines Cyborgs, einer Fusion aus Mensch und Maschine, erscheint an diesem Punkt nun als Vision – und nicht etwa als Horrorvision.

Und wie auch immer man das Auftragswerk von Gare du Nord, Zeiträume Basel, Wien Modern und Münchner Biennale nennen möchte: Musiktheater, Tableau, Konzert – gerne mehr davon.

Nächste Vorstellung: 26. 11. im Rahmen von Wien Modern.

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