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Kunstraub in DresdenIn der Prozesspause raubte er das Grüne Gewölbe aus

Der 23-Jährige, der für den Einbruch ins berühmte Dresdner Museum festgenommen wurde, ist Justiz und Polizei bereits für einen anderen spektakulären Kunstraub bekannt.

Razzia in Berlin: Wissam R. wurde diese Woche zusammen mit zwei Mitgliedern seiner Familie verhaftet.
Razzia in Berlin: Wissam R. wurde diese Woche zusammen mit zwei Mitgliedern seiner Familie verhaftet.
Foto: Sean Gallup (Getty Images)

Als Wissam R. zusammen mit seinen Cousins Ahmed und Wayci im Januar 2019 ins Berliner Landgericht schlurfte, war der Andrang gross. Den jungen Männern wurde einer der aufsehenerregendsten Museumseinbrüche der vergangenen Jahrzehnte zur Last gelegt: das Verschwinden einer hundert Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum im März 2017 – innerhalb von 16 Minuten, ohne dass jemand etwas mitbekam.

Nun zeigt sich: Das ist noch nicht alles. Der Angeklagte Wissam R. war offenbar nicht nur am Diebstahl der Goldmünze beteiligt, sondern möglicherweise auch am Einbruch ins Grüne Gewölbe in Dresden, bei dem im November 2019 Schmuckstücke von unschätzbarem Wert gestohlen wurden.

Eine Familienangelegenheit

Diese Woche wurde Wissam R. bei einer gross angelegten Razzia in Berlin-Neukölln zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern seiner Familie verhaftet und nach Dresden gebracht. Nach zwei 21-jährigen Zwillingsbrüdern wird noch gefahndet. Zahlreiche Spuren hätten zu den R.s geführt, heisst es aus der Staatsanwaltschaft Dresden, etwa am Tatort und in einem Fluchtauto. Die drei Männer haben sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäussert.

Die Familie R. wird der sogenannten Clan-Kriminalität zugerechnet und ist in den Schlagzeilen, seit ein Familienmitglied 2014 am Einbruch in eine Sparkasse beteiligt war, bei dem innerhalb kürzester Zeit 300 Schliessfächer ausgeräumt wurden. Ob Wissam R. tatsächlich einer der Diebe aus dem Grünen Gewölbe war, wird erst der Prozess zeigen. Seine Geschichte offenbart aber auch so die kriminelle Energie, mit der manche Mitglieder aus Grossfamilien agieren, und die Strukturen, auf die sie zurückgreifen können. Und wie die Berliner Behörden mit kriminellen Clans umgehen.

Das Grüne Gewölbe in Desden: Hier wurden im November 2019 Schmuckstücke von unschätzbarem Wert gestohlen.
Das Grüne Gewölbe in Desden: Hier wurden im November 2019 Schmuckstücke von unschätzbarem Wert gestohlen.
Foto: David Brandt 

Der 23-jährige Wissam R. ist der Berliner Justiz seit langem bekannt. Seit 2012 steht er regelmässig vor Gericht, neun Einträge, meist Diebstahl und Einbruch. Die Cousins, mit denen er sich umgab, waren ebenfalls aktenkundig, Ahmed R. war bereits in früher Jugend mit Gewalt- und Eigentumsdelikten aufgefallen. 2017 geriet Wissam R. ins Visier der Ermittler, als an Kleidungsstücken aus seiner Wohnung Goldpartikel gefunden wurden, die von der gestohlenen Münze stammten. Die Richterin sprach später von «hochprofessionellem Vorgehen» und nannte den Einbruch den «Coup des Lebens».

Dennoch blieben die R.s während des gesamten Prozesses auf freiem Fuss, dreizehn Monate lang. Und Wissam R. hatte in einer dreiwöchigen Unterbrechung im November 2019 so womöglich die Gelegenheit, nach Dresden zu fahren und dort im Grünen Gewölbe zuzuschlagen.

Eine der Kostbarkeiten des Museums: Die Diamantrosengarnitur Orden des Polnischen Weissen Adlers.
Eine der Kostbarkeiten des Museums: Die Diamantrosengarnitur Orden des Polnischen Weissen Adlers.
Foto: Maciej Szczepańczyk

Denn Wissam R. wurde bereits kurze Zeit nach seiner Festnahme Ende 2017 haftverschont. Wegen seines jugendlichen Alters und weil keine Haftgründe, also etwa Fluchtgefahr, bestanden. Er musste sich lediglich dreimal wöchentlich melden und ein Praktikum bei einem Kurierdienst machen. Der junge Mann konnte also morgens zu Gericht kommen und nachmittags wieder gehen.

Dazwischen hatte er Zeit für einen Kurztrip nach Erlangen, wo er sich im November 2019 in einem weiteren Prozess verantworten musste. Dort soll Wissam R. in eine Firma eingebrochen sein, die Hydraulik-Spreizer herstellt. Geräte, die etwa die Feuerwehr verwendet, um Unfallopfer aus Autowracks zu befreien. Oder Kriminelle, um etwas aufzuhebeln, möglicherweise Fenster in einem Museum. Eine DNA-Spur R.s fand sich am Tatort, das Amtsgericht Erlangen verurteilte Wissam R. wegen des Einbruchs zu zweieinhalb Jahren Haft.

Wissam R. blieb auf freiem Fuss

Das Urteil hätte der Berliner Justiz zumindest zu denken geben können. Denn zu den Gründen, weswegen man jemanden in Untersuchungshaft nehmen kann, gehört die Wiederholungsgefahr, also eine erneute Straftat. Wissam R. blieb trotzdem auf freiem Fuss. Die U-Haft diene in erster Linie der Sicherung des Strafverfahrens, sagt eine Sprecherin des Berliner Landgerichts. Und das sei nicht gefährdet gewesen, schliesslich habe Wissam R. alle Hauptverhandlungstermine wahrgenommen. R. sass immer mit Wasserflasche neben seinem Anwalt, guckte interessiert in die Runde, weiblichen Prozessbeteiligten hielt er höflich die Tür auf. Sein Verteidiger beschrieb Wissam R. als gehemmt und wenig eigenständig, als jemanden, der langsamer sei als andere.

Die Berliner Justiz schien das auch so zu sehen, jedenfalls konnte Wissam R. seine Freiheit auch noch geniessen, nachdem er im Februar 2020 zu viereinhalb Jahren Haft wegen des Goldmünzen-Diebstahls verurteilt worden war. Und als das Urteil dann im September dieses Jahres endlich rechtskräftig wurde – da war Wissam R. noch immer zu Hause. Es dauere eben eine gewisse Zeit, bis jemand zum Haftantritt aufgefordert werde, heisst es aus der Berliner Justiz.

12 Kommentare
    B.Kerzenmacherä

    Die Problematik mit diesen organisierten, in sich geschlossenen Sippen kann ein Rechtsstaat nicht lösen. Wie wollen sie es lösen? Das Stichwort heißt Vertrauen. Überall im Staatswesen gibt es Islamisten, korrupte Beamte und Salonrevoluzzer. Ergo ist der Staat tot und moralisch bankrott. In Russland oder Singapur zum Beispiel ist es nicht möglich, dass irgendwelche kriminellen Sippen und Banden völlig locker Sozialhilfe beziehen, um 14:30 erst aufstehen, um dann in Spielhöllen, Wettbüros und Teehäusern Geld zu waschen, deutsche und osteuropäische Frauen auf den Strich schicken und sogar irgendwelche Räubereien durchziehen.