In der Dunkelkammer des Fussballs

Nie war der Sport politischer als heute. Die Nacht der Schande von Sofia und Paris kümmert die gierigen Verbände kaum.

Gruss an Erdogan und seine Krieger in Syrien. Türkische Fussballer salutieren am Montag stramm in Paris. Foto: Keystone

Gruss an Erdogan und seine Krieger in Syrien. Türkische Fussballer salutieren am Montag stramm in Paris. Foto: Keystone

Marcel Rohr

Als die Nacht der Schande in Sofia fast vorbei war, griff Raheem Sterling zu seinem iPhone. Via Twitter liess der Fussballstar die Welt an seinen Gefühlen teilhaben. «Ich habe Mitleid mit Bulgarien, dass es im Stadion von solchen Idioten repräsentiert wird», schrieb der Engländer, der im EM-Qualifikationsspiel gegen Bulgarien eben zwei Tore geschossen hatte. Sterling war einer von mehreren dunkelhäutigen englischen Spielern gewesen, die in Sofia übel beleidigt worden waren.

Buhrufe, Pfiffe, Schmähungen, auch rassistische Gesänge gegen dunkelhäutige Profis – längst hat sich der geneigte Fan zu Hause auf dem Sofa an solche Meldungen aus dem In- und Ausland gewöhnt. Sie gehören zum Sportalltag wie Tore und Gelbe Karten. Doch Sofia offenbarte in der Dunkelkammer des Fussballs nochmals eine neue Dimension. Auf TV-Bildern war deutlich zu erkennen, wie einige Zuschauer auf der Tribüne den Hitlergruss zeigten. «Es war eine der entsetzlichsten Nächte, die ich je im Fussball gesehen habe», meinte Greg Clarke später, der Präsident des englischen Verbandes FA.

Hitlergrüsse in Sofia, Kriegspropaganda in Paris – das sind neue Abgründe in einem längst verschmutzten Strafraum

1700 Kilometer weiter nordwestlich waren es keine Neonazis, die sich an Blödheit gegenseitig überboten, sondern die Akteure auf dem Rasen selbst. Nachdem der Verteidiger Kaan Ayhan in Paris für die Türkei den 1:1-Ausgleich geköpfelt hatte, jubelte der Grossteil der Mannschaft mit dem Militärgruss vor dem mitgereisten Anhang. Mit der strammen Geste auf dem Rasen salutierten die Profis dem türkischen Militär, das an der blutigen Offensive auf die Kurdengebiete in Nordsyrien beteiligt ist.

Hitlergrüsse in Sofia, Kriegspropaganda in Paris – das sind neue Abgründe in einem längst verschmutzten Strafraum. Romelu Lukaku wird bei Inter Mailand seit Wochen rassistisch beleidigt, vom eigenen Anhang übrigens, was dem Ganzen die Krone aufsetzt. Nationen wie Serbien, Albanien oder Kosovo tragen auf dem Balkan ihre Fehden aus, teils mit primitiven Anfeindungen, teils mit tief fliegenden Drohnen, die über dem Rasen verfeindete Flaggen durch die Lüfte ziehen. Die Spanier anerkennen Kosovo nicht, Aserbeidschan und Rumänien ebenso wenig. Die Russen treten nicht gegen die Ukrainer an oder umgekehrt. Und so weiter und so weiter.

Wer massregelt den Mob?

Rassismus ist nichts Neues. Auch politische Botschaften hat es schon immer gegeben; unvergessen das weisse Leintuch im September 1995 in Göteborg, als die Schweizer Fussballer unter der Regie von Alain Sutter gegen die Atombombentests des französischen Staatschefs Jacques Chirac protestierten. Dass die Muttenzerkurve immer wieder mal ihren Anstand verliert, ist ebenso bekannt. Im Frühling 1990 warfen beim Match FCB - FCZ ein paar Hirnlose Bananen in Richtung des Zürcher Spielmachers August Makalakalane. Grandios danach die Durchsage des legendären Stadion­speakers Otti Rehorek im Joggeli: «Er kann nichts dafür, dass er dunkelhäutig ist. Aber dass ihr so saudumm tut, dafür seid ihr wirklich selbst schuld!» Donnernder Applaus von den Rängen im Joggeli.

Womit wir bei einer der Kernfragen des Problems wären: Wer massregelt den Mob, wer getraut sich, hart durchzugreifen? Es ist fast schon erschreckend, wie die weltgrössten Verbände Fifa und Uefa die Könige der geistigen Flachpässe gewähren lassen. Der europäische Verband investiert Millionen in langweilige Präventionsfilmchen, die vor den Spielen über alle Bildschirme flimmern. #EqualGame nennt sich die Propaganda der Uefa für soziale Verantwortung. Seitenlange Ergüsse, was die Worte Respekt und Fairness auf dem Planeten Fussball bedeuten. Ellenlange Regularien, was in den Bereichen Politik und Religion alles nicht geduldet wird.

Die Fifa und vor allem die Uefa schauen tatenlos zu oder verhängen Alibistrafen, die niemandem wehtun

Doch die wahren Sünder kommen immer noch ungestraft aus dem Stadion, obwohl Millionen Franken für Sicherheit, Polizei und Videokameras ausgegeben werden. Warum sperrt die Uefa das Fussballland Bulgarien nicht für drei oder fünf Jahre? Warum wird das Inter-Stadion in Mailand nicht für zwei Saisons geschlossen und der Club zu einer Busse von90 Millionen verdonnert? Das wären Strafen, die die Verantwortlichen zum Handeln zwingen würden. 90 Millionen hat übrigens Lukaku an Ablöse gekostet, im heutigen Fussball geht das beinahe als Schnäppchen durch. Wer gegen eine andere Nation nicht antreten will, wird vom Wettbewerb ausgeschlossen. So einfach wäre das.

Es ist fast schon lächerlich, wenn irgendwelche Krawattenträger oder Hobbyfunktionäre immer noch behaupten, dass sich Sport und Politik nicht mischen oder mischen dürfen. Nie war der Sport so politisch wie heute. Ein Hitlergruss während eines Länderspiels ist dank des Fernsehens ein Brandbeschleuniger der Extraklasse, den Rest besorgen die Empörungskanäle der sozialen Medien.

Die Fifa und vor allem die Uefa mit ihrem Präsidenten, den kein Mensch kennt, schauen tatenlos zu oder verhängen Alibistrafen, die niemandem wehtun. Die Verbände wollen es sich mit den grossen Nationen nicht verscherzen, denn bald gilt es wieder, Fernsehrechte teuer zu verkaufen, die Weltmeisterschaften weiter aufzublasen oder die Champions League zu reformieren. Der Rubel muss rollen, unter allen Umständen.

Fussball als Frustventil

Der Fussball ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, in der es weltweit und fernab aller Stadien gärt und brodelt. Deshalb ist auch die Politik gefordert. Rassismus hat eben auch ein Stück mit dem grauen Alltag vieler Supporter zu tun: Die Willkommenskultur in der Flüchtlingspolitik sowie die offenen Grenzen in weiten Teilen Europas haben dazu geführt, dass sich vor allem der durchschnittliche Büezer bedrängt und bedroht fühlt – von einer Kultur, die ihm fremd ist, und von einem Volk, dessen Sprache er nicht spricht. Das kann schnell zu Aggressionen führen.

Fussball als Frustventil für gescheiterte Existenzen: Auch das ist keine bahnbrechende Erkenntnis. Kriegspropaganda oder Nazigesten sind verboten und aufs Schwerste zu bestrafen. Doch was passiert? In Basel, Zürich oder Sofia wird nicht einmal das Vermummungsverbot konsequent durchgesetzt. Die geldgierigen Verbände mit ihren fussballaffinen Machthabern haben es verpasst, klare Regeln zu formulieren und Strafen auszusprechen, welche die Übeltäter wirklich abschrecken. Die Schandnächte von Sofia und Paris werden nicht die letzten gewesen sein.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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