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Flims und LaaxIm Schatten der Weissen Arena blühen kreative Hotelkonzepte

Mehr als für Massentourismus am Berg. In der Bündner Feriendestination tut sich was, selbst während der Pandemie. Im Dezember wurde gar eine Jugendherberge eröffnet.

Skifahrer mit Schutzmaske im Skigebiet Flims-Laax-Falera. Im Corona-Winter ist es in der Bündner Feriendestination viel ruhiger als sonst.
Skifahrer mit Schutzmaske im Skigebiet Flims-Laax-Falera. Im Corona-Winter ist es in der Bündner Feriendestination viel ruhiger als sonst.
Foto: Keystone

Müde stapfen die Wintersportler an diesem Spätnachmittag über die verschneite Piazza unweit der Laaxer Talstation. Trotz der Bilder langer Warteschlangen in den sozialen Medien sind es über den bisherigen Corona-Winter gesehen weniger Gäste als üblich. «Die Pandemie versetzt uns einen Riesendämpfer», sagt Christoph Schmidt, Mitglied des Managements der Weissen Arena Gruppe (WAG). Die abgekämpften Pistenfreaks verschwinden in der Tiefgarage. Bars und Restaurants an der Piazza sind Corona-bedingt geschlossen. Eine «Ghost Kitchen» verkauft Take-away-Gerichte. Hotelgäste werden in den Unterkünften verpflegt.

Auch in Laax und Flims sind die Umsatzeinbrüche in der Gastronomie und bei den Bergbahnen dramatisch. «Nur die Hotellerie läuft ordentlich», sagt Christoph Schmidt. Die Weisse Arena, das erste Schweizer Wintersportgebiet, das dem Kunden einen Rundumservice bietet, betreibt selbst Hotels und Berghäuser mit total 1500 Betten.

Hotels bleiben Mangelware

Zwei Drittel davon im Rocksresort. Die elf erratisch wirkenden Appartementhäuser mit Fassaden aus Walser Granit beherbergen geräumige Ferienwohnungen, die zwar Privaten gehören, von der WAG aber die meiste Zeit an zahlende Gäste vermietet werden, auf Wunsch mit Hotelservice.

Hotels bleiben Mangelware in der Destination, die für industriell betriebenen Wintersport steht und am Wochenende oft von Tagestouristen überrollt wird. Die Statistik nennt nur zwei Dutzend Herbergen, bei 1245 vermieteten Ferienwohnungen.

Immerhin, unter den Protagonisten der Branche hat sich nicht erst in Corona-Zeiten die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein breit abgestützter Tourismus mit hoher Qualität und langen Saisons für die Zukunft unerlässlich ist.

«Der Trend geht hier in Richtung Natur, Nachhaltigkeit und gelebte Gastfreundschaft», beobachtet Ariane Ehrat. Die frühere Engadiner Tourismuschefin arbeitet heute auf der Lenzerheide, wohnt aber in Flims.
Ehrat gefällt, dass in Flims-Laax-Falera alle Player am gleichen Strick ziehen und sich kleinere Unternehmen im Schatten der übermächtigen Weissen Arena Gruppe entfalten können. Christoph Schmidt seinerseits lobt die Gemeindebehörden, die nicht einfach auf den Steuerfranken sitzen würden, sondern wie etwa bei der neuen Jugendherberge in Laax Hand zu partnerschaftlichen Lösungen böten: «Schliesslich ist der Tourismus das Blut in den Adern der Destination.»

Wellnesshostel 3000: Klangschale in der coolen Zone

Der lange Flur verheisst Geheimnisse. Nischen bergen Saunas und Bäder, Eisdusche und Heissbad oder eine Klangschale. Wer ihre Messinggriffe reibt, bringt das Wasser im Gefäss zum Tanzen und das Metall zum Singen. Dass die nagelneue Wellnesszone Aua Grava in Laax derzeit nicht im Corona-bedingten Winterschlaf ruht, ist den Gästen der Jugendherberge im gleichen Haus zu verdanken. Sie finden für einen Obolus von 13 Franken Zugang zur coolen Wellness- und Fitnesszone, der Eintritt ins darunter liegende Hallenbad ist im Übernachtungspreis inbegriffen.

Design und Mobiliar haben nichts gemein mit dem Jugi-Mief früherer Zeiten: Reto Denneberg im Wellnesshostel 3000.
Design und Mobiliar haben nichts gemein mit dem Jugi-Mief früherer Zeiten: Reto Denneberg im Wellnesshostel 3000.
Foto: Jacqueline Vinzelberg

Das Wellnesshostel 3000 wurde im Dezember eröffnet und schliesst eine Lücke in der Destination. Ab 50 Franken kann man eine Schlafstätte in einem Sechserzimmer buchen. «Dank den vielen Familien- und Doppelzimmern sprechen wir eine Kundschaft an, die weit über Schul- und Sportlager hinausreicht», sagt Betriebsleiter Reto Denneberg. Wie beim Pilotprojekt in Saas-Fee arbeiten die Schweizer Jugendherbergen mit der Gemeinde zusammen, die eine neue Lösung für ihr stark defizitäres Hallenbad suchte. Der Laaxer Gemeindepräsident Franz Gschwend hatte die zündende Idee: Über dem Bad wurden ein Wellnesstrakt und die Jugendherberge mit 158 Betten gebaut.

«So lassen sich Synergien ideal nutzen», sagt Reto Denneberg. Hallenbad-, Wellness- und Jugi-Gäste steigen die lange Treppe hoch und checken an der gleichen Réception ein, an die sich Bar, Selbstbedienungsrestaurant und Lounge anschliessen. Panoramafenster geben den Blick frei auf den Laaxersee. Design und Mobiliar im ganzen Haus sind hochwertig und haben nichts gemein mit dem Jugi-Mief früherer Zeiten. Auch für den Sommer ist das Wellnesshostel 3000 gut positioniert. In Gehdistanz liegt der Start zum neuen Baumwipfelpfad, den Laax im Juni eröffnen wird.

Des Alpes: Freddys Freunde

Aussenstehenden mag das Ziel nicht allzu hochgesteckt erscheinen, für Jürg Mettler wäre es aber ein entscheidender Fortschritt. «Ich hoffe, dass unser Haus in eineinhalb Jahren statt ein Dreistern- ein Dreistern-Superior-Hotel ist», sagt der 54-jährige Zürcher. «Ein Hotel in dieser Kategorie gibt es sonst in der Destination Flims-Laax nicht.»

Von der heruntergewirtschafteten Herberge zum Mittelklassehotel: Jürg Mettler mit seiner französischen Bulldogge Freddy im Des Alpes.
Von der heruntergewirtschafteten Herberge zum Mittelklassehotel: Jürg Mettler mit seiner französischen Bulldogge Freddy im Des Alpes.
Foto: Jacqueline Vinzelberg

Mettler ist seit Mai 2019 Pächter des Hotels Des Alpes an der Flimser Promenade und hat die heruntergewirtschaftete Herberge mit 28 eigenen und 12 an Privatbesitzer gebundenen Zimmern in ein blitzsauberes Mittelklassehotel verwandelt. Das schäbige Gartenmobiliar ist aus der Lobby verschwunden, ebenso der Kantinen-Groove aus der hoteleigenen Pizzeria Il Forno. «Corona-bedingt müssen wir mit einem grossen Umsatzeinbruch in der Gastronomie leben», erzählt Mettler, «ausserdem buchen die Hotelgäste extrem kurzfristig – wir können nur von Woche zu Woche planen.»

Mettler führte während 19 Jahren das Misani in Celerina. Nach einer zweijährigen Pause kam das Angebot gerade recht, das Hotel in Flims wieder auf Kurs zu bringen. Im Engadin hatte Mettler sein Talent bewiesen, aus eher mässigen Voraussetzungen ein Optimum herauszuholen. Jetzt muss er jeden Rappen umdrehen. «Flims war für mich nach der Zeit im Engadin eine neue Welt, näher an Zürich, mehr Tagestouristen, weniger Glamour», sagt Mettler. «Aber die Destination hat grosse Möglichkeiten, gerade auch im Frühling und Herbst – nur müsste man die entsprechenden Angebote noch bekannter machen.»

Freddy kümmert sich im Des Alpes weder um Corona noch um Hotelsterne. Die französische Bulldogge begleitet Mettler seit fünf Jahren. Der Liebling der Gäste wartet brav in der Lobby, gestreichelt und geknuddelt zu werden, und kehrt zuverlässig von seinen Ausflügen hinters Hotel zurück, wenn Herrchen im Stress des Abendservice wieder mal vergessen hat, mit ihm Gassi zu gehen.

Adula: Gerstensuppe mit Hafermilch

Wenn Thomas Huber nach dem Dessert im Restaurant La Clav zum Rechten schaut, bleibt es selten beim kurzen Small Talk. «Wie kriegen Sie diese vegane Gerstensuppe hin?», fragt eine enthusiastische junge Frau. In der etwas anderen Bündnerstube im Vierstern-Superior-Hotel Adula in Flims werden seit Dezember ausschliesslich vegetarische und vegane Gerichte serviert. «Über die Festtage war das Lokal zweimal pro Abend ausgebucht», erzählt Hotelchef Paul Urchs.

Chefkoch Thomas Huber arbeitet seit zwei Jahren im Adula und spricht mit seiner Küche eine aktive, sportliche Kundschaft an.
Chefkoch Thomas Huber arbeitet seit zwei Jahren im Adula und spricht mit seiner Küche eine aktive, sportliche Kundschaft an.
Foto: Jacqueline Vinzelberg

Die Gerstensuppe aus tagelang geköcheltem Gemüsejus, Hafermilch, Gerste, Räucherpaprika und frischem Wirz sowie die anderen rein vegetarischen oder veganen Bündner Spezialitäten stehen für die aktuelle Experimentierfreude und Aufbruchstimmung im Adula. Urchs und Chefkoch Huber arbeiten seit ungefähr zwei Jahren im Flimser Traditionshaus, das von mehreren Generationen der Hoteliersfamilie Hotz geprägt wurde. Heute gehört das Adula einem Unternehmer aus dem Kanton St. Gallen.

Die 93 Zimmer und Suiten entsprechen zum Teil nicht mehr den allermodernsten Anforderungen, werden aber auf den neusten Stand gebracht. «Wir sind weder die Grössten noch die Besten, doch wir arbeiten mit viel Herzblut», sagt Gastgeber Urchs und betont: «Wir bringen Schwung ins Adula und sprechen nun eine aktive, sportliche Kundschaft an.» Chefkoch Huber würde genau ins neue Adula-Beuteschema passen: Nachdem die Gäste das Abendessen beendet hatten, legte der gebürtige Schwabe eine Nachtschicht im modernen Fitnessraum ein. Hier, sagt Huber, könne er prima abschalten. Gut möglich, dass ihm beim Schwitzen und Stemmen neue Ideen für die vegan/vegetarische Sommerkarte im La Clav kommen.