Im Reich der blauen Hyazinthe

Die Kunsthalle Basel zeigt im Rahmen von Culturescapes Performances von Alex Baczynski-Jenkins.

Die unterschiedlichsten Paare begegnen sich in Baczynski-Jenkins’ Performance. Foto: Diana Pfammatter

Die unterschiedlichsten Paare begegnen sich in Baczynski-Jenkins’ Performance. Foto: Diana Pfammatter

Alex Baczynski-Jenkins’ Performance «Until a thousand roses bloom» trägt den Untertitel «With Warsaw in the background». Bei der Aufführung während der Vernissage befand sich Warschau nicht einmal als Projektion im Hintergrund. Denn in der Kunsthalle Basel, wo sie bis zum Sonntag zu sehen sein wird, ist alles Bühne, und wenn Paare sich zwischen den Zuschauern an die Wand lehnen und zu einem Kuss ansetzen, ist das Publikum als Voyeur Teil der Performance. Und doch ist es gut, Warschau oder Polen überhaupt im Hinterkopf zu behalten.

In seiner ersten Filmarbeit, die der Choreograf für die Basler Schau «Such feeling» produziert hat, gibt es eine Szene, die wie ein Sündenfall wirkt und so etwas wie ein Dreh- und Angelpunkt Baczynski-Jenkins’ ist. Während sich die queeren Protagonisten, die man in den drei Performances der Ausstellung wiedersehen wird, zum ersten LGBTQ-Pride-Marsch in Bialystok sammeln, hört man einen Knall. Es wird nicht deutlich, ob es eine Explosion ist, doch die Zielrichtung ist klar, denn es folgen wüste Beschimpfungen. Menschen, die nicht heterosexuell sind, die in anderen Formen als der bürgerlichen Kleinfamilie leben wollen, sind nicht nur unerwünscht, sie werden angegriffen. Was für ein Unterschied zur Geburtsstadt Alex Baczynski-Jenkins. In London, wo er 1987 auf die Welt kam und wo er auch lebt, wenn er sich nicht in Warschau aufhält, ist die Offenheit gegenüber queeren Identitäten Teil der Selbstdarstellung und des Marketings von Unternehmen. Alle laufen bei der Pride-Parade mit.

Alles fliesst

Im Oberlichtsaal der Kunsthalle Basel verdorren zwei Brachen, man könnte solche Sandflächen, die von Gras und Moos umrandet sind und zwischen denen blaue Hyazinthen und Kugeldisteln herausragen, auf Trümmergrundstücken finden oder aber im Uferbereich von Seen. Es sind gesellschaftliche Freiräume, die noch nicht definiert sind, es sind Cruising-Räume der schwulen Szene, könnte man einwerfen. Alex Baczynski-Jenkins kehrt das Klischee um. Wer jetzt einen in den Kunstraum transferierten Ort der Enthemmung und der schnellen Befriedigung erwartet, geht fehl, es ist romantischer. «Until a thousand roses bloom» ist eine fortwährende Annäherung von Paaren, alles befindet sich im Fluss, Männer und Frauen tauschen mit Männern und Frauen sehnsuchtsvolle Blicke des Einverständnisses aus, doch obgleich die Ästhetik eindeutig queer ist, finden sich auch Männer und Frauen in Umarmungen, liegen beieinander, lassen die Wimpern flattern in Erwartung eines Kusses, der sich nie vollendet. Niemand wird abgewiesen, Eifersucht oder Neid werden in diesem sozialen Kokon ausgeblendet.

Eine der Frauen, sie trägt zu grauem Rock und Shirt diese klobigen Sandalen, die früher allenfalls Kellnerinnen trugen, tanzt in einer linearen Bewegung, wiegt sich in den Hüften, windet die Arme, macht beim Vorwärtsgehen seitliche Schritte, die an lateinamerikanische Standardtänze erinnern. Sie und die immer wiederkehrenden s-förmigen Wellen der anderen sind Motor der Performance, sie geben der Compagnie neue Energie für weitere Begegnungen. Alex Baczynski-Jenkins’ Arbeiten dauern lange, drei Stunden jeweils die Performances, knapp eine Stunde der Film, der im Loop gezeigt wird. Und in einer Art Schleife befindet sich auch der Betrachter. Eine fast elegische Stimmung stellt sich ein, vielleicht, weil das Begehren sich immer wieder fortsetzt und nie zum Ziel kommt, die lineare Bewegung in eine zirkuläre einschlägt, vielleicht, weil ­alles fragil erscheint.

Die Performances von Alex Baczynski-Jenkins, der in Berlin Tanz und Choreografie, in London Kunst studierte, mögen eindeutig zeitgenössisch wirken, und doch haben sie historische Bezüge. Es sind die utopistischen Bewegungen der 1910er- und 1920er-Jahre, aber auch der Ästhetizismus des 19. Jahrhunderts. Manche Posen erinnern an die etwas blutleeren Präraffaeliten, andere an die Lebensreformbewegung, die inmitten ganz ähnlicher Brachen ein freieres Verhältnis zum eigenen Körper und dem Begehren entwickelt hat.

Weitere Vorstellungen:Until a thousand roses bloom (with Warsaw in the background): 28., 29. 9.: 14–17 Uhr.Untitled (Holding Horizon): 3. 10.: 17.30–20.30 Uhr, 5. 10.: 14–18 Uhr, 6. 10.: 14–17 Uhr.Us Swerve: 10. 10.: 17.30–20.30 Uhr, 12., 13. 10.: 14–17 Uhr. www.culturescapes.ch

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