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Blindflug in BulgarienIm Nebel gestochert und den Sieg gefunden

Unter schwierigen Bedingungen gewinnt YB 1:0 gegen ZSKA Sofia und erringt den ersten Auswärtserfolg im Europacup seit zwei Jahren.

Schall und ... nein, kein Rauch, sondern Nebel: Die Young Boys kämpften in Sofia unter erschwerten Bedingungen.
Schall und ... nein, kein Rauch, sondern Nebel: Die Young Boys kämpften in Sofia unter erschwerten Bedingungen.
Foto: Vassil Donev (Keystone)

Tor! Nur: Wer wars? Die Szene des Spiels blieb den meisten Zuschauern verwehrt. Jean-Pierre Nsame war es, so wird später klar, der die Young Boys an diesem sonderbaren Abend in Bulgarien gegen ZSKA Sofia in Führung schoss. Das Tor des Kameruners war ein einsamer Höhepunkt des Spiels, nur wären viele weitere Höhepunkte womöglich gar nicht zu sehen gewesen.

Die Fussballwelt stand auch am Donnerstagabend noch immer unter dem Eindruck des Todes von Diego Maradona. Auch in Sofia wurde eine Schweigeminute zu Ehren des argentinischen Weltfussballers abgehalten, in Andacht an ihn, den Meister der Täuschung mit der Aura des Magiers. Insofern passte es ganz gut, legte sich nach etwa 25 Minuten eine dicke Nebeldecke über das Feld. Den intuitiven Gedanken an zeuselnde Fans musste der geistesgegenwärtige Zuschauer bei diesem Spiel vor leeren Rängen schnell einmal begraben. Für ihn gab es phasenweise kaum etwas zu sehen, für die Akteure auf dem Platz indes war die Sicht lange Zeit noch einigermassen gut.

Sofias Lehren aus dem Hinspiel

Maradonesk war in dieser Partie abgesehen vom täuschenden Nebel nicht viel. Rasch war klar, dass nach dem 1:1 im rumänischen Cluj auch das zweite osteuropäische Gastspiel von YB in dieser Saison ein ziemlich zähes werden würde. Der Gegner trat unter seinem neuen Trainer Bruno Akrapovic etwas stabiler auf als noch vor drei Wochen in Bern. Der Bosnier hatte seiner Mannschaft ein 3-5-2-System verordnet, nachdem die Bulgaren im Hinspiel die Startphase komplett verschlafen hatten und bös unter die Räder gekommen waren. Das zeigte Wirkung. Sofia blieb stabiler und hinten dicht, verzichtete dafür weitgehend auf Angriffsbemühungen. Die Young Boys hatten mehr oder weniger freie Bahn, Christian Fassnacht verbuchte nach 20 Minuten den ersten Abschluss, Ulisses Garcia setzte sich wenig später gut durch.

Als Nsame nach einer halben Stunde diesen Steilpass von Silvan Hefti erlief und aus spitzem Winkel am schlecht reagierenden ZSKA-Goalie Gustavo Busatto vorbei zum 1:0 traf, war das Spielfeld schon ziemlich verhüllt. Die TV-Übertragung geriet in der Folge zum Hörspiel, mit Gerardo Seoane in der ersten Sprechrolle. Der YB-Trainer mahnte sein Personal gut hörbar immer wieder zur Vorsicht. Die Young Boys liessen dem Gegner jetzt mehr Raum, warteten ab. Goalie David von Ballmoos musste einen tückischen Freistoss und die eine oder andere Flanke entschärfen. «Aus meiner Sicht war es ein sehr spezielles Spiel», sagte von Ballmoos später, mehr oder weniger unabsichtlich mit einem Bonmot. Für ihn war insbesondere der weisse Ball eine Herausforderung, der in der zweiten Halbzeit durch einen roten ersetzt wurde.

YB bleibt über der «Nebelgrenze»

Die kurze Schwächephase überstanden die Young Boys aber unbeschadet. Seoane verdichtete mit der Einwechslung von Michel Aebischer das Zentrum. YB war wieder tonangebend, Fassnacht und Aebischer kamen zu zwei guten Möglichkeiten, dann musste Captain Fabian Lustenberger nach einem Schlag in den Rücken vom Feld.

Nsames Tor blieb das einzige des Abends, YB siegte 1:0 und damit zum ersten Mal in der Europa League seit sechs Jahren und einem 3:1 bei Slovan Bratislava. Europäisch war es der erste Vollerfolg seit dem 2:1 bei Dinamo Zagreb 2018, das die Berner damals in die Champions League brachte. «Es war ein verdienter Sieg», sagte Seoane. «Unten auf dem Platz war der Nebel zunächst nicht ganz so dicht, wie es vielleicht schien. Aber irgendwann habe ich nicht mehr gesehen, was auf der anderen Seite lief, und versuchte, intuitiv meine Spieler zu dirigieren.»

So schlecht gelang ihm das offenbar nicht. YB verbleibt mit dem Erfolg auch in der Gruppe über der «Nebelgrenze» auf dem zweiten Platz und hat nun gute Chancen, sich das europäische Überwintern spätestens im letzten Spiel zu Hause gegen Cluj zu sichern.