Zum Hauptinhalt springen

«Charlie Hebdo»-ProzessIm Namen der Opfer hielt er Kampfreden für die Freiheit

Heute Mittwoch wird das Urteil im grössten Terrorprozess der vergangenen Jahre in Frankreich erwartet. Einer der Helden war Richard Malka, der als Anwalt die Überlebenden von «Charlie Hebdo» vertrat.

In Montpellier wird die Frontseite der Zeitschrift «Charlie Hebdo» auf ein öffentliches Gebäude projiziert.
In Montpellier wird die Frontseite der Zeitschrift «Charlie Hebdo» auf ein öffentliches Gebäude projiziert.
Foto: EPA

An jedem Verhandlungstag des «Charlie Hebdo»-Prozesses in Paris bildeten sich lange Schlangen vor dem Gericht. Insgesamt vier Säle standen zur Verfügung, um den Prozess per Videoübertragung zu verfolgen, doch die Plätze reichten oft nicht aus. Schon bevor er begonnen hatte, galt der Prozess als historisch. Schliesslich war das Land im Januar 2015 so hart getroffen worden, dass man von einem nationalen Trauma sprechen kann. Der Anschlag auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo», die Ermordung einer Polizistin, die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt. Insgesamt 17 Tote. Der Prozess solle helfen, eine Heilung zu ermöglichen, hiess es im Vorfeld.

An diesem Mittwoch wird das Urteil erwartet, von Heilung ist wenig zu spüren. Doch die Menschen auf den Zuschauerrängen suchten nicht nur Erkenntnis und Klarheit. Sie wollten auch Stars sehen. Einen Star wie Richard Malka.

«Die Freiheit, Gott scheisse zu finden»

23 Jahre war Malka alt, als er die «Charlie Hebdo»-Redaktion kennen lernte. Es war der Sommer 1992, Malka war noch kein vereidigter Anwalt und wurde dennoch zum Berater der Zeichner, die das Satiremagazin wieder aus der Versenkung holen wollten. Heute ist Malka 52 Jahre alt. Und nicht nur seine Karriere, sondern auch sein ganzes Leben steht im Zeichen von Charlie. Er hat die Redaktion verteidigt, als sie 2007 wegen der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen angeklagt wurde. Er vertritt nun die Überlebenden des Attentats vor Gericht. Den Zeichner Charb, der am 7. Januar 2015 von dem islamistischen Bruderpaar Saïd und Chérif Kouachi ermordet wurde, nennt Malka «seinen besten Freund».

Ein Staranwalt: Richard Malka war 23 Jahre alt, als er die Charlie-Hebdo-Redaktion kennenlernte.
Ein Staranwalt: Richard Malka war 23 Jahre alt, als er die Charlie-Hebdo-Redaktion kennenlernte.
Foto: Getty

Als Malka vergangene Woche sein Abschlussplädoyer hielt, beschrieb der Schriftsteller Yannick Haenel dies als «Katharsis». Ein grosses Wort – das zu Malka passt. Schliesslich geht es immer um das Grosse, wenn er vor Gericht auftritt. Auf dem Papier vertritt er seine Klienten, doch seine Plädoyers sind grundsätzliche Kampfreden für die Freiheit.

Meistens geht es um «die Freiheit, Gott scheisse zu finden», wie Malka es ausdrückt. Er verteidigt nicht nur «Charlie Hebdo», sondern auch den Teenager Mila. Die junge Frau war in Frankreich als Opfer einer Einschüchterungskampagne fanatischer Muslime berühmt geworden. Mila hatte in einen Instagram-Video den Islam beleidigt, nachdem sie zuvor von Muslimen homophob beschimpft worden war. Vor Gericht erklärte Malka nun noch einmal, worum es für ihn geht, wenn er das Recht auf Blasphemie verteidigt: Charlie «karikiert den religiösen Fanatismus, nicht die Religion».

Tag und Nacht unter Polizeischutz

Wie gefährlich es ist, sich den Fanatikern entgegenzustellen, spürt Malka seit fünf Jahren jeden Tag. Seit dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» steht er, wie die Mitglieder der Redaktion, Tag und Nacht unter Polizeischutz.
Seinen leidenschaftlichen Einsatz für eine Freiheit, die er als Wert über alles stellt, auch über den Respekt, begründet Malka auch mit seiner Erziehung. Er wird im Jahr 1968 als jüngster von drei Brüdern in einem bescheidenen Viertel von Paris geboren. Die Eltern sind aus Marokko eingewanderte Juden, der Vater arbeitet als Damenschneider, die Mutter kümmert sich um den Haushalt. Sie erwarten von ihren Söhnen, dass sie «französischer sind als die Franzosen», so Malka. Eine Angepasstheit, gegen die er rebelliert, indem er sein Leben dem intellektuellen Streit widmet.

In dem Charlie-Prozess zeigte sich Malka nun auch in einer für ihn eher ungewohnten Rolle. Er trat nicht nur kämpferisch auf, sondern auch versöhnlich. Er hob hervor, dass der Rektor der Grossen Moschee von Paris, der Anwalt Chems-Eddine Hafiz, heute zu seinen zuverlässigen Mitstreitern für Meinungsfreiheit gehört. 2007 war Hafiz noch einer von jenen, die «Charlie Hebdo» wegen der Mohammed-Karikaturen vor Gericht brachten.
«Ich bin nicht Charlie», sagt Hafiz heute, «aber Charlie soll frei sein, Charlie soll leben.»

14 Kommentare
    B.Schweizer

    Chams-Eddine Hafiz ist für mich mit seiner Haltung ein Lichtblick.

    «Ich bin nicht Charlie», sagt Hafiz heute, «aber Charlie soll frei sein, Charlie soll leben.» Darum geht es doch. Ob er wohl auch unter Polizeischutz steht?

    Tragisch, dass die mittelalterlichen, religiösen Eiferer noch Lichtjahre von dieser Haltung entfernt sind.