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Sexverbrechen wühlt Indien aufIm Abgrund der «Unberührbaren»

Eine junge Frau stirbt nach einer brutalen Vergewaltigung, Polizei und Politiker schützen die Täter. Der Fall zeigt, wie tief verwurzelt die Kastenordnung im Land noch immer ist.

Schluss mit der Gewalt gegen Frauen: Proteste in Delhi nach dem Sexualverbrechen in Bulgarhi im Norden Indiens.
Schluss mit der Gewalt gegen Frauen: Proteste in Delhi nach dem Sexualverbrechen in Bulgarhi im Norden Indiens.
Foto: Keystone

Der Onkel brauchte nur einen einzigen Satz, um das kurze Leben seiner 20-jährigen Nichte zu beschreiben: «Sie war ein Superstar.» Das war seine Art, den Schmerz zu bewältigen. Er wollte seine Nichte noch einmal in Gedanken aufleben lassen, obgleich sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr zu retten war. Zwei Wochen lang kämpfte die Frau um ihr Leben, sie machte auch noch Aussagen vor der Polizei, bevor sie Ende September in einem Spital an ihren Verletzungen starb.

Seither vergeht kaum ein Tag, an dem sich indische Medien nicht mit dem Verbrechen aus dem Distrikt Hathras beschäftigen. Erinnerungen werden wach an die Qualen einer Studentin in Delhi mehrere Männer hatten sie 2012 nachts in einen Bus gelockt, sie vergewaltigt und auf brutalste Weise gefoltert. Um das Leben der jungen Frau hatten die Ärzte ebenfalls wochenlang gekämpft, das Verbrechen löste damals Proteste aus, wie sie der Staat Indien bis dato nicht gesehen hatte.

Eine toxische Mischung aus tradierter Männerherrschaft und tief verwurzelter Kastenordnung gefährdet die Frauen.

Im jüngsten Fall, der das Land nun erneut aufgewühlt hat, liegt der Tatort nicht in der Metropole, sondern in der nordindischen Provinz. Die 20-Jährige sammelte gerade Futter für das Vieh ein, als der Überfall geschah. Mutmasslich wurde sie von vier Männern vergewaltigt, deren Namen sie selbst in den letzten Stunden ihres Lebens noch der Polizei nennen konnte. Gestorben ist sie an Verletzungen der Wirbelsäule, nachdem sie mit einem Schal gewürgt worden war. Weil es sich um ein mutmassliches Sexualverbrechen handelt, wird nach indischem Recht der Name des Opfers nicht öffentlich genannt.

Nicht nur die Tat, sondern auch die Ermittlungen lassen Abgründe einer Gesellschaft erkennen, in der eine toxische Mischung aus tradierter Männerherrschaft und tief verwurzelter Kastenordnung Leben und Gesundheit von Frauen gefährdet, besonders häufig von jenen, die sozial ganz unten stehen. Das Opfer gehörte der Gruppe der Dalits an, früher als «Unberührbare» bekannt.

Ihre Familie zählt in ihrem Dorf Bulgarhi, 200 Kilometer von Delhi entfernt, zur Minderheit. Überwiegend leben dort Menschen, die höheren Kasten zugerechnet werden. Wenn Recherchen der Zeitung «The Hindu» zutreffen, wurde das Opfer und dessen Familie schon lange vor dem Angriff diskriminiert und bedroht.

Polizei lässt Leiche eiligst verbrennen

Die mutmasslichen Täter gehören einer oberen Kaste an, sie erhalten nun öffentlich Rückhalt aus Kreisen der hindu-nationalistischen BJP. Einer der Parteiführer organisierte ein Treffen in seinem Haus zur Unterstützung der Verdächtigen: Die Vorwürfe seien falsch, hiess es. Der Onkel der Toten sagte, dass seine Nichte am liebsten zu Hause blieb, wenn sie konnte, aus Angst, was Männer der oberen Kasten mit den Dalit-Mädchen oft machten, draussen in den Getreidefeldern.

Aber das ist noch nicht alles. Die Leiche der Verstorbenen wurde nach ihrem Rücktransport von der Klinik ins Dorf noch in der Nacht eiligst verbrannt, während die Familie ferngehalten wurde. «So wurden wir zweimal bestraft», klagte ein Bruder im Gespräch mit der Zeitung «The Hindu». «Ich wollte doch nur bis zum Morgen warten und meine Schwester in neue Kleider hüllen für ihre letzte Reise.»

Politik unter Druck: Demonstranten verbrennen ein Bild von Yogi Adityanath, Ministerpräsident des Bundestaates Uttar Pradesh, wo das Sexualverbrechen passierte.
Politik unter Druck: Demonstranten verbrennen ein Bild von Yogi Adityanath, Ministerpräsident des Bundestaates Uttar Pradesh, wo das Sexualverbrechen passierte.
Foto: Keystone

Eine Kette mutmasslicher Verfehlungen durch die Polizei überschattet den Fall. Die Behörden können nicht erklären, weshalb sie die Anzeige des Verbrechens erst sehr spät aufgenommen haben. Ausserdem ist da die übereilte Verbrennung, ohne Zustimmung der Familie. Sie legt den Verdacht nahe, dass der Körper möglichst schnell verschwinden sollte, vielleicht um weitere Untersuchungen unmöglich zu machen.

Rätselhaft erscheint auch, dass die Polizei des Bundesstaates Uttar Pradesh schliesslich erklärte, es habe in diesem Fall gar keine Vergewaltigung gegeben. Zur Begründung brachte sie vor, dass kein Sperma nachzuweisen gewesen sei.

Diese Einschätzung widerspricht allerdings dem ersten medizinischen Bericht des Spitals, auf das sich das Onlinemagazin «The Wire» beruft. Die Journalisten hatten nach eigenen Angaben Einsicht in die Akte und Ausschnitte als Beleg veröffentlicht. Darin diagnostizierten die Ärzte eine «komplette Penetration», ob mit oder ohne Kondom, bleibt unklar. Auch weiss man nicht, ob Gegenstände zur Folter verwendet wurden, wie im Fall der Studentin 2012.

«Horror von Hathras» könnte Wahlen beeinflussen

Inzwischen haben Bürger eine Petition beim indischen Verfassungsgericht eingereicht, um Gerechtigkeit einzufordern. Proteste gab es landesweit. Unter Druck steht der Ministerpräsident des Bundestaates Uttar Pradesh, Yogi Adityanath, ein prominenter Hardliner der BJP. Er hat inzwischen den örtlichen Polizeichef und weitere Beamte entlassen, wegen angeblichen Missmanagements und Schlamperei im Fall der getöteten Frau.

Kritiker klagen allerdings, der BJP-Politiker wolle vom eigenen Versagen ablenken. Der Fall strahlt zunehmend in die Politik aus, was kein Zufall ist. Oppositionspolitiker besuchten die Familie des Opfers. Und das Magazin «India Today» mutmasst, dass der «Horror von Hathras» die wichtigen Wahlen im Bundesstaat Bihar beeinflussen könnte. Dalits erfahren noch immer starke Diskriminierung in ganz Indien, doch sie sind auch eine umworbene Wählerschicht, gerade in Bihar, wo nahezu jeder fünfte Wähler zur Gruppe der Dalits gehört.

12 Kommentare
    Hans Brunner

    Bei der Apartheid war die Weltgemeinschaft (fast) geschlossen konsequent in der Ablehnung und mit Sanktionen. Höchste Zeit, das gleiche bezüglich Kastensystem (real und nicht nur auf dem Papier) anzuwenden.