Zum Hauptinhalt springen

Leitartikel zu Corona in der RomandieIgnoranz kostet und kann tödlich sein

Die Nonchalance der Westschweizer und die irrwitzigen Ratschläge ihrer Politiker zeigen sich in den Pandemiezahlen. Das Umdenken kommt spät.

Dieses pandemische Lebensgefühl: Protest gegen die Corona-bedingte Schliessung von Gaststätten in Lausanne.
Dieses pandemische Lebensgefühl: Protest gegen die Corona-bedingte Schliessung von Gaststätten in Lausanne.
Foto: Cyril Zingaro (Keystone)

Die Corona-Pandemie spaltet die Sprachregionen wie schon lange nicht mehr.

Die Romandie schleppt sich durch die zweite Welle. Ärztinnen und Pfleger bewältigen eine Rekordzahl an Hospitalisierungen. Bestatter arbeiten am Limit. Die Deutschschweiz dagegen kam bisher glimpflich davon. Selbst die deutschsprachigen Gebiete in den Kantonen Freiburg und Wallis haben weniger Corona-Fälle als die frankofonen Distrikte. Patienten aus der Romandie müssen in den Unikliniken in Bern, Basel und Zürich versorgt werden, um die überforderten Spitäler in der Romandie zu entlasten.

Westschweizer Spitäler arbeiten wegen der Corona-Krise an der Kapazitätsgrenze. Im Dunkeln bleibt, warum sich in der Romandie derart viele Menschen mit Corona infizieren.
Westschweizer Spitäler arbeiten wegen der Corona-Krise an der Kapazitätsgrenze. Im Dunkeln bleibt, warum sich in der Romandie derart viele Menschen mit Corona infizieren.
Foto: Anthony Anex (Keystone)

Warum trifft die Pandemie den französischen Teil der Schweiz am härtesten? Wer begeht die entscheidenden Fehler: die Behörden oder die Bevölkerung? Lässt sich diese Frage mit sprachkulturellen Differenzen erklären?

Diese Fragen stellen sich die Romands kaum. Stellen sie aber die Deutschschweizer, wird das im Welschland reflexartig als Einmischung empfunden, als Affront und Beleidigung. Die Reaktionen sind heftig. Es gilt, auf keinen Fall eine Flanke zu öffnen und Zeichen von Schwäche zu zeigen.

Inzwischen musste die Wissenschaft mit Blick auf die Situation in der Romandie eingestehen, dass sie weiss, dass sie nichts weiss. Und wo keine wissenschaftlichen Fakten vorliegen, bleibt Raum für Hypothesen.

Womöglich stecken hinter der Infektions-Hausse kleine, feine Unterschiede im Sozialverhalten wie der lebhafteren Art, sich zu unterhalten, oder der intuitiven Gewohnheit, dem Gegenüber nahezukommen. Und vielleicht ist eine gewisse Nonchalance bei der Einhaltung der Schutzmassnahmen mitschuldig, weil sich der Respekt vor dem Virus verflüchtigt hat.

Im Privaten will man das tun, was einem gefällt.

Sicher spielt mit, dass sich viele Romands einfach selbst am nächsten sind. Im Privaten will man das tun, was einem gefällt. Man weiss ja, dass sich der Staat um das Gemeinwohl kümmert, also auch darum, schwer erkrankten Corona-Patienten das Leben zu retten.

Ihr Eigenwohl über das öffentliche Interesse stellten in den letzten Wochen in Genf mehrere Tausend Staatsangestellte, die dreimal auf Plätzen gegen Sparmassnahmen ihrer Kantonsregierung protestierten. Das ist in Pandemiezeiten ein Schreckensszenario und auch wirtschaftlich nicht zu rechtfertigen.Den Kanton Genf plagen 12 Milliarden Franken Schulden. Die Regierung dachte zunächst an minimste Lohnkürzungen und wird am Ende die Lohnerhöhungen für 2021 streichen, jedoch 350 neue Stellen schaffen. Auch so klafft im Budget 2021 noch immer ein 800-Millionen-Franken-Loch.

Wie kann man inmitten des Pandemie-Hotspots Genf noch protestieren, zumal andere Arbeitnehmer wegen Kurzarbeit mit 20 Prozent Lohnreduktion leben und um ihren Job bangen müssen? Ist diese Art Protest nicht auch als Zeichen von Ignoranz und Desozialisierung zu verstehen?

Vielleicht werden die Gründe für die hohen Infektionszahlen irgendwann in Studien geklärt. Vielleicht aber auch nicht. Unzulässig ist es jedenfalls, die Pandemie Monate nach deren Ausbruch noch immer damit zu erklären, die Romandie sei eben weltoffener und international vernetzter. Zürich, Bern oder Basel sind auch keine von der Welt abgenabelten Einsiedeleien. Und der Verdacht, Deutschschweizer würden sich eben weniger testen lassen, ist eine Mär. Das zeigt sich an den Positivitätsraten.

Kritische Fragen als Kulturkampf zu interpretieren und kategorisch abzublocken, ist der falsche Weg. Auch die Deutschschweiz hat ein Recht, sich nach Gründen für anhaltend hohe Fallzahlen in der Romandie zu erkundigen und im besten Fall zu erfahren, wie sie sich erklären lassen. Wenn es nämlich darum geht, in Bundesbern für Millionenentschädigungen für die Corona-geschädigte Wirtschaft zu weibeln, sind Westschweizer Politiker an vorderster Front präsent.

«Die akutesten Gesundheitsrisiken bestehen nicht, wenn man sein Fondue isst, sondern wenn man bis in die Nacht hinein Alkohol trinkt.»

Philippe Leuba, Waadtländer FDP-Regierungsrat

Die Bundeskasse gehört bekanntlich allen. Für Versäumnisse zahlt das ganze Land mit. Auch für die Konsequenzen irrwitziger Äusserungen von Entscheidungsträgern wie dem Waadtländer Volkswirtschaftsdirektor Philippe Leuba (FDP). Dieser sprach während der ersten Corona-Welle in der «Tagesschau» von einer Grippe und riet, sich mit Dafalgan gesund zu pflegen.

Mitten in der zweiten Corona-Welle sagte Leuba dann: «Die akutesten Gesundheitsrisiken bestehen nicht, wenn man sein Fondue isst, sondern wenn man bis in die Nacht hinein Alkohol trinkt.» Das tönte wie eine hochoffizielle Aufforderung zu geselligen Fondue-Abenden.

Doch für die Westschweiz gibt es einen Lichtblick. Insbesondere die Schliessung von Bars, Restaurants, Diskotheken und Nachtclubs scheint zu wirken. Die Fallzahlen sinken. Der Druck auf die Spitäler nimmt zumindest in den Landkantonen Wallis und Jura ab, in Genf und Waadt dürfte wohl bald dasselbe passieren. Das sind gute Aussichten. Abermalige Déjà-vus darf es nicht geben.

55 Kommentare
    M.A. Matter

    Liest man die heutige NZZ am Sonntag, kommt man zu ganz anderen Einsichten: Die Westschweiz hat das Virus besser im Griff. Dies unterstützt durch Fakten. Im Vergleich dazu ist dieser Leitartikel substantiell erbärmlich. Dass in der schweizweit so mächtig gewordenen Tamedia-Presse solch verantwortungslose Vorurteile geschürt werden, ist bedenklich.