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Videobotschaft von Alexei Nawalny«Ich weiss, wer mich töten wollte»

Nach den jüngsten Enthüllungen zum Nowitschok-Anschlag meldet sich der russische Oppositionelle zu Wort. Er weiss viel über die «geheime Gruppe von FSB-Mördern», die ihn umbringen wollte.

«Die FSB-Gruppe hat einmal fast meine Frau getötet»: Alexei Nawalny, Putin-Kritiker und Oppositionspolitiker in Russland.
«Die FSB-Gruppe hat einmal fast meine Frau getötet»: Alexei Nawalny, Putin-Kritiker und Oppositionspolitiker in Russland.
Foto: Keystone

Alexei Nawalny meldet sich per Video, hinter ihm sieht man deutschen Herbstwald durchs Fenster. «Hallo, hier ist Nawalny», sagt der russische Oppositionelle. «Ich weiss, wer mich töten wollte. Ich weiss, wo sie leben. Ich weiss, wo sie arbeiten. Ich kenne ihre richtigen Namen. Ich kenne ihre falschen Namen. Ich habe Fotos von ihnen.» Kurz hält er einige Fotos hoch. Nawalny hat viel zu sagen über diese «geheime Gruppe von FSB-Mördern».

Ihre Namen stammen aus einer Recherche von «Bellingcat» und «The Insider», unterstützt vom «Spiegel» und von CNN. Die Journalisten haben Telefondaten ausgewertet und Bewegungsprofile erstellt. Sie deuten darauf hin, dass eine Gruppe aus mindestens acht Mitarbeitern des russischen Inlandsgeheimdiensts (FSB) Nawalny seit Anfang 2017 auf seinen Reisen verfolgt hat. Damals hatte Nawalny erklärt, er wolle bei der Präsidentschaftswahl 2018 kandidieren.

Chemiewaffenexperte gehörte zu FSB-Gruppe

Dass Nawalny beschattet wurde, ist keine Neuigkeit. Doch der FSB stellte dafür ausgerechnet Mediziner und Chemiker ab – offenbar sollten die ihn nicht nur ausspionieren. Drei von ihnen verfolgten ihn im letzten August bis ins sibirische Tomsk. Auf dem Rückflug nach Moskau brach Nawalny im Flieger zusammen. Mehrere Labore kamen später zu dem Schluss, dass er mit einem Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe vergiftet wurde. Nawalny erholt sich immer noch in Deutschland von dem Anschlag.

Die Investigativjournalisten von «Bellingcat» und ihre Partner haben bereits im Oktober eine Recherche zum russischen Chemiewaffenprogramm veröffentlicht, das offiziell längst beendet ist. Doch einige der Experten von damals haben sich den Recherchen zufolge später auf verschiedene Forschungseinrichtungen verteilt, wo sie ihre Arbeit im Geheimen fortsetzten.

Zu der FSB-Gruppe, die Nawalny beschattete, gehörte nun womöglich einer dieser Chemiewaffenexperten: Stanislaw Makschakow hatte früher unter anderem in der damals geschlossenen Militärstadt Schichany gearbeitet, wo auch Nowitschok entwickelt wurde. Ihn riefen die FSB-Männer, die Nawalny in Tomsk überwachten, in der Nacht vor dessen Abflug mehrmals an.

EU prüft Sanktionen gegen entlarvte Agenten

Ein anderer der acht enttarnten Agenten ist der Arzt Oleg Tajakin, der im Institut für forensische Kriminalistik des FSB arbeitet. Das Institut, 1977 zu Sowjetzeiten gegründet, bietet Lügendetektortests an, Gesichtserkennung, Roboter, um Bomben zu entschärfen, und es ermittelt nach Terroranschlägen.

Zu Sowjetzeiten diente es auch als geheimes Giftlabor und wurde mit der Ermordung westlicher Diplomaten beauftragt. Tajakin rief der FSB-Beschattungstrupp im Juli mehrmals von Kaliningrad aus an – dort machte das Ehepaar Nawalny damals Ferien. Julia Nawalnaja ging es eines Nachmittags so schlecht, dass ihr Mann nun im Video sagt, die FSB-Gruppe hätte «einmal fast meine Frau getötet». Ob Nawalnajas Zusammenbruch ein misslungener Anschlag war, lässt sich nicht sicher sagen, erscheint aber möglich.

Die deutsche Regierung und die EU haben längst den FSB für den Anschlag auf Nawalny verantwortlich gemacht. Für sie ist klar: Die Vergiftung mit einem Nervenkampfstoff kann nur vom Geheimdienst ins Werk gesetzt worden sein, weshalb FSB-Chef Alexander Bortnikow zu jenen Russen gehört, die im Oktober von der EU mit Einreiseverbot und Vermögenssperre belegt wurden.

«Wir können kein Ermittlungsverfahren eröffnen, jedes Mal wenn jemand dem Tod entrinnt.»

Wladimir Putin, Präsident Russlands

Die neuen Erkenntnisse zum Fall Nawalny bestätigten die bisherigen Einschätzungen. Ob nun auch die entlarvten Agenten mit Sanktionen belegt werden, dürfte geprüft werden. Die Hürden in der EU sind dafür allerdings hoch.

Die russische Regierung verweist auf mittlerweile vier Rechtshilfeersuche an Deutschland. Diese würden auch bearbeitet, heisst es in Berlin. Zu wesentlichen Teilen könne ihnen aber nicht entsprochen werden – schon, weil in Russland keine förmlichen Ermittlungen eingeleitet wurden. Man könne nichts untersuchen ohne das Material aus Deutschland, heisst es dagegen aus Moskau. «Wir können kein Ermittlungsverfahren eröffnen, jedes Mal wenn jemand dem Tod entrinnt», sagte Putin noch vergangene Woche zum Fall Nawalny.

Putin-Feind Nawalny will nicht still bleiben, auch wenn sein Leben in Russland, wohin er zurückkehren möchte, gefährlich bleibt. «Das ist eine Entscheidung, die ich vor langer Zeit getroffen habe», sagt er. Und weiter: «Ich empfinde keine Rachegefühle, zu meiner eigenen Überraschung. Ich bin jetzt nur viel fokussierter.»

41 Kommentare
    hansjoerg hosch

    Auf der ganzen Welt, auch im Westen, werden Regimegegner eingeschüchtert oder getötet. So auch in Russland, mit oder ohne Einverständnis des Chefs. Russland ist da wahrscheinlich eines der aktivsten. Aber was für ein Interesse hat der Westen bzw. die NATO, sich in dieses russlandinterne Ereignis einzumischen? Skripal war in England, da kann man es noch halbwegs verstehen. Navalny geht den Westen eigentlich nichts an, ausser, die NATO will die Story nutzen, um im Westen Antipathien gegen Russland zu schüren. Ich meine, wir sollten eher versuchen, mit Russland (nicht unbedingt mit Putin und seinen Rüpelspezis) langfristig in ein nachbarliches Verhältnis zu kommen, besser als mit dem MIK in den USA.