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Nachruf auf Mike ShivaUnterschätzter Sorgenonkel der Nation

Der verstorbene Hellseher Mike Shiva war für die Schweiz mehr als ein skurriler Aussenseiter.

Empathie und Menschenkenntnis: Mike Shiva.
Empathie und Menschenkenntnis: Mike Shiva.
Foto: Nicole Pont

Vor den Vorstellungen sass Mike Shiva jeweils im Vorzelt des Circus Royal und plauderte mit den Gästen. Sofern nicht gerade eines seiner sieben Mobiltelefone klingelte, die er für seine Beratungen mit sich führte. «Hier fühle ich mich wohl, hier hat es Platz für schräge Vögel», sagte er.

Zum Zirkus kam er 2017, nachdem er sein Wahrsagerimperium Shiva.tv verkauft hatte. Laut eigenen Angaben sei er damals übers Ohr gehauen worden, er habe keinen Franken gesehen. «Ich war für mich selbst ein schlechter Wahrsager», witzelte er.

Lesen Sie hier den Bericht zu einem Treffen mit dem Esoterikers 2019: Mike Shiva über Liebe, Betrug und die Teufel in seinem Umfeld

Den Circus Royal gibt es seit letztem Jahr nicht mehr, und nun ist auch Mike Shiva nach schwerer Krankheit gestorben. Dieser Mann mit Indianerkopftuch und braun geschminktem Gesicht, den die einen als Heilsfigur sahen, die anderen als Scharlatan, der einsamen Seniorinnen mit kostenpflichtigen Telefonberatungen das Geld aus der Tasche zog.

Seine Wahrsagerei bestand darin, den Leuten genau zuzuhören, sie mit ihren Sorgen ernst zu nehmen und ihnen gut zuzusprechen.

Wer Shiva spätnachts im Privatfernsehen genau beobachtete, der merkte jedoch: Der berühmte Hellseher machte keine falschen Versprechungen. Seine Wahrsagerei bestand darin, den Leuten genau zuzuhören, sie mit ihren Sorgen ernst zu nehmen und ihnen gut zuzusprechen. Dabei halfen ihm seine ausgeprägte Menschenkenntnis und Empathie.

Im Gegensatz zu anderen Exponenten der Branche behauptete er nie, etwas anderes zu tun. Karten lege er nur, weil viele Kundinnen dies verlangten, nötig sei das nicht. Wer verspreche, genaue Voraussagen machen zu können, sei unseriös, sagte er stets.

Diese ehrlichen Worte wollten aber weder Kritiker noch Fans so richtig wahrhaben. Es hätte beiden das Bild kaputtgemacht, das sie von Mike Shiva hatten.

Für die Schweiz jedenfalls war er mehr als eine skurrile Aussenseiterfigur. Ein liebenswürdiger Mensch voller Selbstironie, der mit seinem positiven Weltbild vielen Leuten Mut machte – auch wenn er dafür etwas Geld verlangte. Und alle anderen immerhin etwas zum Schmunzeln brachte.