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Allschwiler Autorin Sandra Hughes«Ich traue den Menschen alles zu»

Ihr Krimidebüt «Tessiner Verwicklungen» belegt Spitzenplätze auf den Schweizer Bestsellerlisten. Vielleicht liegt das daran, dass sich Sandra Hughes ihrer Heldin von der Kripo so nahe fühlt. Oder daran, dass sie sich auf Rache-Motive bestens versteht.

Schreiben ist für Sandra Hughes «wirklich existenziell». Mit ihrer Krimi-Heldin Emma Tschopp verbringt sie derzeit wieder viele Stunden am Schreibtisch.
Schreiben ist für Sandra Hughes «wirklich existenziell». Mit ihrer Krimi-Heldin Emma Tschopp verbringt sie derzeit wieder viele Stunden am Schreibtisch.
Foto: Nicole Pont

Frau Hughes, Ihre Heldin Emma Tschopp ist bei der Baselbieter Kriminalpolizei. Was hat sie mit Ihnen, der Autorin aus Allschwil, gemeinsam?

Sie mag blutiges Entrecôte, so wie ich. In den «Tessiner Verwicklungen» heisst das dann Bistecca. Blauschimmelkäse mögen wir auch. Und Hunde.

Besitzen Sie auch einen Labrador?

Ich habe gar keinen Hund. Leider nicht. Das lässt mein Alltag nicht zu. Emma, die alleinstehende Ermittlerin, hat einen schönen schwarzen Labrador. Ihn nimmt sie im Campingbus überall hin mit. Vor allem teilen Emma und ich aber die Faszination für das Abgründige, für heftige Gefühle.

Welche denn?

Rache, zum Beispiel. Das Konzept von der Rache treibt mich um, es kommt in allen meinen vier bisherigen Romanen vor, in den verschiedensten Formen.

Rache ist ein dankbares Motiv, es ist der Motor unzähliger Geschichten. Welche hat Sie besonders beeinflusst?

Das stimmt schon. Nur bin ich, glaube ich, weniger aus der Literatur inspiriert, als dass ich es selber nachvollziehen kann, sich zu rächen. Rache scheint mir naheliegend.

«Ich bin tendenziell schon rachsüchtig. Wie und ob ich das auslebe, ist eine andere Frage.»

Sandra Hughes, Schriftstellerin

Frau Hughes, sind Sie etwa rachsüchtig? Sie müssen jetzt nicht antworten …

(lacht) Ich bin tendenziell schon rachsüchtig. Ich gebe es ja zu. Wie und ob ich das auslebe, ist eine andere Frage. Da gibts natürlich Filter.

Rache ist also ein natürlicher Affekt?

Für mich auf jeden Fall. Und den Menschen traue ich sowieso alles zu. Das haben Emma Tschopp und ich auch gemeinsam.

Dieses Ur-Misstrauen kommt Emma in ihrem Beruf zugute. Sie lässt sich zum Beispiel von den beiden ersten Hauptverdächtigen bewirten und stellt im behaglichsten Moment harte Fragen. Eine entwaffnende Qualität. Sie mögen Direktheit, nicht wahr?

Ja, natürlich. Ich bin ja mit Emma an diesem Tisch gesessen! All diese Konventionen, wie man zu sein hat, und dieses spürbare Ehe-Theater: Da muss sie doch einfach mitten hinein stupfen.

Sie kennen sich in der Region Basel aus und seit Ihrer Kindheit auch in der Innerschweiz. Ihr erster Krimi spielt aber im Tessiner Dorf Meride. Und zwar so authentisch, man könnte meinen, Sie lebten dort. Wie vertraut sind Sie mit dem Schauplatz wirklich?

Das Tessin ist keine Gegend, die mir per se immer schon nah gewesen wäre. Das trifft eher auf die Innerschweizer Berge zu, wohin wir von Luzern aus fuhren. Ich habe ausgehend vom Tatort Spaghettifabrik einen Handlungsort gesucht. So landete ich im Tessin.

Der Roman beginnt mit einer Leiche im Kühlraum der Pasta-Dynastie Savelli. Wie kamen Sie ausgerechnet auf eine Spaghettifabrik?

Es gibt so eine in der Toskana. In Lari. Die habe ich vor Jahren als Touristin besucht. Ich war total fasziniert von dieser Fabrik, von diesem traditionsreichen Familienbetrieb. Die Geschichten haben wohl sofort angefangen in mir zu wuchern. Und als ich einen Stoff suchte, sind die Fabrik und die Familie hochgekommen, wie nach einer langen Gärung.

Wussten Sie da schon, dass der Stoff einen Kriminalroman hergibt?

Ja. Ich wollte wissen, ob ich auch einen Krimi schreiben kann.

Tatsächlich ist der Krimi-Markt nicht nur auflagenträchtig, sondern auch hart umkämpft. Die Konkurrenz ist beträchtlich. Wie gross ist Ihr Bestseller-Hunger?

Ich habe zwar von Anfang an gesagt: Ich schreibe jetzt einen Krimi. Aber aus eigenem Antrieb. Nicht weil ich unbedingt einen Bestseller landen wollte. Ich bin extrem neugierig, mich als Autorin auszuprobieren.

Was ist anders beim Krimischreiben?

Ich muss die Geschichte von ihrem Ende her denken. Bei meinen Romanen habe ich die schöne Erfahrung gemacht, dass ich einer Figur oder einer Idee einfach folgen kann. Ich brauchte immer nur die Grundidee, kein ausgefertigtes Konzept.

Der Krimi zwingt Sie zu mehr Disziplin?

Als Disziplinierung habe ich es nicht empfunden, nein. Es ist einfach ein ganz anderes Vorgehen: von hinten beginnen. Ich kann die Figuren innerhalb ihres Rahmens dennoch laufen lassen. Ich muss sie am Schluss nur dorthin führen, wo sich alle Fäden verknüpfen.

«Ich bin eigentlich keine klassische Krimileserin.»

Sandra Hughes, Schriftstellerin

Ihr Krimi trägt den Untertitel: «Der erste Fall für Tschopp & Bianchi». Wirds eine Serie?

Ich bin an den Stoff ursprünglich ohne diesen Hintergedanken heran. Dann habe ich so Gefallen daran gefunden, mit Emma unterwegs zu sein, dass ich dachte: Boah, mit ihr möchte ich noch mehr Abenteuer erleben. Schönerweise …

… sagte der Verlag: Gutes Buch, aber wann können Sie mehr liefern?

Schönerweise habe ich mit dem Krimi zunächst mal einen Verlag gefunden. Und der Verleger zeigte sich an einer Fortsetzung interessiert.

Sitzen Sie schon dran?

Ja, ich bin voll dran.

Und Emmas sachlicher Widerpart, der Tessiner Commissario Bianchi, ist wieder mit von der Partie?

Ja. Sie muss ihn unterstützen gehen. Ich bin mit Emma gerade in Morcote unterwegs. Der Parco Scherrer am Luganersee wird für die Geschichte ein vielfach aufgeladener Ort.

Wann kommen Sie eigentlich zum Schreiben?

Ich arbeite 60 Prozent. Von daher habe ich sicher zwei Wochentage, die fix fürs Schreiben reserviert sind. Dazu kommen die Wochenenden – also: wann immer es geht. Das Schreiben ist für mich wirklich existenziell.

Welche Krimiautoren lieben Sie?

(zögert) Ich habe mich in verschiedene Autorinnen und Autoren eingelesen – von denen, die ganz viel Material zwischen den Buchdeckeln aufblasen und mir weniger nah sind, bis zu ganz feinziselierten, abgründigen Romanen, etwa von Patricia Highsmith. Ich bin aber eigentlich keine klassische Krimileserin.

Trotzdem schreiben Sie jetzt welche.

Weil ich es wollte. Ich mache gern solche Tests mit mir. Da bin ich ein wenig getrieben. Vor fünf Jahren habe ich deshalb mit Slam-Poetry angefangen, bin mit diesen Maximal-sechs-Minuten-Texten auf die Bühne.

Und?

Ich finde es super. Habe entdeckt, dass ich eine Rampensau sein kann. Aber ich habe mich für die Slams sozusagen pensioniert, das ist mit dem Herumreisen von Veranstaltung zu Veranstaltung einfach zu anstrengend.

Sind Sie eine Schnellschreiberin?

Nein, schnell bin ich nicht. Aber eine regelmässige Schreiberin.

Und wann sind Sie zufrieden mit Ihrem Produkt?

Ich lese jeden Morgen die am Vortag geschriebenen Passagen. Schaue, dass es sprachlich und rhythmisch stimmt. Die Sprache ist absolut zentral. Für den Plot gibts eher wenige Kriterien, auf die hin ich streng überprüfe. Aber kürzlich hatte ich solche Glücksgefühle, weil eine Figur plötzlich so gehandelt hat, dass sich die Fäden verbunden haben. Ich kann ja nicht alles schon auf dem Reissbrett durchdenken.

Ihre Bücher sind, bis auf das allererste, eher knapp gehalten. Portionieren Sie Ihre Stoffe ökonomisch oder kürzen Sie Ihre Entwürfe radikal?

Ich habe das dicht Erzählte gern. Aber ich nehme es mir nicht vor. Ich sage nie: So, Sandra, jetzt schreibst du ein dünnes Buch. Das läge mir fern. Ich folge der Figur, habe einen Plot, und dann ist einfach irgendwann fertig erzählt. Das kommt alles sehr intuitiv. Ich mache einfach.