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Abgesagter Musik-Event«Ich muss mich ganz anders motivieren»

Wegen der Corona-Krise findet die Baloise Session dieses Jahr nicht statt. CEO Beatrice Stirnimann hat aber auch so beide Hände voll zu tun.

Ihr Business leidet unter der Corona-Krise: Beatrice Stirnimann, CEO der Baloise Session, kämpft um ihren Event.
Ihr Business leidet unter der Corona-Krise: Beatrice Stirnimann, CEO der Baloise Session, kämpft um ihren Event.
Foto: Nicole Pont

Frau Stirnimann, wann genau haben Sie beschlossen, die diesjährige Ausgabe der Baloise Session abzusagen?

Wir haben die Absage zwar erst Mitte Mai kommuniziert, der Entscheid dazu schwirrte aber bereits Ende März in meinem Kopf herum. Wir brauchten jedoch Zeit, um die Situation genau zu analysieren und alles mit unserem Verwaltungsrat und unseren Sponsoren abzusprechen.

Was gab den Ausschlag für die Absage?

Vor Beginn des Lockdown hatte ich rund 60 Prozent des Musikprogramms beisammen. Ab Mitte März sind uns aufgrund der Corona-Pandemie aber immer mehr Künstler abgesprungen, irgendwann stand ich mit gerade einmal zwei Acts da. Eine Zeit lang haben wir uns überlegt, die Baloise Session nur mit Schweizer Künstlern durchzuführen. Aber unter Einhaltung der damals geltenden Abstandsregeln machte dieses Konzept wenig Sinn. Statt 1500 Zuschauerinnen und Zuschauer hätten wir nur 436 in die Event-Halle lassen können.

Wie haben Ihre Sponsoren auf die Absage reagiert?

Sehr gut. Alle Hauptsponsoren und allen voran unser Presenting Sponsor Basler Versicherungen haben uns sofort Ihre finanzielle Unterstützung zugesagt. So konnten wir alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und den Betrieb aufrechterhalten. Wir können davon ausgehen, dass unser Team nächstes Jahr wieder Gas geben kann.

Welche finanziellen Folgen hat die Absage für die Baloise Session?

Sie sind sehr gross, denn ohne Festival verdienen wir nichts. Stattdessen schreiben wir grosse Verluste. Wir können uns deshalb glücklich schätzen, in einem Land zu leben, wo es der Wirtschaft trotz Corona-Krise verhältnismässig gut geht. Unternehmen können Kurzarbeit beantragen, und die Firmen sind noch gewillt, die Konzertbranche trotz Festival-Ausfall zu unterstützen.

Wir schreiben grosse Verluste.

Beatrice Stirnimann, CEO Baloise Session

Mit der Entscheidung zur Absage war die Baloise Session früh dran. Andere Festivals wie beispielsweise Glastonbury im Südwesten Englands haben viel länger zugewartet als Sie.

Festivals, die ihr Programm bereits bekannt gegeben haben, stecken in einer schwierigen Lage. Während der Planungsphase sind sie grosse finanzielle Verpflichtungen eingegangen, die sie nicht so ohne weiteres wieder ausgleichen können. Weil wir unser Festival früh abgesagt haben, konnten wir unsere Kosten schnell herunterfahren und auch die bestehenden Künstlerverträge im gegenseitigen Einvernehmen auflösen.

Apropos Kostensenkungen: Was ist mit Ihren festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern passiert, welche die Baloise Session Jahr für Jahr mit Ihnen planen und durchführen?

Die sind bis Ende Jahr in Kurzarbeit. Aktuell bin ich somit die Einzige, die noch jeden Tag ins Büro kommt. Das ist für eine Teamplayerin wie mich nicht ganz einfach. Da muss ich mich schon ganz anders motivieren.

Anstelle eines mehrwöchigen Festivals organisieren Sie jetzt Konzerte im Netz. Was hat es mit diesem Projekt auf sich?

Das Konzept Baloise Session @home hatten wir bereits vor dem Lockdown entwickelt, weil wir unsere digitale Präsenz ausbauen wollten. Für uns ist die Konzertreihe eine Möglichkeit, Schweizer Musikerinnen und Musikern wie 77 Bombay Street, Stefanie Heinzmann, Seven oder Bastian Baker eine Plattform zu geben, über die sie auch in dieser schwierigen Zeit noch ein grosses Publikum erreichen können. Dank der Unterstützung der Basler Versicherung können wir die Konzertreihe bis Ende Jahr weiterführen.

Anstatt Live-Konzerte organisiert Beatrice Stirnimann dieses Jahr Online-Auftritte für Schweizer Musikerinnen und Musiker.
Anstatt Live-Konzerte organisiert Beatrice Stirnimann dieses Jahr Online-Auftritte für Schweizer Musikerinnen und Musiker.
Foto: Nicole Pont

Man hat oft den Eindruck, dass die Baloise Session unter den übrigen Konzert- und Festivalveranstaltern in der Schweiz ziemlich alleine dasteht. Gab es eine Zusammenarbeit zwischen Ihnen und der übrigen Szene?

Wir sind tatsächlich einer der wenigen unabhängigen Veranstalter in dieser Branche, was sowohl Vor- als auch Nachteile hat. Agenturen, die Playern wie Live Nation oder CTS gehören, haben völlig andere Zielsetzungen als wir. Trotzdem arbeiten wir gut mit ihnen zusammen. Auch konnten wir vom Know-how anderer unabhängiger Veranstalter wie etwa dem Paléo-Festival profitieren. Sie sagten ihre Veranstaltung viel früher als wir ab und konnten darum ihre Erfahrungen mit der Einführung der Kurzarbeit an uns weitergeben. Auch hat der Verband der Schweizer Musikveranstalter SMPA immer wieder den Kontakt zum Bundesrat gesucht, um die Unterstützung für unsere Branche zu sichern.

Wie sieht es mit der Unterstützung für die Baloise Session durch den Kanton Basel-Stadt aus?

In den Zeitungen konnte man kürzlich lesen, dass die Stadt Basel sich mit einer Marketing-Partnerschaft als Host-City bei der Baloise Session engagieren will. Wenn dieses Anliegen vom Grossen Rat gutgeheissen wird, wäre das für uns ein grosses Zeichen der Wertschätzung und eine riesige Motivationsspritze. Ich hoffe sehr, dass es klappt. Mit der internationalen Strahlwirkung tut die Baloise Session einiges für Basels Ruf als Kulturstadt. Unsere Konzerte kann man überall auf der Welt sehen. Manche Künstler sind über Arte oder Youtube darauf aufmerksam geworden, dass es die Baloise Session überhaupt gibt.

Wie schätzen Sie die Lage im internationalen Konzertgeschäft ein?

Es ist schon bedenklich, wenn sich Global Player wie Live Nation dazu gezwungen sehen, frisches Kapital bei der Regierung Saudiarabiens aufzunehmen. Oder wenn sie mit dem Gedanken spielen, einen Teil ihres Risikos durch Gagensenkungen auf die Künstler abzuwälzen. Das ist symptomatisch für eine Branche, die bis vor kurzem einen regelrechten Boom durchmachte und jetzt nicht mehr weiss, wie es weitergehen wird.

Viele Agenturen in England oder Amerika haben massiv Personal entlassen.

Beatrice Stirnimann, CEO Baloise Session

Sie sind bereits daran, das Programm für die nächste Baloise Session zusammenzustellen. Wie kommen Sie voran?

Diese Arbeit gestaltet sich nicht ganz einfach, zumal man nicht weiss, wer 2021 in dieser Branche noch dabei sein wird und wer nicht. Viele Agenturen in England oder Amerika haben massiv Personal entlassen. Es ist darum nicht ganz einfach, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Allgemein herrscht eine grosse Verunsicherung.

Können Sie der aktuellen Situation auch etwas Gutes abgewinnen?

Ich hoffe, dass sich die hohen Gagenforderungen, die bis vor kurzem in diesem Geschäft gang und gäbe waren, relativieren werden. Damit unsere Branche weiter bestehen kann, werden sich die Veranstalter, die Agenten und die Künstler künftig in Bescheidenheit üben müssen. Nach Corona wird die Kaufkraft des Musikpublikums nämlich viel kleiner sein als vor der Krise. Die Menschen wollen und werden nicht mehr in der Lage sein, viel Geld für Konzerttickets auszugeben.

Für mich ist Kultur eine Form der Seelennahrung. Ohne sie leben wir in einer schlechteren Welt.

Beatrice Stirnimann, CEO Baloise Session

Haben Sie Angst, dass das Publikum in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ganz auf Konzerte verzichten könnte? Schliesslich ist es während des Lockdown auch ohne Live-Kultur ausgekommen.

Ich habe neulich eine Umfrage gelesen, wonach 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer die Kultur während des Lockdown vermisst haben. Das ist schon mal ein positives Zeichen. Die grosse Frage ist jetzt, unter welchen Bedingungen das Publikum bereit sein wird, wieder ins Konzert zu gehen. In der Schweiz hat man anscheinend ein Problem mit der Maskenpflicht, was ich persönlich nicht verstehen kann. Wenn wir schon ein Tool haben, mit dem wir die Ausbreitung von Corona eindämmen können, dann sollten wir dieses auch nutzen. Für mich jedenfalls ist Kultur eine Form der Seelennahrung. Ohne sie leben wir in einer schlechteren Welt.