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KolumneIch liebe ja mein Kind, aber …

Wenn Frauen zugeben, dass sie die Mutterschaft bereuen, reagieren fast alle schockiert. Ich bin grundsätzlich gegen Tabus – aber wie offen zwei Mütter jetzt bei SRF darüber sprechen, geht zu weit.

Windeln wechseln statt Karriere: Diese Mutter sagt in einem SRF-Beitrag, dass sie sich nicht noch einmal für ihre Tochter entscheiden würde.
Windeln wechseln statt Karriere: Diese Mutter sagt in einem SRF-Beitrag, dass sie sich nicht noch einmal für ihre Tochter entscheiden würde.
Printscreen SRF

Eine Bar voller Menschen. Eine Wohnung für mich alleine. Drinks bis um vier, länger schlafen als bis sechs. Flexibel sein im Job, faul am Feierabend. Es gibt viele Dinge aus meinem Leben ohne Kinder, die ich heute als Mutter vermisse. Und trotzdem möchte ich meine Kinder um nichts in der Welt wieder zurückgeben. Ich war mir nicht immer sicher, dass es so kommen würde. Doch seit mich mein erster Sohn vor über vier Jahren zur Mutter gemacht hat, verspüre ich diese kitschige und liebestrunkene Dankbarkeit, die alles andere wettmacht.

Nicht alle Mütter haben das Glück, so zu empfinden. Vor ein paar Jahren hat die israelische Studie «Regretting Motherhood» Frauen eine anonyme Stimme gegeben, die ihre Mutterschaft bereuen. Der Aufschrei angesichts dieser «Rabenmütter» war damals gross. Bis heute hält sich der Mythos der aufopferungsbereiten Mutter hartnäckig.

Trotzdem haben sich letzte Woche in einer SRF-Sendung zum Thema «Machen Kinder glücklich?» zwei Schweizerinnen mit Namen und Gesicht gezeigt. Sie geben zu, dass sie mit dem heutigen Wissen ihre Kinder nicht noch einmal bekommen möchten. Beide sind freiheitsliebend, beide sind alleinerziehend. Zwei Faktoren, die das Leben mit Kindern sicher nicht einfacher machen.

«Ich liebe mein Kind, aber …», sagen beide. Es muss schrecklich sein, so zu empfinden. Wenn sie darüber sprechen, merkt man, dass es ihnen nicht leichtfällt. Die eine ist Sekundarlehrerin. Sie zögert ein bisschen bei der Frage, ob sie sich noch einmal für ihren heute sechsjährigen Sohn entscheiden würde – und sagt dann klar Nein. Die andere war früher eine erfolgreiche Businessfrau und vermisst ihren Job. Man hat den Eindruck, dass sie es dem Kind zum Vorwurf macht, dass jetzt alles anders ist. Sie erzählt, wie sehr es sie stört, wenn die dreijährige Tochter nicht gleich gehorcht. Alles sei so mühsam mit dem Kind. Und die schönen Momente? Die gebe es vereinzelt schon, aber ihr «energetisches Investment» sei so viel grösser als das, was zurückkomme.

Ich bin als Journalistin dafür, dass möglichst wenig Geschichten anonym erzählt werden, weil es stärker ist, offen zu etwas zu stehen. Und der Auftritt der beiden Frauen ist ungelogen extrem mutig. Aber wie sollen die beiden Kinder damit umgehen, dass sie das Leben ihrer Mütter ruiniert haben – alleine durch ihre Existenz? Ich frage mich, ob die beiden Frauen eine Vorstellung davon haben, was es in einem Kind anrichten kann, wenn es so offen und öffentlich abgelehnt wird. Vielleicht gewichten sie die Aufklärung einfach höher als mögliche emotionale Schäden. Oder sie hoffen, die Kleinen werden nie davon erfahren. Vielleicht ist es ihnen auch egal.

Es ist wichtig, solche Themen zu diskutieren. Aber im Fernsehen für alle erkennbar seine Kinder zu bereuen, das geht zu weit. Ein Kind ist nie «schuld» daran, dass es geboren wurde. Und es sollte nie erfahren müssen, dass sich seine Eltern wünschen, es sei nie geboren worden.

Eltern sein ist manchmal schrecklich anstrengend, besonders wenn die Kinder noch klein sind. Aber die Phase, in der sie ihre Bezugspersonen so intensiv brauchen, ist vergleichsweise kurz. Gerade deshalb sollten sich betroffene Mütter und Väter rasch Hilfe holen, wenn ihre ambivalenten Gefühle zur Belastung werden. Kindheitsjahre lassen sich nicht nachholen, auch nicht für Eltern.

106 Kommentare
    Thomas Hoffmann

    Kinder wollen immer von ihren Eltern geliebt werden. Das verpflichtet die Eltern, zu ihnen zu stehen und sie diese Liebe spüren zu lassen, denn sie sind für ihre Existenz verantwortlich. Diese entscheidende Basis für eine gute und verantwortungsvolle Erziehung lässt die Kinder später ein selbstbestimmtes Leben führen und ... bringt ihnen bei, nicht nur an sich selbst zu denken. Mit diesem Rucksack können sie als Erwachsene auch eine Partnerschaft leben, die diesen Namen verdient. Es wurde ihnen nicht nur Liebe entgegengebracht, sondern sie konnten ihren Eltern auch Liebe und Stolz zurückgeben, wie später in ihrer Partnerschaft auch. Mir tun die Kommentierenden leid, die uns offenherzig mitteilen, dass gerade die Ablehnung der Eltern sie im Leben weitergebracht hätte. Es ist eine Lebenslüge zum Selbstschutz, um diese schmerzhaften Zurückweisungen überhaupt ertragen zu können.