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Papablog: Das Corona-Jahresinterview«Ich kann nicht mehr schwimmen»

Wie war das fast vergangene Coronajahr für unsere Kinder? Blogger Tschannen hat nachgefragt.

Ich bin ganz Ohr: Unseren Kleinen zuzuhören, kann ganz schön lehrreich sein – auch hinsichtlich Pandemie.
Ich bin ganz Ohr: Unseren Kleinen zuzuhören, kann ganz schön lehrreich sein – auch hinsichtlich Pandemie.
Foto: Getty Images

Virologinnen, Lehrer, Politikerinnen, Lobbymenschen und viele weitere Erwachsene haben sich dieses Jahr zum Coronavirus geäussert. Nicht selten über Schulen und Kinder. Aber mit den Kindern selbst hat niemand geredet – zumindest nicht in den Medien. Vermutlich aus gutem Grund, wie ich herausgefunden habe, als ich den Brecht (6) für den heutigen Mamablog interviewte.

Wir haben schon einmal zum Jahresende ein Interview geführt. Vor zwei Jahren. Kannst du dicherinnern?

Ja, da waren wir in den Snowboardferien.

Gutes Stichwort. Was ist in diesem Jahr, also im Jahr 2020, anders als in früheren Jahren?

Hmm. Es ist ein Coronajahr.

Das klingt wie ein Schaltjahr, das regelmässig wiederkommt. Hoffen wir es nicht. Was war denn speziell in diesem Coronajahr?

Wir haben unsere Wohnung umgeräumt.

Bitte?

Ja, der grosse Schrank steht jetzt im Wohnzimmer.

Stimmt, aber das hat mit dem Coronavirus wenig zu tun.

Wir haben uns nicht mit vielen Leuten getroffen und ich kann nicht mehr schwimmen. Also ins Schwimmbad gehen.

Warst du vorher oft im Schwimmbad?

Jeden Montag im Schwimmkurs.

Letzten Winter konnte der Brecht passabel Rückenschwimmen. Um seine aktuellen Schwimmfähigkeiten zu beurteilen, ist unsere Badewanne leider zu klein. Ohne Corona hätte er voraussichtlich zwei weitere Semesterkurse Schwimmunterricht absolviert und könnte nun einigermassen sicher auch auf dem Bauch eine längere Strecke zurücklegen. Also … natürlich nicht in der Badewanne.

War sonst noch etwas anders?

Oh Mann, ich weiss nicht.

Was haben wir zum Beispiel letzten Winter gemacht?

Gebobbt.

Und jetzt kann man wegen dem Coronavirus nicht bobben?

Nein.

Ach Quatsch. Wir können schon bobben, wenn es ums Haus mal genug Schnee hat. Aber wir waren letzten Winter in den Snowboardferien. Das lassen wir diesen Winter wahrscheinlich sein. Bist du traurig?

Wir können nächstes Jahr wieder gehen.

Der Brecht machte letztes Jahr beim Snowboarden gute Fortschritte. Wir waren eine Woche in den Bergen und gingen auch sonst oft aufs Brett. Die Stadt Bern betreibt normalerweise in einem Freibad in unserer Nähe eine kleine Skipiste, die wir fast jede Woche aufgesucht haben. Diesen Winter fällt das Angebot aus.

Was ist an Weihnachten anders?

Nichts. Ah, ich habe eine Uhr bekommen.

Ja, die Geschenke ändern sich meistens von Jahr zu Jahr. Aber fehlt etwas in diesem Jahr?

Wir treffen Oma und Opa nicht und Onkel Leon und meine Patentante und andere Menschen.

Normalerweise verbringen wir den ersten Weihnachtstag in der Schweiz und fahren dann zu den besagten Personen nach Deutschland. Dieses Jahr mussten sich die Kinder mit zweidimensionalen, pixeligen Verwandten begnügen, die ständig Dinge sagten wie «sieht man uns?» oder «ich höre euch so schlecht».

Wie läufts in der Schule? Hat sich dort etwas geändert?

Wir müssen Hände waschen. Viermal am Vormittag und manchmal auch am Nachmittag.

Und sonst?

Nichts.

Hast du in letzter Zeit mal was im Pausenkiosk gekauft?

Der ist nicht während Corona.

Wie war die Schulreise?

Hatten wir nicht, wegen Corona.

Trägst du eine Maske?

Nein, die Kinder müssen keine Maske tragen, aber die Lehrerinnen. Ich möchte keine Maske tragen, die rutscht mir über die Nase.

Aber als wir im Sommer in Deutschland waren, musstest du eine Maske tragen und hast das gut gemacht.

Ja, das ging.

War eigentlich das ganze Jahr Schule?

Nein, im Frühling waren Coronaferien. Da durften wir nicht zur Schule und haben Aufgaben für zu Hause erhalten.

War das schön?

Ja, das war eine gute Pause.

Hättest du gerne das ganze Jahr Coronaferien gehabt?

Nein, ich war froh, dass die Schule wieder angefangen hat.

Es gibt jetzt eine Variante des Coronavirus, die noch ansteckender ist und manche Leute sagen, die Schulen müssen deswegen bald wieder schliessen. Wäre das gut?

Ja, nach den Ferien noch etwas länger Ferien fänd ich gut. Dann kann ich ausschlafen. Aber es kommt darauf an, was ich dann für Hausaufgaben hätte.

Im Frühling ging der Brecht noch in die Basisstufe 2 und die Hausaufgaben waren freiwillig. Wir haben sie entsprechend nach dem Lustprinzip erledigt. Die «Coronaferien» waren für den Brecht tatsächlich eher Ferien als Schule. Inzwischen ist er in Basisstufe 3 und hätte deutlich mehr Aufgaben, die er erledigen und abgeben müsste.

Was ist denn die richtige Länge für Coronaferien?

Fünf.

Fünf was?

Fünf Ferien.

Fünf Wochen?

Ja, fünf Wochen. So wie in den Sommerferien, da ist mir nie langweilig. Aber sechs oder sieben oderacht Wochen wären sehr langweilig.

Was hat für Mama und mich geändert?

Ihr macht Homeschooling.

Meinst du Homeoffice?

Ja.

Wie funktioniert das?

Beide sind zu Hause. Eine Person passt auf uns auf und eine arbeitet.

Wir haben schon immer ab und zu im Homeoffice gearbeitet. Seit dem März sind wir praktisch nur noch zu Hause. Unsere Arbeitszeit teilen wir nicht mehr tageweise, sondern halbtageweise auf. Das heisst, wie verbringen beide jeden Tag viel Zeit mit den Kindern. Die Tage sind dadurch sehr repetitiv und manchmal wissen wir nicht einmal mehr, welchen Wochentag wir gerade haben. Aber ich will mich nicht beklagen: Es ist schön, der Familie immer so nah zu sein und viel Zeit mit den Kindern zu verbringen.

War in unserer Familie noch etwas komplett anders dieses Jahr?

[beginnt, die Wohnungseinrichtung zu untersuchen.]

Ich geb dir einen Tipp: Es lebt und beginnt mit B.

Ach, wir haben ein Baby.
Beebers: [im Hintergrund] BEEBA, BEEBA!

Bei allen Einschränkungen, die das Coronavirus gebracht hat: Beebers veränderte unser Leben weit mehr. Erst fehlte uns der Nachtschlaf und als Beebers endlich durchschlief, aber dafür seine Tagschläfchen reduzierte, nahm uns das jeden Tag ein paar Stunden frei verfügbare Zeit. Aber … sehr grosses Aber: Natürlich geniessen wir es, ein Baby zu haben und freuen uns über jeden Schritt und jedes Wort. Beebers hat uns vor allem emotional gut durch dieses Coronajahr getragen.

Was hat sich durchs Baby für dich geändert?

Ich kann nicht mehr so gut allein spielen, weil Beebers mich oft stört.

Hast du manchmal das Gefühl, wir behandeln das Baby besser als dich?

Ja, weil ihr euch oft ums Baby kümmert und ich allein spielen muss. Ihr sagt immer [äfft uns nach]«du musst dich selbst beschäftigen».

Das kannst du auch sehr gut und du willst es auch oft. Aber es gibt ja noch die Brechtzeit. Was ist das?

Ihr macht jeden Tag abwechslungsweise etwas nur mit mir. Eine halbe Stunde lang.

Hat du lieber Brechtzeit mit Mama oder mit mir?

Naja du bist halt immer lustig, aber während der Brechtzeit bist du nicht lustig. Kannst du bitte abmorgen lustiger sein. Überlegt dir was!

Ok. Kommst du bitte wieder unter dem Tisch hervor, bis wir mit dem Interview fertig sind. Erzähl doch mal einen Witz.

Was ist braun und klaut Moos von den Bäumen? Der Moosterhase.

Puh. In der nächsten Brechtzeit suchen wir ein paar anständige Witze raus. Eine letzte Frage: Was denkst du, was wird nächstes Jahr anders sein als dieses Jahr?

Beebers wird zwei.

Wie schon im Frühling spielt sich unser Alltag aktuell wieder sehr stark zu Hause ab. Die soziale Isolation wiegt gefühlt nicht so schwer – wohl auch dank Beebers, der das Haus belebt. Erst wenn ich bewusst drüber nachdenke, fällt mir auf, worauf unsere Kinder – insbesondere der Brecht – verzichten müssen. Die meisten Aktivitäten ausser Haus sind dieses Jahr weggefallen. 2019 hatten wir noch einen Museumspass, der Brecht war im Schwimm- und im Singkurs und hat regelmässig Freunde ausserhalb seiner Schulklasse getroffen.

Als ich mit dem Brecht redete, wurde mir klar, wie sehr Kinder in der Gegenwart leben. Die Begleitumstände der Pandemie sind für den Brecht einfach die neue Realität. Er vergleicht die aktuelle Situation nicht wie wir Erwachsenen ständig mit der Vergangenheit. Er schmiedet nicht Pläne «für die Zeit nach Corona». Vielleicht täten auch wir gut daran, die Gegenwart besser zu akzeptieren und sie nicht als Ausnahmezustand zu sehen, den es durchzuhalten gilt. Im vollen Bewusstsein, dass das nicht für alle gleich einfach ist.

Vielen Dank, dass Sie den Mamablog auch im Coronajahr gelesen haben. Ich wünsche Ihnen nur das Beste für 2021!

11 Kommentare
    Marcel Berger

    Ich habe gestern auf yt ein Interview mit der inzwischen entlassenen Renate Ljatifi, Lehrerin für Kinder mit schwerer Lernstörung, gesehen. Was sie beschreibt ist nichts weniger ein Verbrechen. Die Schliessung der Schulen war ein Verbrechen an diesen Kindern. Und hier im TA beschreibt ein Journalist, der sich Beruf und Kindererziehung aufteilen kann, wie sein Bub den Rückenschwumm nicht mehr üben kann. Und dass wir diese schwierige Situation einfach mal akzeptieren sollten. Diese Berichte aus dem Elfenbeinturm machen mich nur noch wütend.