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Corona-Pause im Zürcher Opernhaus«Ich bin gerade ein bisschen bockig»

Am Sonntagabend hätte im Zürcher Opernhaus die Premiere der «Csárdásfürstin» stattfinden sollen, mit der Starsopranistin Annette Dasch in der Hauptrolle. Was bedeutet die Absage für sie?

Anstatt am Sonntagabend eine Premiere im Opernhaus Zürich zu singen, verbringt die Sopranistin Annette Dasch viel Zeit mit ihrer Familie in einem Haus am Bodensee.
Anstatt am Sonntagabend eine Premiere im Opernhaus Zürich zu singen, verbringt die Sopranistin Annette Dasch viel Zeit mit ihrer Familie in einem Haus am Bodensee.
Foto: Urs Jaudas

Operetten leben ja davon, dass stets im richtigen Moment etwas falsch läuft. Bei der neuen Zürcher Produktion von Emmerich Kálmáns «Csárdásfürstin» spielte diese Ironie des Timings nun allerdings einmal zu oft: Am Tag, an dem die Proben abgebrochen werden mussten, war man just beim Happy End angelangt. Drei Wochen hatte das Ensemble da schon an dem Stück gearbeitet, «wir hatten es gerade ein erstes Mal durch», sagt die Sopranistin Annette Dasch.

Danach hätten die Detailschliffe kommen sollen, der Wechsel auf die Hauptbühne, die Orchesterproben, die Kostüme, am Sonntagabend dann die Premiere. Stattdessen kam der Lockdown, und die ansonsten wirklich nicht zum Trübsinn neigende Sängerin klingt immer noch geknickt, wenn sie davon erzählt am Telefon: «Es war, als hätte man mir den Stecker rausgezogen.»

Da galt der Premierentermin noch: Annette Dasch mit Pavol Breslik (r.) und Spencer Lang auf der Probebühne des Zürcher Opernhauses.
Da galt der Premierentermin noch: Annette Dasch mit Pavol Breslik (r.) und Spencer Lang auf der Probebühne des Zürcher Opernhauses.
Foto: Daniel Liniger

Kein Wunder. Annette Dasch wusste schon seit Jahren, dass sie hier und jetzt ihr Rollendebüt als Csárdásfürstin geben würde. Seit Monaten hatte sie die Musik und die Dialoge gelernt, «man brennt so sehr für so ein Stück». Auch die Proben liefen gut, «der Regisseur Jan Philipp Gloger hat sich wirklich eine tolle Produktion ausgedacht: sehr lustig, sehr kantig». Aber dann war da plötzlich nichts mehr. Keine Aufführung. Keine Auftrittsgagen. Keine Ahnung, wie es weitergeht.

Immerhin: Dass es weitergeht, irgendwann, ist in diesem Fall klar. Die «Csárdásfürstin» soll ein Repertoirestück werden, sie muss also auf die Bühne kommen, wenn man nicht langfristig Löcher in den Spielplan reissen will. Im Moment rechnet man fest mit den Terminen der Wiederaufnahme Anfang nächster Saison. Vielleicht, so hofft Annette Dasch, klappt es sogar noch früher, Ende Mai oder im Juni. Die Opernhaus-Leitung passt die Pläne laufend an, auch wenn das Risiko hoch ist, dass man sie wieder über Bord werfen muss. Hauptsache, man ist vorbereitet, wenn es wieder losgehen darf.

Bis dann sind alle Beteiligten auf Stand-by. Für die Orchestermusiker ist das vergleichsweise unkompliziert. Sie leben sowieso hier, ihr Lohn ist dank Kurzarbeit zumindest zu 80 Prozent garantiert, mit der «Csárdásfürstin» hatten sie noch gar nicht begonnen. Auch die fest angestellten Ensemblemitglieder und der Chor können die Entwicklungen einigermassen entspannt abwarten.

«Sobald ich zu singen versuche, kommt Wehmut auf.»

Annette Dasch

Die freischaffenden Sänger dagegen mussten sich entscheiden: bleiben oder heimfahren? Zürcher Mietpreise bezahlen oder riskieren, dass man später vielleicht nicht mehr einreisen darf? Annette Dasch erzählt von Pavol Breslik, der die männliche Hauptrolle singt: «Er kann nicht nach Hause in die Slowakei, weil er dort in die Quarantäne müsste und nicht weiss, ob er rechtzeitig wieder hier sein könnte, wenn es losgeht.»

Auch Dasch selbst ist nicht in ihre Wahlheimat Wien zurückgekehrt, sondern in der Nähe gebliebenim Haus eines Grossonkels am Bodensee, bei dem sie immer wohnen kann, wenn sie in Zürich singt. Ihr Mann und die beiden Kinder sind ebenfalls dort. «Wir haben es schön hier: viel Grün, viel Bewegung, die Nachbarn sind weit weg.» Nur das Singen sei «ein ganz schwieriges Thema» derzeit, «wenn ich es versuche, kommt sofort Wehmut auf. Ich bin deshalb ein bisschen bockig im Moment

Und dann ist da noch die Sache mit dem Geld: «Hier fallen wir durch alle Maschen.» Denn freie Sängerinnen und Sänger erhalten für die Vorbereitung einer Aufführung gar nichts und für die Proben nur ein kleines Honorar. Die Kosten für die Anreise, für die Unterkunft und das Leben in einer teuren Stadt streckt man also vor, bis die Gagen eintreffen, die den allergrössten Teil des Einkommens ausmachen.

«So wie es aussieht, haben wir für sechs Monate keine Einkünfte.»

Annette Dasch

Diese Gagen erhält man allerdings nur, wenn tatsächlich Auftritte stattfinden. Im Moment habe sie deshalb «ein riesiges Minus», sagt Annette Dasch. Und weil ihr Mann ebenfalls freischaffender Sänger ist, verdoppelt sich dieses Minus. Den Sommer haben sie sich ausnahmsweise freigehalten, kein Bayreuth, kein Salzburg: «So wie es aussieht, haben wir für sechs Monate keine Einkünfte.»

Auch mit Beiträgen aus den diversen Hilfsfonds können sie nicht rechnen: Wer als freier Künstler mehr als eine geringe Summe verdient hat in den letzten Jahren, kommt nicht zum Zug. Jammern will sie dennoch nicht, vielen gehe es schlechter derzeit; «uns wird das nicht kaputtmachen».

Auch sie sind jetzt alle auf Stand-by: Probenfoto mit dem Ensemble der «Csárdásfürstin».
Auch sie sind jetzt alle auf Stand-by: Probenfoto mit dem Ensemble der «Csárdásfürstin».
Foto: Danielle Liniger

Dass es auch andere nicht kaputtmacht, darum bemüht man sich derzeit im Opernhaus. Für den Fall, dass eine Produktion ganz abgesagt oder in eine ferne Zukunft verschoben werden muss, arbeitet man nun Sonderlösungen aus.

Und man wird sie brauchen: Die Uraufführung von Stefan Wirths «Girl with a Pearl Earring» etwa, die am 24. Mai hätte stattfinden sollen, wird erst in der Saison 2021/22 nachgeholt werden können. Wenn sie sich vorstelle, was das für ihre Kollegen bedeute, könnte sie weinen, sagt Annette Dasch: «Neue Werke sind so schwierig zu lernen, da sitzt man wirklich Stunden um Stunden im Kämmerlein.» Dass das Stück in zwei Jahren dann doch noch komme, sei ein schwacher Trost: «Da kann man noch einmal von vorn anfangen.»

Das Bühnenbild immerhin, das wird dann schon bereit sein. Denn in den Opernhauswerkstätten wird derzeit weitergearbeitet, streng nach Vorschrift. Und in der Überzeugung, dass das, was man baut, früher oder später doch noch gebraucht wird.

1 Kommentar
    Georg Stamm

    Frau Dasch und ihren Mann, ebenfalls freier Sänger, trifft die Coronakrise besonders hart. Normalerweise verdient man auf dem Niveau der Dasch's gut wenn es zu vollzogenen Engagements kommt. Jetzt hat sie monatelang die Rolle studiert, geprobt und - keinen Rappen verdient. Da darf man schon etwas "bockig" sein.