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Kolumne von Milo RauIch bin dann mal weg

Viele Kunstschaffende können nicht rechtzeitig aufhören. Das hat mit dem Tod und der Angst vor ihm zu tun.

Nach sieben Jahren ist Schluss: Das ist die letzte Kolumne von Milo Rau für die SonntagsZeitung.
Nach sieben Jahren ist Schluss: Das ist die letzte Kolumne von Milo Rau für die SonntagsZeitung.
Foto: Jörg Carstensen (DPA, Keystone)

Man kennt das von Partys: Es gibt die einen, die gehen, ohne sich zu verabschieden. Gerade noch hat man mit ihnen geplaudert, und plötzlich sind sie weg. Es gibt aber auch die anderen, die sagen ständig: Ich bin dann mal weg – ohne jemals zu gehen. Vielleicht wollten sie es ja. Aber irgendetwas war stärker, und meistens sind sie die Letzten, die im Morgengrauen noch da sind.

Genauso verhält es sich in der sogenannten Kunst. Es gibt Regisseurinnen, die jeden ihrer Filme als «den letzten» ausgeben. Autoren, die in jedem Interview verkünden, sie würden nach diesem Buch kein weiteres mehr schreiben, denn diesmal hätten sie alles gesagt. Aber das Interview ist noch nicht gedruckt, da sitzen sie längst an ihrem nächsten Werk. Und dann gibt es die, die schreiben einen Bestseller, drehen einen grossartigen Film, nehmen ein revolutionäres Album auf – und das wars dann. Während das Publikum noch auf eine Reprise wartet, haben sie die Bühne längst über den Hintereingang verlassen.

Was mich angeht, so gehöre ich beschämenderweise zur ersten Gruppe. Nach jeder Premiere rufe ich lautstark: «Das wars, mehr kann ich nicht!» Aber in Wahrheit arbeite ich innerlich schon an der nächsten Sache. Kaum ist etwas durchgestanden, beginne ich, an all die Themen zu denken, zu denen ich gern mehr wüsste. An all die Orte, die ich noch sehen will. An all die Menschen, mit denen ich noch nicht zusammengearbeitet habe. Und auch wenn man selbst keine Idee hat es gibt immer jemanden, der einem eine erzählt. Deshalb werde ich wohl noch vom Sterbebett aus mein letztes Stück inszenieren und meinen letzten Film drehen.

Was auch immer man macht: Aufhören ist das Schwerste, finde ich.

Und vielleicht ist das der zentrale Grund, warum einige nicht aufhören können: der Tod und die Angst vor ihm. Peter Zadek, eine deutsche Regie-Legende, pflegte die Arbeit seines jeweils nächsten Stücks während der Endproben zum gerade aktuellen zu starten. Theater als Lebensversicherung: «Damit es keine Lücke gibt, in die der Tod hineinschlagen kann», sagte er. Zadek wurde – immerhin angesichts seines Lebenswandels – sehr alt. Er inszenierte bis zum Umfallen, im wahrsten Wortsinn. Wobei man hinzufügen muss, dass er auch nie etwas anderes angekündigt hatte.

Was auch immer man macht: Aufhören ist das schwerste, finde ich. Am schlimmsten ist es, wenn man ein neues Gebiet entdeckt. Am Freitag hatte meine erste Opernregie am Grand Théâtre in Genf Premiere. Obwohl ich während der Proben gemäss meinem Naturell verbreitete, dass ich das nie mehr auf mich nehmen wolle, dass zu Mozart und überhaupt zum Thema Oper alles gesagt sei von meiner unberufenen Seite: Bereits haben mein Team und ich ein paar weitere Opern auf dem Radar. Hat man einmal ein Auge auf ein Gebiet geworfen, so verästelt es sich ins Unendliche. Und es überkommt einen die Nerd-hafte Begierde, alles darüber wissen zu wollen – was natürlich unmöglich ist.

Übrigens: Das war meine letzte Kolumne an dieser Stelle. Nach sieben Jahren ist Schluss. Bitte, man glaube mir. Ich bin dann mal weg.

2 Kommentare
    Ralf Schrader

    'Viele Kunstschaffende können nicht rechtzeitig aufhören.'

    Wer bei Wörtern wie 'Kunstschaffende' angekommen ist, hat aufgehört, Künstler zu sein.