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Die Fondation Beyeler öffnet wiederHopper passt jetzt perfekt

Der amerikanische Maler trifft auf erstaunliche Weise das Lebensgefühl der Corona-Zeit. Seine Bilder zeigen eine unruhige Ruhe.

«Gas», ein Bild aus dem Jahr 1940 von Edward Hopper. Der Betrachter fragt sich: Was ist hier gerade passiert?
«Gas», ein Bild aus dem Jahr 1940 von Edward Hopper. Der Betrachter fragt sich: Was ist hier gerade passiert?
© Heirs of Josephine Hopper / 2019, ProLitteris, Zurich

Interessant, wie sich die Sichtweise ändern kann. Wie man in Bildern bekannter Maler plötzlich etwas sieht, das man vorher nicht wahrgenommen hat – oder vielleicht weniger deutlich wahrgenommen hat als jetzt. Als hätten die Bilder in den Tagen, in denen Corona unser aller Leben auf den Kopf stellt, plötzlich eine zusätzliche Bedeutungsebene erhalten.

Verfügt Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler, über hellseherische Fähigkeiten? Wahrscheinlich nicht. Aber die Ausstellung in Riehen mit Bildern von Edward Hopper trifft den Nerv der Zeit perfekt, als wäre das von langer Hand geplant gewesen. Der amerikanische Maler vermittelt mit seinen einsamen Menschen in seltsam verschlossenen Gebäuden oder seltsam beengten und beengenden Räumen das Gefühl des Lockdown. Kaum Kommunikation. Keine Nähe. Vereinsamung, obwohl da manchmal zwei Menschen oder mehr auf einem Bild sind.

Ist es nicht eine geradezu vorzügliche Pointe, dass es diesen Bildern jetzt fast zwei Monate lang so ging wie uns allen: Wir waren da, wir waren parat, wir wollten gesehen und gespürt werden – und all das wurde uns zu grossen Teilen verwehrt.

Nun, ganz allein waren Hoppers Werke in der Fondation nicht. Sie wurden trotz den ausbleibenden Besucherinnen und Besuchern gehegt und gepflegt. Die Restauratorinnen und Restauratoren sorgten für richtige Klimatisierung und Lichtschutz, das Wachpersonal stellte stets sicher, dass die kostbaren Leihgaben aus den USA – viele vom New Yorker Whitney Museum – geschützt waren.

Planung «en plein air»

Und der Direktor? Sam Keller sagt, er sitze jetzt bei schönem Wetter oft im Garten der Fondation Beyeler, führe dort per Telefon Gespräche, organisiere, plane. Dass es am Montag wieder losgeht, dass er wieder öffnen darf, ist für ihn und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Glück. Aber er sagt auch ganz offen, dass der Lockdown ein brutales Loch in seine Finanzplanung gerissen hat. Keller spricht von mehreren Millionen Franken Einnahmen, die ohne Ticketverkäufe fehlen, denn durch Subventionen seien nur gerade zehn Prozent der Kosten gedeckt.

«Ausgerechnet die Ausstellung, die in so kurzer Zeit 100’000 Besucher begeisterte, mussten wir von einem auf den anderen Tag dichtmachen. Dabei wäre sie wohl so gut besucht worden wie Der junge Picasso›.» Und vor allem ist Hopper jetzt wirklich in aller Munde. Will man seine Bilder jetzt erst recht sehen. Weil sie so vielsagend stumm sind. So behaglich bedrohlich.

«Wir haben Glück, dass wir jetzt schon wieder öffnen dürfen», sagt der Direktor der Fondation Beyeler. Aber sie hätten sich das Glück auch erarbeitet. «Wir haben die Zeit genutzt, mit Leihgebern und Mäzenen gesprochen, mit Künstlern und Museumsdirektoren, vor allem aber mit dem Team die Jahresplanung überarbeitet.»

Verlängert bis Ende Juli

Die Leihgeber ermöglichen es nun mit ihrem «go ahead», dass die Bilder von Edward Hopper nicht Mitte Mai abgehängt, eingepackt und zurückgeschickt werden müssen. Die Ausstellung wird bis und mit 26. Juli verlängert.

Und was kommt danach? Wird die grosse Goya-Ausstellung dieses Jahr doch noch möglich, so wie es einst angekündigt gewesen war? «Die Goya-Bilder kommen aus Spanien, Italien, Frankreich, Grossbritannien und den USA. Das sind ausgerechnet die Länder, die von Covid-19 am stärksten betroffen sind.» Er könne sich kaum vorstellen, dass der Transport von kostbaren Kulturgütern aus diesen Ländern in die Schweiz bald wieder funktioniere. Sam Keller ist aber hoffnungsvoll, dass «Goya» später im Jahr stattfinden kann.

Entschleunigung. Zeitenwende. Umdenken. Sam Keller holt weit aus, wenn er darüber zu sinnieren beginnt, was das Virus für ihn, für Museen, ja für die Kunstwelt ganz generell bedeutet. Und darüber hinaus reden wir mit ihm plötzlich über Dinge wie: Was ist mir wichtig? Was ist mir unwichtig? Ist Kunst viel mehr Gesundheitsmittel als Luxusgut? Was ist der Mensch ohne Kunst? Wie wird Kunst die Corona-Krise reflektieren?

Nach dem Exkurs wird Keller wieder handfester. Beschreibt, was die Wiedereröffnung konkret für sein Haus bedeutet. «Wir haben einiges verändert», sagt er. Zum Beispiel eine obere Begrenzung an Besucherinnen und Besuchern im Haus eingeführt, berechnet nach der Quadratmeterzahl und mit zusätzlicher Marge. Zum Beispiel beschlossen, dass die Tickets jetzt online verfügbar sind, damit es keine Schlange am Kassenhäuschen gibt. «Und trotzdem soll auch dort ein kleines Kontingent an Tickets verfügbar sein.» Bei den Onlinetickets kann man zudem eine konkrete Besuchszeit wählen.

Ein- und Ausgang getrennt

Geändert wird auch die Besucherführung. Nicht länger werden jene, die kommen, denen begegnen, die wieder gehen. Es gibt neu separat einen Ein- und einen Ausgang in Park und Museum.

Sam Keller rechnet nicht damit, dass die Fondation Beyeler gestürmt werden wird. Trotz Hopper. Trotz der mysteriösen Aktualität dieser Bilder, die doch zu einer ganz anderen Zeit unter ganz anderen Vorzeichen entstanden sind. «Rund die Hälfte der Besucherinnen und Besucher kommen für gewöhnlich aus dem Ausland, und die Grenzen sind jetzt zu. Dies wird schon mal zu einer massiven Reduktion führen», schätzt Keller. Zudem rechne er damit, dass es eine gewisse Zeit dauern werde, bis Besucher von ausserhalb der Nordwestschweiz anreisen. Und für Risikogruppen gilt weiterhin, Vorsicht walten zu lassen.

Möglicherweise irrt Keller da. Der Bedarf, das Verlangen, wieder Kunst zu sehen, wieder in einen Dialog mit Bildern zu treten, gerade mit diesen Bildern, könnte viel grösser sein, als sich der Direktor der Fondation Beyeler es sich ausmalt.