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Kommentar zur MusikförderungHört auf mit dem Hickhack!

Klassik ist teuer? Ja. Aber auch sehr viel mehr wert, als Skeptiker denken. Nicht nur für Mahler-Fans, sondern auch für die Gesellschaft.

Grosse Opern kann man nun mal nicht mit einem Streichtrio begleiten: Die Philharmonia Zürich.
Grosse Opern kann man nun mal nicht mit einem Streichtrio begleiten: Die Philharmonia Zürich.
Foto: Monika Rittershaus

In manchen Kantonen gehen über 90 Prozent der Musiksubventionen an die Klassik! Das Zürcher Opernhaus bekommt 80,3 Millionen Franken pro Jahr!

Ist von Klassik die Rede, geht es oft um Geld. Um empörend viel Geld, finden manche. Auch jetzt wieder: Die Basler IG Musik will eine Initiative lancieren für eine «zeitgemässe Musikförderung». Zwar betonen die Initianten, dass sie niemandem etwas wegnehmen wollen, doch die Debatte ist lanciert. So viel Geld für Klassik, so wenig für Pop, Rock, Jazz, Hip-Hopdas kann nicht gerecht sein.

Schaut man genauer hin, öffnet sich die Kluft allerdings nicht zwischen den Sparten, sondern zwischen der freien Szene und den Institutionen. Gerade in der Corona-Krise zeigt sich wieder, wie prekär freischaffende Musikerinnen und Musiker unterwegs sind. Ob sie Geige spielen oder rappen, macht da keinen Unterschied.

Dass die Klassik teuer ist, liegt nicht daran, dass Intendanten und Musikerinnen sich ihre Nasen mit Diamantenstaub pudern würden.

Die grossen Häuser dagegen werden zwar durchgeschüttelt, aber sieund damit die fest engagierten Musikersind nicht existenziell bedroht. Dafür sorgt die Politik, die irgendwann einmal festgelegt hat, dass man sich in diesem Land ein paar Sinfonieorchester und die eine oder andere Opernbühne leisten will. Dafür sorgt auch die Bevölkerung, die diese Institutionen in Volksabstimmungen immer wieder unterstützt hat. Es sind grosse Institutionen, die man auch nicht kleinsparen kann: Denn ein Kammerensemble kann keine Mahler-Sinfonie spielen, ein Vokalquartett schafft keine Verdi-Oper.

Dass die Klassik teuer ist, liegt also nicht daran, dass Intendanten und Musikerinnen sich ihre Nasen mit Diamantenstaub pudern würden. Sondern an der institutionellen Organisation, die in der Klassik nötig istund in anderen Sparten nicht. Eine House of Rock, in dem Abend für Abend dieselbe Riesenband auftreten würde, hätte schlicht keinen Sinn.

Aber braucht es Staatsgelder für solche Häuser? Könnte man sie nicht anders finanzieren? Die Antwort auf diese Frage erhält man derzeit in den USA: Dort werden die Bühnen und Orchester nicht subventioniertund kündigen reihenweise ihre Schliessung für die nächsten Monate an, manche sagen gleich die ganze Saison ab. Selbst die New Yorker Met wird frühestens Ende Jahr wieder aufgehen.

Perspektiven für den Nachwuchs

Die Schweizer Orchester und Opernensembles dagegen spielen, etliche von ihnen auf höchstem Niveau. Und was in den Gelddebatten oft vergessen geht: Sie tun noch weit mehr als das. Sie lancieren zum Beispiel Schulprojekte. Oder ermöglichen Strukturen wie die Tonhalle Maag, die auch anderen zugutekommen. In den Opernhaus-Werkstätten werden Schneider- oder Schlosserlehrlinge ausgebildet. Und nicht nur die Rote Fabrik hat schon Beleuchtungsmaterial beim einstigen Feind bezogen.

Ausserdem: Noch immer sind die Klassikabteilungen mit Abstand die grössten an den Kunsthochschulen. Hunderte von jungen Leuten absolvieren dort eine lange, anspruchsvolle Ausbildung mit unsicherem Ausgang. Gäbe es die grossen Orchester und Chöre nicht, hätten sie weit weniger berufliche Perspektiven.

Stichwort Perspektiven: Um sie müsste es in einer «zeitgemässen Musikförderung» gehen. Nicht um ein Hickhack zwischen Klassik und Pop, zwischen Institutionen und Freischaffenden. Sondern um eine Vision, wie sich all das in einer möglichst vielfältigen, überlebensfähigen, den hiesigen Möglichkeiten entsprechend fair finanzierten Kulturszene verbindet.