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Guillaume Hoarau fällt wochenlang ausDer YB-Legende droht ein trauriges Ende in Bern

Der Vertrag des Franzosen läuft Ende Saison aus, jetzt muss er sechs Wochen pausieren. Gut möglich, dass er nie mehr für YB spielt.

Guillaume Hoarau weint am 8. Juli, als der YB-Stürmer den Platz im Derby gegen Thun verletzt verlässt.
Guillaume Hoarau weint am 8. Juli, als der YB-Stürmer den Platz im Derby gegen Thun verletzt verlässt.
KEYSTONE

Es waren starke Bilder, auch, weil sie so ungewohnt waren. Wie er, Guillaume Hoarau, das Gesicht des Aufschwungs von YB zu einem Meisterteam, kurz vor seiner Auswechslung am Mittwoch im Spiel gegen Thun auf dem Platz nicht mehr mitkam, schon dort um Fassung rang.

Wie er dann mit seinem Freund und Mitspieler Miralem Sulejmani mit hängenden Schultern abklatschte, sich auf dem Weg in die Garderobe das Trikot über den Kopf zog, um sich damit die Tränen abzuwischen. Ein tieftrauriger Hoarau, den in diesem Moment nebst den Schmerzen in seiner linken Wade auch der Gedanke beschäftigt haben wird, ob es das für ihn gewesen sein könnte bei YB.

Hoaraus Leiden belastet die Young Boys. Noch in der Pause spendet Sulejmani Trost, weil er nur zu gut weiss, wie Hoarau sich fühlen muss. Im Dezember wird Sulejmani 32, ist damit fast fünf Jahre jünger als Hoarau, aber auch bei ihm sind der auslaufende Vertrag und das oft ungewisse Gesundheitsbulletin in dieser Saison ein Stressfaktor. «Fussball kann so hart sein», sagt Sulejmani. Und Mittelfeldspieler Gianluca Gaudino erzählt, wie Hoarau nach dem Spiel schon wieder versucht habe, positiv zu wirken, damit er beim Team kein schlechtes Gefühl hinterlasse. «Was passiert ist, tut uns allen leid. Wir brauchen ihn als Persönlichkeit, auf wie neben dem Platz.»

«Fussball kann so hart sein.»

YB-Offensivspieler Miralem Sulejmani

Eine erste Kontrolle am Mittwochabend liess keine strukturellen Schäden erkennbar werden. Aber am Tag danach konnte Hoarau kaum laufenganz anders als zwei Wochen zuvor in Thun, als er sich ein erstes Mal an der Wade verletzt hatte. Es folgten weitere Untersuchungen. Erst nach einem Arzttermin am Freitagmittag steht fest, dass er sich einen Muskelbündelriss in der linken Wade zugezogen hat. Es ist mit einer Ausfallzeit von mindestens sechs Wochen zu rechnen, teilt YB mit. «Guillaume Hoaraus Ausfall ist für uns ein schwerer Schlag», sagt Sportchef Christoph Spycher. «Es liegt nun an der Mannschaft, noch näher zusammenzurücken und die Saison auch für ihn zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Guillaume wird als wichtige Stütze des Teams jetzt leider nur neben dem Rasen seinen Beitrag leisten können.»

Hoaraus Vertrag wäre im Juni ausgelaufen, wurde aber wegen der langen Wettkampfpause wie alle auslaufenden Kontrakte bis zum Saisonende im August verlängert. Ob es für ihn danach in Bern weitergeht, ist jetzt ungewisser denn je. «Wir schauen in diesem Moment bewusst nicht allzu weit nach vorn, sondern wollen Guillaume die nötige Zeit lassen, um die Diagnose zu verdauen. Dann werden wir uns zusammensetzen und schauen, was die Zukunft bringen wird», sagt Spycher.

Die lange Verletzungsgeschichte

Der verhängnisvolle Vorfall ereignet sich ein paar Minuten vor der Auswechslung. Beim von ihm direkt ausgeführten Freistoss spürte Hoarau einen Schmerz. Erst liess er sich nichts anmerken, doch bald folgte das Signal an die Seitenlinie, dass er nicht mehr weiterspiele könne. «Sehr ärgerlich» nennt Gerardo Seoane die Verletzung. Hoarau habe in den Tagen davor einen sehr guten Eindruck gemacht, sagt der Trainer. «Umso spezieller ist es, dass er sich bei einer eigentlich harmlosen Aktion verletzt hat.»

«Hoaraus Ausfall ist für uns ein schwerer Schlag.»

YB-Sportchef Christoph Spycher

Seoane steht am Freitag auf dem Kunstrasen des Wankdorfs. Es ist der Tag vor dem Duell mit dem FC Basel, seit Jahren das Spiel mit der grössten Strahlkraft im Schweizer Fussball. Doch die Affiche rückt in diesem Moment in den Hintergrund, zu bedeutend ist der Status von Hoarau in Bern. Sogar Seoane, der mit seiner Wortwahl immer enorm vorsichtig ist, nennt den Franzosen eine Legende.

Hoarau erlangte diese Grösse, obwohl er bei YB mit Ausnahme seiner Startsaison 2014/15 nie über längere Zeit verletzungsfrei geblieben ist. Er musste sich an den Kunstrasen in Bern gewöhnen, hat sich damit zwar nie angefreundet, aber abgefundenund er hat darauf erfolgreich Fussball gespielt. 2019 noch wurde er Torschützenkönig.

Als er nach einer längeren Verletzungspause im vergangenen Jahr mal wieder ein geglücktes Comeback feierte, sagte Hoarau, es gebe ihm ein gutes Gefühl, seinem Körper alles abzuverlangen, manchmal auch dessen Versehrbarkeit zu spüren. Und der Franzose hatte auch mal Glück im Pech, konnte 2017 nach einer Hüftluxation wieder beschwerdefrei spielen.

Die ungelegene Pause

Seit Monaten nun liegt seine fussballerische Zukunft in der Schwebe. Nach einem schwierigen Saisonstart mit abermals zwei Verletzungen fand er zu Beginn der Rückrunde nie so richtig den Tritt. Im Spitzenkampf gegen St. Gallen dann verwandelte er in einer hektischen Partie just in der 99. Minute, die Zahl auf seinem Trikot, einen Penalty im zweiten Anlauf, sicherte YB den Punkt beim 3:3. Die Nerven hielten, Hoarau, die Säule, schien wieder gefestigt, der x-te Frühling wahrscheinlich.

Dann kam Corona.

Die monatelange Unterbrechung schien Hoarau die Möglichkeit zu bietet, die Basis für eine starke Schlussphase zu legen. Doch nach Wiederbeginn der Meisterschaft hat ein zwar topmotivierter Hoarau nie mehr so richtig zu seiner Form gefunden. Gegen den FCZ gelingt ihm zwar fast ein Tor, es wird ein Assist, und schon nach einem schwachen Auftritt bei Thun (0:1) zwickt ihn die Wade. Er setzt aus. Vor einer Woche gegen Lugano bleibt er 90 Minuten auf der Bank, was ihn wütend gemacht haben soll. Am Mittwoch schliesslich im Derby spielt er von Beginn weg. Und erlebt nach einer halben Stunde seinen vielleicht bittersten Moment im YB-Trikot.

Der kleine Hoffnungsschimmer

Die Zeit, in der sich Hoarau für einen Vertrag bei YB hätte aufdrängen können, ist abgelaufen. Und längst ist klar, dass dieses Engagement zu ganz anderen Bezügen aufgegleist würde als sein aktuelles. Hoarau möchte unbedingt weiterspielen, am liebsten in Bern. Die Young Boys müssen sich fragen, ob sie es sich leisten wollen, für einen verletzungsanfälligen 36-Jährigen, der in dieser Saison nie auf Touren gekommen ist, einen Platz im Kader freizuhalten. Zumal die Corona-Krise sogar eine prall gefüllte Clubkasse wie jene der Young Boys belastet.

So droht Hoarau ein unschöner Abgang. Das Spiel gegen Thun, das tränenreich endete, könnte nach fast sechs Jahren in Bern tatsächlich sein letztes für YB gewesen sein.