Historisches Museum vor dem zweiten Debakel

Die aktuelle Krise ist eine Modernisierungskrise, in der das Basler Präsidialdepartement komplett versagt.

Museumsdirektor Marc Fehlmann hat eine Baustelle übernommen, die seinem Zugriff zu entgleiten droht.

Museumsdirektor Marc Fehlmann hat eine Baustelle übernommen, die seinem Zugriff zu entgleiten droht.

(Bild: Kostas Maros)

Christoph Heim

Sind wir wirklich so weit, dass nach dem Abgang von Marie-Paule Jungblut von der Spitze des Historischen ­Museums nun, ziemlich genau vier Jahre später, auch Marc Fehlmann gehen muss?

Jedenfalls stehen alle Zeichen auf Sturm. Der Direktor des Historischen Museums, den noch Philippe Bischof in seiner Funktion als Leiter der Kulturabteilung Basel beim Deutschen Historischen Museum in Berlin abgeworben hat und der seit dem 1. Juni 2017 die Geschicke des Basler Museums leitet, ist, um das Mindeste zu sagen, angezählt.

Man spricht von Zensur

Ihm wurde, seit er sich im Herbst 2017 zu den Zuständen in der Sammlung und in den Depots erstmals kritisch geäussert hatte, von der grünen Stadtpräsidentin Elisabeth Ackermann ein Maulkorb angelegt. Nicht erst seit Fehlmanns Äusserungen zum nicht mehr auffindbaren Basler Dybli vor Wochen, nein, seit mehr als zwei Jahren muss jede Pressekonferenz und jeder Jahresbericht des Historischen Museums aufs Engste mit den Damen von der Abteilung Kultur abgestimmt werden. Man spricht von Zensur. Auf seinem Tisch stapeln sich Ackermanns Weisungen, was zu tun und zu lassen sei, bald bis unter die Decke.

Für uns ist das eine jeder gesetzlichen Grundlage (das Museumsgesetz spricht von der Selbstständigkeit der Museen) widersprechende ­Ent­mündigung eines Direktors, ein ­anhaltendes Mobbing von oben. Dabei hat man Fehlmann nach Basel geholt, um hier dem Museum einen ­gehörigen Modernisierungsschub zu verpassen und die ­überregionale, teils gar internationale Ausstrahlung des Museums zu ­erhalten und ­auszubauen.

Ein Déjà-vu

Nun probt die Belegschaft, oder ­mindestens einige Personen aus dem mittleren Kader, den Aufstand. Und das hat unübersehbare Züge eines Déjà-vu. Es geht um die ­Machtfrage. Stürzte nicht auch ­Marie-Paule ­Jungblut über einen Protestbrief der ­Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Historischen ­Museums? Wurde ihr nicht ­vorgeworfen, dass sie die Arbeits­atmosphäre vergifte? Dabei war sie, gefördert und motiviert von ­Philippe Bischof, angetreten, mit Ausstellungen über Fussball und Zivil­courage neuen Wind und neues Publikum ins ­Museum zu bringen.

Ein anonymes Team des Historischen Museums empörte sich jüngst in einem unter der Rubrik «Einspruch» in der «Basler Zeitung» veröffentlichten Brief darüber, dass in der Zeitung über eine mangelhaft katalogisierte Sammlung geschrieben werde, bei der man bei zwei Dritteln der Objekte gar nicht eindeutig wisse, wo sie seien.

Man schlägt den Sack (die BaZ) und meint den Esel (Fehlmann): Offenbar will man die Wahrheit über die Probleme bei der Sammlung nicht zur Kenntnis nehmen, weil sie das Wirken der langjährigen Mitarbeiter und des ehemaligen Direktors Burkard von Roda infrage stellt.

Was den Zustand der Sammlung betrifft, so wurde die mangelhafte Katalogisierung erstmals von Marc Fehlmann im Herbst 2017 kritisiert

Was den Zustand der Sammlung betrifft, so wurde die mangelhafte Katalogisierung erstmals von Marc Fehlmann im Herbst 2017 kritisiert, nachdem er zum Start seines Amtes einen Rapport verfasste. Ergebnis: Die Depots, die zum Teil undicht sind und Regenwasser reinlassen, widersprechen jeglichen Standards.

Die Sammlung ist zu etwa zwei Dritteln ungenügend katalogisiert, was im Zeitalter der Digitalisierung unbedingt geändert werden muss. Der Handlungs- und Finanzbedarf ist gross. Mehr Personal inklusive. Zwei Jahre später wurde das Ergebnis von einer im Auftrag des Präsidialdepartements durchgeführten Betriebsanalyse bestätigt.

Das Debakel am Historischen Museum könnte schlimmer nicht sein. Bald findet die grösste Ausstellung des Museums seit Jahrzehnten statt, und der Direktor hat sich aus Furcht vor einer Kündigung krankschreiben lassen: Die Schau «Gold und Ruhm» wirft mit erstklassigen Leihgaben aus aller Welt einen Blick auf die Geschichte des Münsters, das vor 1000 Jahren gegründet wurde. Noch nie hat das Historische Museum derart viel mäzenatische Gelder für eine Ausstellung gesammelt. Vor einem halben Jahr wurde zudem eine vollkommen neu gedachte und gestaltete Ausstellung zur Basler Geschichte in der Barfüsserkirche eröffnet.

Und dennoch hat es sich Fehlmann mit seiner klaren Linie mit einigen Leuten über und unter ihm gründlich verscherzt. Da es in seinem Fall um die Absetzung eines Direktors innert vier Jahren geht, kommen wir, da wir weder bei Jungblut noch bei Fehlmann je den Eindruck hatten, dass es sich um führungsunfähige Dilettanten handle, zu folgenden Schlüssen:

Einige tonangebende Mitarbeiter im Historischen Museum sind offenbar nicht bereit, die Ära Burkard von Roda hinter sich zu lassen und einem ­Neuanfang zuzustimmen.

Das Präsidialdepartement ist nicht fähig, den beiden Direktoren, die es berufen hat, die nötige Rücken­deckung zu geben, damit sie die so dringlich erwünschte Modernisierung dieses Museums durchführen können.

Forderung nach anderem Museum

Am Anfang der gegenwärtigen Krise steht die Forderung nach einem anderen Historischen Museum, wie sie immer wieder während der Ära von Burkard von Roda vorgebracht wurde. Auch wenn die Abteilung Kultur nie fähig war, eine Museumsstrategie zu formulieren, die ihren Namen verdient, so will die rot-grüne ­Re­gierung de facto ein Historisches Museum, das Ausstellungen zu aktuellen Problemen macht und sich in die laufenden gesellschaftspolitischen D­ebatten einmischt. Darauf wurden die ­Museumsdirektoren jeweils auch ­eingeschworen.

Zudem will sie das Museum, wie man im neuesten Leitbild nachlesen kann, auf den Weg der Digitalisierung ­führen, was nolens volens eine ­Katalogisierung der Bestände mit elektronischen Mitteln bedingt. Beides stösst offenbar bei einem durch und durch bürgerlichen Museum, dessen Sammlung zum grössten Teil aus Schenkungen des Basler Bürgertums besteht, auf vehementen Widerstand.

Teurer Abgang

Das Präsidialdepartement muss sich fragen lassen, ob es nun quasi im Vierjahresrhythmus Museums­direktoren verbrennen will – mit allen persönlichen, emotionalen und ­finanziellen Folgen. Hat man nicht Marie-Paule Jungblut ihren Abgang mit einem Jahressalär versüsst und sie damit auch zum Schweigen ­ver­pflichtet? Hat man ihr nicht ein riesiges Defizit angedichtet, das nur deshalb zustande kam, weil von der Stiftung zugesagte Gelder plötzlich blockiert wurden?

Noch hat man bei Fehlmann keine Finanzlöcher gefunden. Dennoch dürfte sein Abgang nicht billiger werden. Und am Schluss steht die Stadt vor einem Scherbenhaufen, weil sie niemanden mehr finden wird, der in einem solchen Museum Direktor sein will.

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