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Reisetipp für ApulienHier ist die Welt noch in Ordnung

In der Altstadt von Bari scheint die Zeit stillzustehen. Empfehlenswert sind Streifzüge zu Fischern und Händlern am Morgen.

Ganz entspannt: Morgendlicher Marktbummel durch die Gassen der Altstadt von Bari.
Ganz entspannt: Morgendlicher Marktbummel durch die Gassen der Altstadt von Bari.
Foto: Franck Guiziou (laif)

Wie ist das schon wieder mit der sprichwörtlichen Morgenstund? Bestimmt goldrichtig, denn zwischen sieben und acht Uhr ist Bari – genauer das älteste Viertel Bari Vecchia – zweifellos am schönsten, am überraschendsten. Auch wenn das, hier in Süditalien, praktisch als nachtschlafende Zeit gilt.

Alte Geschichte: Bei der Colonna Infame und dem Löwen der Gerechtigkeit auf der Piazza Mercantile wurden früher zahlungsunfähige Schuldner öffentlich blossgestellt.
Alte Geschichte: Bei der Colonna Infame und dem Löwen der Gerechtigkeit auf der Piazza Mercantile wurden früher zahlungsunfähige Schuldner öffentlich blossgestellt.
Foto: Franck Guiziou (laif)

Noch ist kaum jemand unterwegs, und schon wischt Franco mit seiner schnittigen Kehrmaschine die zwei grossen Plätze blank, die den Eingang zur Altstadt säumen. Die Piazza del Ferrarese und die Piazza Mercantile werden von hochherrschaftlichen Häusern und zwei Dutzend Restaurants und Bars flankiert und bilden bis spät in die Nacht einen beliebten Treffpunkt, durchaus auch in Zeiten von Corona. Die Pandemie schlug im Süden Italiens weit weniger zu als im Norden.

Die Altstadt ist ein wahres Labyrinth

Hier könnte man sich verirren: Bari Vecchia ist geprägt durch viele enge Gassen und versteckte Hinterhöfe.
Hier könnte man sich verirren: Bari Vecchia ist geprägt durch viele enge Gassen und versteckte Hinterhöfe.
Foto: Franck Guiziou (laif)

Entsprechend sieht es hier am frühen Morgen jeweils aus. Franco steuert seine Maschine zentimetergenau in alle Ecken. Hinter ihm folgt Francesco und spritzt mit seinem Schwemmfahrzeug, dessen Tank, wie er stolz sagt, 6300 Liter Wasser fasst, alles sauber. Er legt noch so gerne eine kurze Pause ein, stellt die Maschine ab und erzählt vom Tagwerk. Sein «Ciccio», sein Kumpel Franco, hat übrigens einen Neffen, der in Zürich arbeitet. «No, non a Zurigo, però molto vicino, a Kloten», präzisiert er –, und so sind wir drei sofort im Gespräch. «Die grossen Plätze – die sind für uns vom Aufwand her geschenkt, denn die lassen sich grossflächig säubern», sagt Francesco. «Viel schwieriger wird es in den engen Gassen. Hier muss man erst mal wissen, wie man an gewisse Stellen überhaupt hinkommt. Und wenn man erst mal dort ist, muss man schauen, wie man wieder wegkommt. Ich meine, wo man ausreichend Platz findet, um die Maschine zu wenden.»

Zwischen sieben und acht Uhr morgens ist dieses Bari Vecchia am schönsten. Langsam beginnt die Altstadt zu erwachen und findet ins Leben zurück.

Mehr braucht uns Francesco nicht zu erzählen. Denn dieses Bari Vecchia, so viel haben wir schon auf unserem ersten Rundgang begriffen, bildet mit seinen engen, verwinkelten Gässchen und dem markanten Steinpflaster, mit den omnipräsenten Mauern und versteckten Hinterhöfen ein wahres Labyrinth.

Der heilige Nikolaus ist allgegenwärtig

Ja, zwischen sieben und acht Uhr morgens ist dieses Bari Vecchia am schönsten. Langsam beginnt die Altstadt zu erwachen und findet ins Leben zurück. Die Caffetteria Mercantile am breiten Corso Vittorio Emanuele II., zu dieser frühen Stunde fast ausschliesslich von Männern frequentiert, öffnete schon um halb sieben.

Nur wenige Schritte führen von hier zum Porto Vecchio, dem alten Fischerhafen, und da bietet sich ab acht Uhr das nächste Schauspiel: Jetzt kehren die ersten Fischer mit ihrer nächtlichen Beute an die Mole San Nicola zurück. In Bari nennt sich, von der Basilika, wo seine Gebeine ruhen, bis zum Souvenirshop, so manches nach dem heiligen Nikolaus. Mit ihren einfachen Ruderbooten und Kleinkuttern sind die Fischer, allein oder zu zweit, nachts um zwei ausgefahren, und jetzt sind sie mit ihrem Fang zurück, richten Boot, Netze und Material für die nächste Ausfahrt her und präparieren ihre Fische für den Verkauf.

Besondere Behandlung: Bevor die Tintenfische an die Restaurants geliefert werden, werden sie auf der Kaimauer in Bottichen gewässert und danach weich geklopft.
Besondere Behandlung: Bevor die Tintenfische an die Restaurants geliefert werden, werden sie auf der Kaimauer in Bottichen gewässert und danach weich geklopft.
Foto: Sylva Villerot (laif)

Am meisten Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht dabei zweifellos der Tintenfisch, der Pulpo, die wichtigste und meistgefragte Spezies hier, mit der die Fischer hauptsächlich Bars und Restaurants beliefern. Doch zuvor verlangt der Pulpo eine besondere Behandlung, muss in einem Bottich gewässert und dann auf der Kaimauer – entweder mit einem Stock oder aber von blosser Hand – unermüdlich auf den Stein geschlagen und so förmlich «weich geklopft» werden. Ein paar kleinere Fische, Krebse und Krabben sind eher Nebenprodukte des Fangs und werden gleich auf der Mole zum Kauf angeboten.

Tintenfische werden weich geklopft

Der kleine, intime Markt muss momentan als Ersatz dienen für den traditionellen grossen Fischmarkt mit all dem leckeren Meeresgetier in den Vitrinen und seiner farbigen Kundschaft aus Hausfrauen und Feinschmeckern, aus Köchen und Köchinnen. Denn der Mercato del Pesce, traditionell in einem stattlichen Gebäude auf der Piazza del Ferrarese domiziliert, wird gerade aufwendig renoviert. Ebenfalls früh am Morgen richten die Gemüse- und Früchtehändler ihre Auslagen her, legen Salate und Grünfutter möglichst einladend aus und türmen Orangen und Bananen zu Bergen – besonders dekorativ rund um die Hausecke am schmalen Vico San Marco. Metzger, Bäcker und Händler lassen sich etwas länger Zeit.

Was aber hat dieses Geräusch zu bedeuten, das uns den ganzen Vormittag über begleitet, dieses rhythmische Schlagen und Klopfen vom Meer her? Es sind, ganz klar, die Kleinfischer, die auf der Kaimauer des Porto Vecchio noch immer den Pulpo präparieren.

Auf den Spuren des Mafiajägers

In unserer fast herrschaftlichen Bleibe an der Piazza Mercantile haben Gäste den Roman eines italienischen Schriftstellers hinterlassen: «Eine Nacht in Bari» von Gianrico Carofiglio (Goldmann-Verlag). Der Autor wurde 1961 in Bari geboren, lebt noch immer hier und ist ein hervorragender Kenner der Stadt und ihrer Gesellschaft. Schliesslich wirkte er hier über Jahre als Antimafia-Staatsanwalt, bevor er sich dem Schreiben zuwandte.

In Carofiglios Bari-Roman nun begegnen sich drei alte Jugendfreunde nach Jahrzehnten wieder und durchstreifen gemeinsam die Stadt. Das trifft sich gut, denn auch ihr Rundgang wird unweigerlich zu einer Reise in die Vergangenheit. Wir begleiten sie an zahlreiche Örtlichkeiten, vom Leuchtturm von San Cataldo über das Fussballstadion San Nicola, Werk des Stararchitekten Renzo Piano, bis zur Fussgängerzone in der Via Sparàno, und wir erfahren von Ereignissen und Begebenheiten der jüngeren Zeitgeschichte, die für Bari bedeutungsvoll waren. So wird uns der Schriftsteller Carofiglio unverhofft zum gescheiten, geistvoll-ironischen Stadtführer. Grazie, Gianrico, è stato un piacere!

Die Reise wurde unterstützt von den SBB und Enit, der Italienischen Zentrale für Tourismus.