Zum Hauptinhalt springen

Kommentar zu den Demonstrationen in RusslandHier geht es um mehr als um Alexei Nawalny

In über hundert Städten quer durch das Riesenreich gingen Zehntausende Menschen auf die Strasse. Für den Kreml wird es ernst.

«Einer für alle, alle für einen»: In Moskau demonstrierten Tausende für den inhaftierten Oppositionschef Alexei Nawalny.
«Einer für alle, alle für einen»: In Moskau demonstrierten Tausende für den inhaftierten Oppositionschef Alexei Nawalny.
Foto: Oleg Nikishin (Getty Images)

Es war eine mächtige Demonstration für Alexei Nawalny – und gegen den Kreml. Zehntausende Russen folgten dem Ruf des Oppositionschefs. In über hundert Städten quer durch das Riesenreich gingen Menschen auf die Strasse: in Wladiwostok an der Pazifikküste, in Jakutsk im tiefsten Sibirien bei minus 50 Grad, in Petersburg, der westlichsten Grossstadt Russlands.

«Wer ist er schon, hatte Präsident Wladimir Putin letzten Monat noch abschätzig über Nawalny gesagt. Nun ist die Antwort klar: einer, dem die Menschen zuhören, und einer, der dem Kreml Angst macht. Es ist nicht so, dass die Russen alle glaubten, Putin habe Nawalny vergiften lassen, wie es der Oppositionelle selber sagt. Seine Erkrankung hat in Russland kaum Protest ausgelöst.

«Putin wor!», haben sie Nawalnys Slogan skandiert: «Putin ist ein Dieb!»

Doch seine mutige Rückkehr und die feige Verhaftung am Flughafen haben viele davon überzeugt, dass es hier nicht einfach um einen beliebigen Oppositionellen geht, sondern darum, dass der Kreml eine kritische Stimme zum Schweigen bringen will. Einen Mann, der nicht nur Politik macht, sondern auch gegen die Korruption in den höchsten Politchargen kämpft. «Putin wor!», haben sie am Wochenende Nawalnys Slogan skandiert: «Putin ist ein Dieb

Tausende festgenommen: Die Polizei ging auch in Moskau mit Härte gegen die Protestierenden vor.
Tausende festgenommen: Die Polizei ging auch in Moskau mit Härte gegen die Protestierenden vor.
Foto: Mikhail Svetlov (Getty Images)

Die Demos vom Wochenende haben gezeigt, dass die Sache ernst ist für den Kreml. Bei den letzten Demonstrationen, zu denen Nawalny aufgerufen hatte, kamen vor allem Schüler und Studenten. Die Behörden drohten den jugendlichen Aktivisten mit Sanktionen und Schulverweisen. Es hat gewirkt, wenn auch nicht im Sinne des Kreml: Auf den Plätzen standen in erster Linie Erwachsene, ganz normale russische Bürger, in deren Namen Putin sonst so gern spricht. Über 3000 von ihnen hat die Polizei festgenommen.

Nawalny ist zum Symbol für den Kampf gegen die Korruption geworden. Hier wird nicht nur über die Zukunft eines Mannes entschieden, sondern auch über die Zukunft des Landes. Für das nächste Wochenende sind bereits neue Proteste angekündigt.

111 Kommentare
    Lucas Wyrsch

    Dichter Nebel aus Eiskristallen hing in der Luft, beim Rufen der Parolen atmeten die Menschen Wolken von weißem Dampf aus, ihre Augenbrauen und Wimpern weiß vom Frost.

    So sah am vergangenen Samstag der Protest in Jakutsk aus, einer sibirischen Stadt mit rund 323.000 Einwohnern.

    Trotz der extremen Kälte von minus 50 Grad versammelten sich dort Menschen auf dem Druschba-Platz, dem Platz der Freundschaft.

    Jakutsk ist eine von mehr als 120 russischen Städten, in denen Menschen am Wochenende gegen die Willkür des russischen Staates und für die Freilassung des Oppositionellen Alexej Nawalny demonstrierten.

    Quelle: Demonstrationen in Russland: "Das hat es früher nicht gegeben", Julia Smirnova, 25. Januar 2021, Welt Online

    Nach der Verhaftung von Alexej Nawalny sind in Russland Zehntausende auf die Straße gegangen, und zwar auch abseits der Großstädte.

    Wladimir Putin muss das alarmieren.

    In einigen Städten wie etwa in Tomsk in Sibirien mischte sich die Polizei kaum ein.

    Doch anderswo, vor allem in Moskau und Sankt Petersburg, wurden Protestierende verprügelt und in Polizeibusse geschleppt.

    Laut der Bürgerrechtsorganisation OWD-Info waren am Samstag mehr als 3.700 Menschen im ganzen Land festgenommen worden – so viele an einem Tag wie nie zuvor.

    Die Mitstreiter von Nawalny sind zufrieden. "Wir freuen uns, dass auch in kleinen Städten Menschen auf die Straßen und zentralen Plätze gegangen sind.

    Das hat es früher nicht gegeben", sagt Ruslan Schaweddinow.