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So sieht das neue Stadtcasino ausHerzog & de Meuron mögen es rot und knallig

Der 78-Millionen-Umbau des Basler Konzerthauses ist abgeschlossen. Die beiden Stararchitekten Herzog & de Meuron haben sich bei der Gestaltung des grosszügigen Foyers ausgetobt. Ein erster Rundgang.

Medienrundgang im neuen Stadtcasino mit dem Stararchitekten Jacques Herzog (vorne).
Medienrundgang im neuen Stadtcasino mit dem Stararchitekten Jacques Herzog (vorne).
Foto: Kostas Maros

Nach vierjähriger Bauzeit ist die Renovierung und Erweiterung des Basler Stadtcasinos abgeschlossen – und auf die Besucher wartet ein überwältigender Empfang. Denn die beiden verantwortlichen Architekten Herzog & de Meuron (kurz: HdM) geizen im neuen Foyer des Konzerthauses nicht mit Reizen: In den Eingangsbereichen – man betritt das Stadtcasino nicht länger vom Steinenberg, sondern neu vom Barfüsserplatz – sind die Wände mit Brokatstoff in schreiendem Rot ausgekleidet, und sie werden von originellen, phallisch geformten Lampen beleuchtet.

Dieses Rot setzt sich in den Treppenaufstiegen sowie im Garderobenraum im Untergeschoss fort und wird überdies von Metalloberflächen gespiegelt. Man erwischt sich kurz beim Gedanken, sich in der Tür geirrt und in einem Freudenhaus gelandet zu sein, entdeckt dann aber das eigentliche Prunkstück: das grosszügige, sich über zwei Stockwerke erhebende Foyer, das sich weniger knallig präsentiert.

Das grosszügige Foyer lädt zum Verweilen ein.
Das grosszügige Foyer lädt zum Verweilen ein.
Foto: Kostas Maros

Für das 77,5 Millionen Franken teure Bauprojekt haben die beiden Basler Stararchitekten das Konzept des Konzertbaus komplett überarbeitet: Der alte, wegen seiner mangelhaften Infrastruktur vielfach kritisierte Foyer-Anbau aus den 1930er-Jahren wurde abgerissen. An der Stelle – es handelt sich um den Abschnitt zwischen dem Musiksaal und den Stadtcasino-Restaurants – ist nun eine Gasse, durch die man auf den Barfüsserplatz gelangt.

Für das neue, viel grössere Foyer wurde der Grundriss des Konzerthauses zur Barfüsserkirche verlängert und unterkellert; die Fläche hat sich dadurch praktisch verdoppelt. Stilistisch haben sich Herzog & de Meuron an der neobarocken Fassade des vom Architekten Johann Jakob Stehlin entworfenen Musikhauses (Baujahr 1876) orientiert, sodass der Anbau – von aussen betrachtet – gegenüber dem Original kaum auffällt.

Vorne der Anbau von Herzog & de Meuron, dahinter das Musikhaus des Architekten Johann Jakob Stehlin aus dem Jahr 1876.
Vorne der Anbau von Herzog & de Meuron, dahinter das Musikhaus des Architekten Johann Jakob Stehlin aus dem Jahr 1876.
keystone-sda/Georgios Kefalas

Die kleinen Unterschiede zwischen dem Stehlin-Bau und der Erweiterung von Herzog & de Meuron haben es aber in sich: Die beiden Architekten führen das Spiel mit trügerischen Oberflächenstrukturen, wie es zu Stehlins Zeit üblich war (Stichwort Pseudomarmor), auf ihre Weise weiter: Der HdM-Anbau scheint wie der Stehlin-Bau aus Stein gefertigt, es handelt sich in Wahrheit aber um eine Holzverkleidung.

Dieser spielerische Umgang mit historisch überlieferten Stilen und Formen wird im Innern auf die Spitze getrieben: Mit den samtroten Nebenräumen nähert sich das Architektenduo gefährlich der Kitschgrenze, in den zentralen Foyers finden sie aber die Mitte zwischen Extravaganz und Eleganz. Kurz: Man hält sich gerne auf den beiden geräumigen, in dezenten Farbtönen gehaltenen Etagen auf. Die Übergänge zwischen den Räumen sind fliessend, für Neugierige haben die Architekten «Gucklöcher» vorgesehen.

In dieser Nische können es sich Konzertbesucher bequem machen und durchs Guckloch schauen.
In dieser Nische können es sich Konzertbesucher bequem machen und durchs Guckloch schauen.
Foto: keystone-sda/Georgios Kefalas

Die beiden historischen Konzertsäle – der kleinere Hans-Huber-Saal sowie der grosse Musiksaal – wurden renoviert beziehungsweise von Bausünden späterer Jahre befreit. So wurden in den 1960er-Jahren die Fenster des Musiksaals zum Steinenberg zugemauert, weil man sich seinerzeit am Tramlärm störte. Das Problem besteht nicht mehr: Schalldichte Scheiben lassen nunmehr Tageslicht, aber praktisch keine Geräusche von aussen herein.

Ursprünglich hatte der Musiksaal zudem Oberlichtfenster, doch diese liessen sich aus technischen Gründen nicht mehr so einfach rekonstruieren. Daher täuscht nun eine elektrische Anlage an der Decke Tageslicht vor. Überfällig war die Installation einer Lüftungsanlage und einer Hebebühne.

Die Fenster des Musiksaals waren in den 1960er-Jahren zugemauert worden – nun lassen sie wieder natürliches Licht herein.
Die Fenster des Musiksaals waren in den 1960er-Jahren zugemauert worden – nun lassen sie wieder natürliches Licht herein.
keystone-sda/Georgios Kefalas

Das Grossprojekt der Casino-Gesellschaft, das zu knapp 50 Prozent über Spenden und zu gut 50 Prozent vom Kanton Basel-Stadt finanziert wurde, hat auch kleine Schattenseiten: Der Musiksaal hat neue, grösser bemessene Sitze, wodurch sich aber die Kapazität von rund 1500 auf etwa 1300 reduziert. Da zudem die Eingänge auf einer Stirnseite des Saals abgeschafft wurden, werden einige Konzertbesucher gezwungen sein, längere Schlaufen zu gehen, um an ihren Sitzplatz zu gelangen.

Leidenschaftliches Rot begleitet die Konzertbesucher auch beim Toilettengang.
Leidenschaftliches Rot begleitet die Konzertbesucher auch beim Toilettengang.
Foto: Kostas Maros

Unter dem Strich überwiegt das Positive: Der Basler Musiksaal wird wegen seiner Akustik schon seit je her weltweit geschätzt, nun stimmt auch die Infrastruktur rundherum. Sofern der Bundesrat die Corona-Massnahmen weiter lockert, finden die Eröffnungskonzerte in der Woche des 22. August statt.