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Wirbel um Axsana AGHeinigers Firma kann nicht liefern – verschickt aber schon Rechnungen

Das elektronische Patientendossier kommt nicht vom Fleck. Trotzdem schickt Axsana den Spitälern Rechnungen für Leistungen, die es noch gar nicht gibt. Doch diese wehren sich nun – mit Erfolg.

Der ehemalige Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger ist Präsident der Axsana AG.
Der ehemalige Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger ist Präsident der Axsana AG.
Foto: Sabina Bobst

Ab dem Frühling – rechtzeitig zum Ausbruch der Corona-Krise – hätten Patientinnen und Patienten schweizweit ein elektronisches Patientendossier eröffnen können sollen. So war es vom Gesetz und vom Bundesamt für Gesundheit vorgesehen. Das Ziel: Ärzte, Spitäler, Apotheken und andere Gesundheitsfachleute sollten rasch und einfach die Krankengeschichte eines Patienten durchsehen und so Fehler und Kosten vermeiden können. 13 Jahre nach dem Startschuss des Bundesrats.

Jetzt ist unklar, ob das je möglich wird. Die Einführung des elektronischen Patientendossiers, aber auch dessen «langfristige Zielerreichung» sei infrage gestellt, schreibt die Eidgenössische Finanzkontrolle. Sie ist das unabhängige Prüforgan des Bundes. Grund sei das Fehlen einer «zielgerichteten Steuerung» des Projekts.

Der Bericht wurde schon im vergangenen Sommer erstellt, aber erst kürzlich veröffentlicht. Damals, so heisst es im Bericht, behauptete das Bundesamt für Gesundheit noch, man werde das Patientendossier im April 2020 flächendeckend anbieten. Im März dieses Jahres verschob SP-Gesundheitsminister Alain Berset den Termin jedoch auf den «Herbst», weil keiner der Anbieter in der Lage war, eine pfannenfertige Lösung zu entwickeln. Jetzt schreibt das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage, es werde Frühjahr 2021.

Alles ist viel komplizierter

Probleme macht vor allem die Zertifizierung der Informatik. Sie ist noch im Gang. Die Firma SQS testet die Lösung des grössten Anbieters in der Deutschschweiz, der Axsana AG. Gleichzeitig testet der Bund, ob die Firma SQS die Zertifizierung richtig durchführt. Und beides kommt nicht vom Fleck.

Axsana ist eine Gründung des Kantons Zürich und machte vor einem Jahr Schlagzeilen: Durch Recherchen dieser Zeitung wurde bekannt, dass der damalige Zürcher FDP-Gesundheitsdirektor und gleichzeitige Axsana-Verwaltungsratspräsident Thomas Heiniger Druck aufsetzte, damit möglichst alle Spitäler der Deutschschweiz bei der Axsana mitmachen. Und wie er eine Rückzahlung eines Darlehens an den Kanton Zürich hinauszögerte.

Axsana gewann in verschiedenen Kantonen Ausschreibungen, indem sie die komplette Integration der Patientendossiers in die Kliniksoftware der Spitäler versprach – viel mehr, als das Gesetz eigentlich verlangt. Nach dem Entscheid der Spitäler für Axsana war davon allerdings nicht mehr die Rede. Und jetzt ist Axsana nicht in der Lage, die Minimallösung gemäss Gesetz rechtzeitig zu liefern.

Spitäler wehren sich

Die Verzögerung hinderte die Axsana nicht daran, ihren 161 angeschlossenen Spitälern in den vergangenen Wochen eine Rechnung über 80 Prozent der vorgesehenen Grundgebühr zu senden. Zahlreiche Spitäler sind nicht damit einverstanden, dass sie für etwas zahlen sollen, das noch gar nicht funktioniert.

Eines davon ist das Kantonsspital Obwalden, wie dessen Direktor Andreas Gattiker bestätigt: «Axsana hat die vertraglich abgemachte Leistung nicht erbracht, darum werden wir die Rechnung vorderhand nicht bezahlen.»

Die Spitäler haben in einem Knebelvertrag alle Rechte und Pflichten «unwiderruflich» an die Axsana abgetreten. Gattiker könnte notfalls den Vertrag künden und sich einer anderen Stammgemeinschaft anschliessen.

Über 20 Spitäler haben protestiert

Das Kantonsspital Obwalden ist mit seiner Kritik nicht allein. Mindestens 22 weitere Spitäler haben sich bei Axsana beschwert, wie der Vertreter eines der betroffenen Spitäler bestätigt.

Ein anderes Spital, das nicht genannt werden will, erhielt eine Antwort von Axsana-Geschäftsführer Samuel Eglin. Er könne die «Irritation» verstehen, schreibt er darin, aber bei den «verrechneten Leistungen handelt es sich allerdings nicht nur um die Nutzung eines operativen Systems». Mit anderen Worten: Die Spitäler müssen bezahlen, auch wenn noch gar nichts funktioniert.

Die Rechnung an das kleine Kantonsspital Obwalden beträgt gemäss Gattiker 30’000 Franken. Bei grösseren Spitälern stellte Axsana offenbar mehrere Hunderttausend Franken in Rechnung. Dies für eine noch nicht zertifizierte Lösung, bei der bloss PDF-Dateien wie Austrittsberichte, Röntgenbilder oder Medikamentenverordnungen abgelegt werden.

«Technisch ist das Patientendossier eine gigantische Fehlinvestition. Das als Fortschritt angepriesene System ist bloss ein PDF-Friedhof.»

Andreas Gattiker, Direktor Kantonsspital Obwalden

«Bei älteren oder chronisch kranken Patienten sind das schnell einmal mehrere Hundert Seiten, die kein Arzt durchsuchen wird», sagt ein Mediziner, der bei einer Vorstellung der Software dabei war. «Technisch ist das Patientendossier eine gigantische Fehlinvestition», findet auch Andreas Gattiker. «Das als Fortschritt angepriesene System ist bloss ein PDF-Friedhof.»

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, weicht Axsana-Geschäftsleiter Samuel Eglin konkreten Fragen aus. Axsana setze sich in ihrem Einflussbereich dafür ein, in diesem schwierigen Umfeld die Einführung und die langfristige Etablierung des Patientendossiers möglich zu machen.

Geht bald das Geld aus?

Am Montag, nachdem die Axsana von den Recherchen erfuhr, erliess die Firma jenen Spitälern, die noch nicht bezahlt haben, die Hälfte der Rechnung. Dies werde, so schreibt Geschäftsführer Eglin in einem Mail an die Spitäler, allerdings zu einer «empfindlichen Ertragsminderung» führen. Wie hoch diese sein wird, will er nicht sagen.

Doch die finanziellen Schwierigkeiten von Axsana sind nicht neu: Zwei Informatikverantwortliche von Spitälern, die Einblick in das Projekt von Axsana haben, vermuten unabhängig voneinander und vor diesem Entscheid, dass Axsana das Geld ausgehen könnte. Eine dritte Quelle bestätigt dies. Vergangenen Herbst musste die Firma einen Kredit des Kantons Zürich zurückzahlen. Und die Unterstützung durch Bundesgelder ist aufgebraucht.

Der Geschäftsbericht 2019 enthält keine Bilanz, und auch auf Nachfrage legt Axsana ihre finanzielle Situation nicht offen. Sie beantwortet keine Fragen, obwohl sie gemäss eigenen Angaben bis 2022 insgesamt 23,5 Millionen Franken Steuergelder ausgeben wird.

Geschäftsleiter Samuel Eglin schreibt im zitierten Mail, man werde auf andere Kostenträger zugehen. Damit dürften vor allem die elf Kantone gemeint sein, welche die Axsana mittragen, darunter Zürich, Bern, Luzern, Basel-Stadt und Baselland. Verwaltungsratspräsident Thomas Heiniger selber nahm keine Stellung.

58 Kommentare
    Röbi Muster

    Lieber Herr Feusi,

    Leider ist Ihr Artikel ganz schlecht recherchiert und Ihre Kritik greift zu kurz. Die axsana ag wäre bereit und funktionieren würde das System bereits seit anfangs Jahr. Leider sind jedoch weder SQS noch BAG bereit, die Stammgemeinschaft(en) zu zertifizieren!