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Milo Raus «Sturm auf den Reichstag»Haben die Reichsbürger beim Schweizer abgekupfert?

Der Theaterpionier Milo Rau sprach in einem Interview über den Corona-Schock und die Folgen – und erzählte von seinem Ärger mit den Reichsbürgern.

Ein «Sturm auf den Reichstag» für mehr Demokratie – als Aktion des Schweizer Theatermachers Milo Rau im November 2017.
Ein «Sturm auf den Reichstag» für mehr Demokratie – als Aktion des Schweizer Theatermachers Milo Rau im November 2017.
Foto: Keystone

Der rechtsradikale Sturm auf den Reichstag am Wochenende hat Deutschland ziemlich mitgenommenselbst wenn es de facto nur ein Stürmchen war. Die Bilder aus Berlin schockten, die Haltung der Menschen, die da mit schwarz-weiss-roten Reichsflaggen und Corona-Skepsis-Plakaten aufmarschierten, auch. Die Medien suchten händeringend nach Einordnung; und beim Magazin «Der Spiegel» erinnerte man sich: Dieser Schweizer Starregisseur, der jetzt in Belgien ein Theater leitet, der hat doch vor ein paar Jahren auch einen «Sturm auf den Reichstag» orchestriert.

So kam Milo Rau, der Berner Theatermann aus dem flämischen Gent, zu einem «Spiegel»-Gespräch übers aktuelle Drama in Deutschland und zeigte dabei das, was er immer zeigt: Brillanz. Konzis fasste er zu Beginn zusammen: «Die bildpolitische Wirkung ist enorm. Dass das eine sehr beschränkte Aktion von ein paar Wirrköpfen ist, sieht man nicht. Die Bilder sehen ja toll aus.»

Remake der Oktoberrevolution

Anders gesagt: Es verhält sich genau andersherum als damals bei Raus eigenem «Sturm auf den Reichstag» im Jahr 2017. Der Polittheaterpionier, der Massstäbe setzt und stets auch seine und unsere Verantwortung am Weltgeschehen thematisiert, spielte damit auf den Sturm auf den Winterpalast in St. Petersburg an, dieses Symbol der Oktoberrevolution 1917.

Ein Umweltaktivist, ein Roma-Vertreter und andere Repräsentanten der Unterdrückten dieser Erde hielten vor dem Berliner Gebäude kurze Reden. Danach choreografierte Rau mit ihnen und den Zuschauern einen gesitteten Aufmarsch bis ans Absperrgitter.

Milo Rau, Regisseur, Autor, Theaterleiter, hatte 2017 einen kleinen Rechtsfall mit Reichsbürgern «an der Backe».
Milo Rau, Regisseur, Autor, Theaterleiter, hatte 2017 einen kleinen Rechtsfall mit Reichsbürgern «an der Backe».
Foto: Keystone

Es war eine tiefenscharf durchdachte Angelegenheit: ein Aufruf zur Demokratie-Erweiterung und eben gerade nicht zu ihrer Abschaffung, wie Rau jetzt im Interview unterstrich. Alle Stimmen, die von den Entscheidungen des Bundestags betroffen seien, sollten dort auch Gewicht haben, fordert er.

Es gab Theaterkritiker, die seinerzeit mit beissendem Spott auf Raus Remake des Winterpalast-Sturms reagierten. Aufregung freilich gabs kaum – was Theaterleute meist bedauern.

Rechtsstreit mit «zornigen Spiessern»

Aber halt! Immerhin hatten Rau und sein Team hinterher, wie er formulierte, einen «kleinen Rechtsfall an der Backe». Denn – und so schliesst sich der Kreis zum jetzigen Reichstagssturm – der Regisseur und die Seinen hatten damals im Zuge ihrer Aktion den Infostand einer Reichsbürger-Gruppe umgerannt, den diese vor dem Gebäude aufgebaut hatte.

«Vielleicht», so Rau, «kam ihnen da die Idee, das auch mal zu machen.» Also das mit dem Sturm. Das ist nun eine irgendwie grössenwahnsinnige, aber auch wieder amüsant-ironische Spekulation. Oder womöglich gar eine selbstironische: Schliesslich geisselt Rau den Reichsbürger-Sturm vom Samstag als ein «pseudopolitisches Psychodrama», inszeniert von ideenlosen, «aggressiven Kleinbürgern», von «zornigen Spiessern», denen man sich als Echoraum verweigern solle. Besonders als Linker.

Die Corona-Reichsbürger-Demo am Samstag vor dem Reichstagsgebäude in Berlin und der Polizeieinsatz: «Tolle Bilder», räumt Milo Rau ein.
Die Corona-Reichsbürger-Demo am Samstag vor dem Reichstagsgebäude in Berlin und der Polizeieinsatz: «Tolle Bilder», räumt Milo Rau ein.
Foto: Reuters

Stattdessen – und da wagt Milo Rau jenen grossartigen Sprung zum Theatermissionar und moralischen Macher, den sich sonst keiner in der Szene traut , stattdessen solle man lieber kapieren, was der Motor für dieses Aufständchen war: unser aller metaphysische Obdachlosigkeit, die verschärft spürbar wird in Zeiten von Corona. «Wir sind eine Gesellschaft ohne Transzendenz, ohne Boden.» Aber wir vertrügen es nicht, mit dem Tod verloren zu sein.

Aus dieser Unfähigkeit speisten sich denn auch die Verschwörungstheorien, sagt der 43-Jährige. Die Reichsbürger wollten ins «Innere der Institutionen vordringen, als gäbe es da irgendeine Verschwörung in einem Hinterzimmer, einen Weltgeist in Gestalt eines Schachspielers wie bei Walter Benjamin». Doch den würden sie nicht finden. «Weil es ihn nicht gibt.» Tusch – und getragener Applaus!

Nächste Milo-Rau-Aufführung in der Schweiz: Schiffbau Zürich, 25. Oktober, «Das Kongo Tribunal Kolwezi Hearings».