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USA gegen WHOGrotesker Akt der Selbstgefährdung

An der Weltgesundheitsorgansiation gibt es vieles zu kritisieren. Aber austreten, wie Trump es jetzt macht, ist lächerlich übertrieben.

Trump will mit der WHO nichts mehr zu tun haben.
Trump will mit der WHO nichts mehr zu tun haben.
Foto: Reuters

Der US-Präsident hat an diesem Freitag die Welt wieder ein gutes Stück unsicherer gemacht. Nicht zuletzt die Welt der US-Amerikaner. Am Nachmittag verkündete er im Rosengarten des Weissen Hauses, er werde die Mitgliedschaft der USA in der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kündigen. Der Schritt ist Teil eines, es lässt sich kaum anderes sagen, propagandistischen Rachefeldzuges gegen China, von dem Trump berichtet, es habe die WHO längst übernommen.

Mitten in einer globalen Pandemie kappt der US-Präsident die Verbindungen zu einer Organisation, die vielleicht nicht perfekt ist. Die aber wie keine andere Organisation dazu in der Lage ist, globale Infektionsketten zu bekämpfen. Ebola, Polio, Kinderlähmung, HIV – ohne die Hilfe der WHO würden diese Krankheiten wohl immer noch ungebremst grassieren.

Auch in dieser Pandemie leistet sie unschätzbare Arbeit: Sie verbreitet verlässliche Informationen zum neuen Coronavirus, sie hilft auch Ländern, die nicht über die besten Virologen der Welt verfügen. Sie hat schon früh im Jahr dazu beigetragen, dass ein an der Berliner Charité entwickelter Corona-Test weltweit verfügbar war. Grundvoraussetzung, um die Pandemie einzudämmen. Wer die WHO schwächt, der schwächt einen wesentlichen Bestandteil des organsiatorischen Immunsystems der Menscheit.

Diesen einmaligen Gesundheitsdienstleister jetzt zu verlassen, ist, als wenn ein schwerkranker Mittfünfziger seine Krankenversicherung kündigt, weil der Versicherungschef einen zu grossem Dienstwagen fährt. Eine geradezu grotesk überzogene und selbstschädigende Reaktion. Aber was ist schon von einem Präsidenten zu erwarten, der Twitter mit Schliessung droht, weil das Unternehmen seine Tweets faktencheckt.

Es gibt durchaus Kritikwürdiges an der WHO. Etwas, dass sie auch den autokratischen Verbrecherstaaten unter ihren 164 Mitgliedern ab und zu entgegenkommt. Das ist vielleicht der Kompromiss, den eine Organisation eingehen muss, deren oberstes Ziel es ist, die Gesundheit der Menschen weltweit zu verbessern und zu schützen.

Oder dass 20 Prozent des WHO-Budgets aus privaten Stiftungen und Unternehmen kommen. Das kann die Unabhängigkeit der notorisch unterfinanzierten Organisation in Gefahr bringen. Das Problem liesse sich leicht beheben, wenn die Mitgliedsstaaten ihre Beiträge erhöhen würden. Oder zumindest pünktlich zahlten. Jetzt entzieht Trump mit seiner Entscheidung der WHO auch noch gut 400 Millionen Euro im Jahr. Die WHO nimmt nur etwa 3,7 Milliarden Dollar im Jahr ein. Die anderen Mitgliedstaaten sollten das Loch schnell stopfen.

Trump lehnt jede Verantwortung ab

Trump opfert die Handlungsfähigkeit der WHO, weil er Schuldige braucht. Er lehne jede Verantwortung ab, hat er mal gesagt. Also macht er andere verantwortlich. China, die WHO, demokratische Gouverneure in den Bundesstaaten. Mehr als 100’000 Tote, fast 1,8 Millionen registrierte Infizierte bisher. Jeden Tag kommen mehr als 20’000 bestätigte Neuinfektionen hinzu. Das System Trump hat in der ersten ernsthaften Krise seiner Amtszeit versagt. Aber im Herbst sind Wahlen. Darum setzt er alles daran, von seinem eigenen Versagen in dieser Krise abzulenken.

Die WHO hätte helfen können. Ein Problem war ja, dass sich in den USA bis Mitte März das Virus ungehindert ausbreiten konnte. Es wurde so gut wie nicht getestet. Die USA wollten unbedingt einen eigenen Test entwickeln, sind aber gescheitert. Den verfügbaren und funktionierenden Test der WHO wollten sie nicht. Ohne die Tests tappten die USA im Dunkeln. Weshalb es erst vier bis sechs Wochen zu spät zu den notwendigen Kontaktbeschränkungen kam. Die New York Times hat ausgerechnet, dass mindestens 36'000 Corona-Tode hätten verhindert werden können, wenn die USA früher reagiert hätten.

Trump sagt, die WHO habe nicht früh genug vor dem Virus gewarnt, aus Rücksicht auf China. Das mag sogar stimmen. Erst am 11. März hat die WHO die Ausbreitung des Virus zur Pandemie erklärt. Aber niemand hat Trump bis dahin daran gehindert, das Virus dennoch ernst zu nehmen. Er aber faselte über Wochen nur davon, dass das Virus auf magische Art verschwinden werde, dass seine Regierung alles unter Kontrolle habe. Nichts war unter Kontrolle.

Trump geht inzwischen wieder golfen, eine Maske trägt er aus Prinzip nicht und zu den Todeszahlen äussert er sich kaum noch. Er tut so, als hätte er mit der Krise nichts zu tun. Sollen die Leute sterben, Hauptsache die Wirtschaft läuft wieder an.

Aus der WHO auszutreten, aber birgt noch eine andere Gefahr. Wenn es darum geht, womöglich im kommenden Jahr einen Corona-Impfstoff weltweit verfügbar zu machen, sind die Netzwerke der WHO von entscheidender Bedeutung. Die US-Amerikaner können nur hoffen, dass dann nicht mehr Trump im Weissen Haus sitzt.