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Über den Zauber des SprungturmsGrosser Auftritt in Badehose

Abheben, Fliegen, Eintauchen: Ein Sprungturm ist der reinste Eskapismus und versüsst die Ferien in der Heimat. Doch er ist auch eine sehr schmale Bühne, auf der man liefern muss.

Ob in der Badi oder im offenen Gewässer: Der Sprung vom Brett ist immer auch ein Auftritt vor den Augen anderer.
Ob in der Badi oder im offenen Gewässer: Der Sprung vom Brett ist immer auch ein Auftritt vor den Augen anderer.
Bild: Keystone

In Niederbayern gibt es ein Freibad, in dem die Zeit stehen geblieben ist, und zwar ungefähr 1988. Der Eintritt kostet noch Zweifünfzig, es gibt einen Kiosk mit Pommes und Würstchen, ein paar sonnenbleiche Rettungsringe und natürlich, von ewig tröpfelnden Duschen flankiert: ein 50-Meter-Becken, dessen blaue Farbe mit jedem Sommer etwas heller wird. Nur hinten links ist das Wasser immer dunkel. Dort ist es tief, dort stehen die Sprungbretter, ein Einer und ein Dreier – wie zwei Geschwister. Und an ihnen tummelt sich seit 1988 die immer gleiche gemischte Gruppe aus Kindern und Kindgebliebenen. Sie hinterlassen schnell trocknende Fussabdrücke auf dem Sandstein, während sie darauf warten, endlich springen zu dürfen.

Man darf das nicht unterschätzen, diese zwei Bretter sind viel mehr als nur ein Schwimmbadstandard aus den Achtzigerjahren. Sie waren und sind die Attraktion ganzer Generationen von Dorfkindern. Ihre Anziehungskraft war es vielleicht erst, die einem als Zweitklässler überhaupt die Motivation für Seepferdchen und Co. gab, um dann mit wackligen Knien endlich auch die paar Schritte hinaufsteigen zu dürfen. Der erste Sprung vom Brett ist ja eine wichtige Lebenspremiere, ähnlich wie das erste Fahren ohne Stützräder: allein die zwei Stufen hoch, ein Meter über normal stehen, Papa zur Sicherheit sprungbereit am Beckenrand postiert. Das Wasser schaurig tief und das Brett selbst, mit seinem sonnenwarm am Fuss reibenden Antirutschbelag so seltsam nachgiebig, je weiter man sich vorwagte. Hinten warteten die anderen respektvoll, und sowieso schien das ganze Bad gleichzeitig mit einem selbst kurz den Atem anzuhalten, ein paar wippende Sekunden lang. Dann gab es nur noch Augen zu und: hinein!

Nur ein Gedanke: noch mal!

Im gleichen Moment erfasste einen schon der Saphirschwindel des Eintauchens, Nase, Ohren, Wasser, Sprudel. Luft gab es erst wieder am Beckenrand. Und nur einen Gedanken, nämlich noch mal! Noch hundertmal! Immer wieder die Möglichkeiten auskosten, die so ein einfaches Federbrett bieten kann: abheben, fliegen und als neuer Mensch einschlagen. Zu dieser Übung in Lebenslust gehört auch die Aufregung vor dem Sprung. Denn auch wenn es nur einen Meter hoch ist, steht man da vorne doch stets exponiert vor dem Beckenweit, und an diesem Gefühl wird sich nie etwas ändern.

Ein Mensch auf einem Sprungbrett ist eben ein Mensch auf einer sehr schmalen Bühne. Es ist immer ein Auftritt vor allen anderen und noch dazu einer, bei dem man nur in Badehose bekleidet ist. Vielleicht ist diese ungewohnte Aufmerksamkeit auch einer der Gründe zu springen, sich sozusagen schnell wieder aus dem Blickfeld zu katapultieren. Wer übermässig lange federt, bis das Geräusch des ächzenden Bretts alle zum Schauen auffordert, der muss auch liefern. Nur zappelige Kerze reicht dann nicht mehr.

Jedenfalls – so ein Sprungbrett rettet endlose Ferientage. Das Hineinhüpfen ist immer anders, das Angstüberwinden ist vielfältig, das Mutbeweisen macht süchtig. Es treibt einen später auch hinauf auf einen Fünfer, wo man sich insgeheim wundert, was diese harmlose Zahl in der Vertikalen ausmacht. Wo der Spass des federnden Dreierbretts einer unangenehm klaren Betonkante zum Abgrund gewichen ist.

Ein richtiger Kopfsprung ist eine Kunst und die schönste Exitstrategie.

Und wenn es irgendwo einen Zehn-Meter-Turm gibt, berührt er die Fantasie der Menschen ringsherum. Das ist ja eine Ernsthaftigkeit, an der es keine Zweifel mehr gibt. Ein Sprung von da oben, so die Gewissheit, wird eine bleibende Lebenserinnerung sein. Und bei allem Schrecken hat dieses Unterfangen auch eine seltsame Anziehung, schliesslich könnte hinter so einem Freiflug ja irgendwie eine Erfahrung stecken, die alles verändert. Sehr schön fängt diese vage Faszination der schwedische Kurzfilm «Zehn-Meter-Turm» ein, der 2017 Preise gewann. Die Anordnung des Films ist genial einfach: Eine Kamera und ein Mikrofon sind starr auf die Absprungstelle eines Zehn-Meter-Sprungturms gerichtet; man sieht Protagonisten zu, die noch nie von hier oben gesprungen sind. Existenzielles Zaudern, innere Kämpfe, Zweifel, Angst und Überwindung – es ist eine packende Dokumentation des Lebendigseins, die sich da ohne jedes Zutun der Filmemacher abspielt.

Nicht alle im Film springen, gestählte Jungmänner coachen sich vergeblich bis an die Kante und wieder zurück. Andere, ein junges Mädchen, eine ältere Dame, überwinden ihre Ängste triumphal. Allen gemein ist der erste ehrfürchtige Blick über den Rand und der sichtbare Eindruck, den er hinterlässt – so weit weg, der kühle Beckengrund! Von dem man ja weiss, dass er einen auffangen wird, und der doch so lebensfeindlich und unnahbar scheint.


Der US-Maler Eric Zener hat in seinem realistischen Stil viele wunderbare Bilder von Menschen auf Sprungtürmen gemalt. Er malt sie als verwegene Himmelstürmer – einsam zwischen Erde und Wolken oder allein auf einer endlosen Leiter nach oben. Es sind kurzfristige, zweifelnde Helden auf der Kante. Aber er hat auch die Sprünge gemalt, und da wirken die Menschen wie artistische Vögel, die Arme ausgebreitet und in stolz gestreckter Körperhaltung. Vielleicht ist dieser kurze Moment des Fluges, diese Sekundenfreiheit eine existenzielle Erfahrung, die Maler und Filmemacher zu Recht beschäftigt.

Etwas anderes sieht man auf den Fotos von Slim Aarons, dem besten Schwimmbad-Fotografen aller Zeiten. Seine glamourösen Szenen an den Jetset-Pools der Sechziger- und Siebzigerjahre zeigen das Ein-Meter-Brett als Accessoire, das zu einem echten Pool einfach dazugehört. Aarons' Damen der High Society räkeln sich rauchend auf diesen Brettern und wirken in ihrer Verachtung für das Sportgerät sehr glamourös.

Mischung aus Quatsch und Athletik

Im niederbayerischen Freibad gibt es seit 1988 keinen Glamour, und der Dreier ist das höchste der Gefühle. Er ist mit seinem Federbrett aber auch das schönste Spielzeug unter den Sprungbrettern, denn damit kann man wirklich springen und sich nicht nur fallen lassen. Das wurde wichtig, als man der Badehose mit dem Seepferdchen-Abzeichen längst entwachsen war. Dann erlebte der Sprungbereich noch mal eine ganz neue Bedeutung, die Bretter waren ein paar Jahre der Sommertreffpunkt schlechthin, und das einzig Bedauerliche war, dass man die Töfflis nicht daneben parkieren konnte.

Man sprang in dieser Lebensphase nicht mehr um des kindischen Hüpfens willen, sondern wollte was von sich und seinem Körper zeigen, machte also Figuren. Solche, die die eigene Schmerzunempfindlichkeit markierten oder eben möglichst viel Wasser verdrängten, am besten in Richtung der Mädchen. Die sassen am Beckenrand oder auf der strategisch gut platzierten Bank, immer irgendwie gelangweilt, immer irgendwie Glace essend und den Blick in einer Ferne, von der die Jungs noch keine Ahnung hatten. Um das zu kompensieren, kletterten die emsig wie Eichhörnchen auf den Dreier, einander bei jedem Sprung an Todesverachtung überbietend.

Es ist die Mischung aus Quatsch und Athletik, Schmerz und Sonne, aus Flirt und Rivalenkampf, die die Sprungbrett-Sommer tief in der Erinnerung verankert und die man irgendwann sogar als Synonym fürs Junggewesensein schlechthin abspeichern kann.

Schliesslich lassen sich irgendwann die Mädchen vom Beckenrand doch erweichen und klettern auch mal hinauf. Arschbombe, vielleicht. Viel eher aber machen sie etwas, das zeigt, wie weit sie von den Dorfjungs schon entfernt sind – einen formvollendeten Kopfsprung. Bei dem die Beine nicht überschlagen, man nicht die halbe Zeit als unglücklicher rechter Winkel durch die Gegend fliegt, überstreckt oder die Arme unterwegs vergisst. Nein, ein richtiger Kopfsprung ist eine Kunst und die schönste Exitstrategie. Aus dem Schwimmbad, nach einem langen Tag. Oder aus dem Dorf, nach einer langen Schwimmbadjugend.