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Kommentar zu Japan und OlympiaGreise, nicht weise

Es geht nur um Macht und Posten: Der Skandal um den mittlerweile geschassten Olympia-Organisator Yoshiro Mori zeigt deutlich, wie verkrustet das ganze Land ist. Bieten die Spiele eine Chance für die Jugend?

Yoshiro Mori widersetzte sich dem Druck, doch der ehemalige Premierminister musste sich geschlagen geben: Nach sexistischen Aussagen ist er als Chef des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele in Tokio zurückgetreten.
Yoshiro Mori widersetzte sich dem Druck, doch der ehemalige Premierminister musste sich geschlagen geben: Nach sexistischen Aussagen ist er als Chef des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele in Tokio zurückgetreten.
Foto: Getty Images

Yoshiro Mori tritt nun doch zurück. Der Präsident des Organisationskomitees für die Sommerspiele in Tokio hat eingesehen, dass sein sexistischer Einwand gegen mehr Frauen in Vorständen nicht zu den Werten eines Weltsportfests passt. Gut so. Mit 83 muss man auch mal Platz machen können für einen neuen Anfang. Wobei dieser Anfang im japanischen Stil begangen wird. Moris Nachfolger soll von einer Arbeitsgruppe bestimmt werden, die je zur Hälfte mit Frauen und Männern besetzt werden soll.

«Tokio plant gerade ein Grossereignis, bei dem Zehntausende potenzielle Coronavirus-Träger von der einheimischen Bevölkerung ferngehalten werden sollen.»

Natürlich, Verjüngung war nicht das Ziel bei diesem Wechsel. Die japanischen Olympia-Planer mussten irgendwie die internationale Empörung über Mori abstellen. Und man kann auch verstehen, dass sie in den letzten fünf Monaten vor dem grössten Sportfest der Welt lieber den Nächstbesten aus dem geschlossenen Spielezirkel beförderten statt eines jungen Machers. Tokio plant gerade ein Grossereignis, bei dem Zehntausende potenzielle Coronavirus-Träger aus dem Ausland von der einheimischen Bevölkerung ferngehalten werden sollen. Derart absurde Vorhaben bestreitet man lieber mit bewährtem Personal.

Trotzdem: Das Geschehen um Mori wirkt wie ein Lehrstück über das Japan von heute. Der Inselstaat möchte mitspielen in der Liga der freiheitlichen Innovationsstaaten. Die Sommerspiele sollen eine Messe für Japans Hightech-Industrie werden. Man will zeigen, wie man Olympia trotz Pandemie durchzieht.

Aber die Politikelite des Landes ist grau, starr, unbeweglich. Yoshiro Mori ist der Vertreter eines Systems, in dem Greise Greise schützen und nachhaltige Erneuerung systematisch ausgebremst wird. Eigentlich ist die Achtung vor der Erfahrung ein traditionelles japanisches Konzept, von dem sich gerade westliche Gesellschaften viel abschauen können. Jugendwahn führt genauso wenig in eine bessere Zukunft wie verbissenes Traditionsdenken. Die Alten werden gebraucht. Weisheit ist immer modern.

«Einen echten Konkurrenzkampf um fortschrittliche, von Moral geprägte Ideen lassen die Alten nicht zu.»

Aber Mori und die anderen Alten aus Japans Regierungspartei LDP sind nicht weise. Sie sind Strategen, die Politik in erster Linie als Kampf um Posten und Macht begreifen. Einen echten Konkurrenzkampf um fortschrittliche, von Moral geprägte Ideen lassen sie nicht zu. Wer unter ihnen etwas werden will, braucht starke Freunde, nicht zwingend starke Argumente. Und nationalistisches Machogehabe ist salonfähig. Die LDP braucht die Stimmen vom breiten rechten Rand Japans.

Gerade Mori hätte der liberale Mainstream spätestens im Mai 2000 ins Abseits spülen müssen, als er, damals Premierminister, Japan als «göttliche Nation» beschrieb. Aber es gibt eben keinen liberalen Mainstream in Japan, dafür viel Gleichgültigkeit in der Gesellschaft. Deshalb hatte es auch keine Konsequenzen, als Finanzminister Taro Aso im Jahr 2017 sagte, Adolf Hitler habe «die richtigen Motive» gehabt. Aso ist 80, und auch ein Ex-Premier. Neben LDP-Generalsekretär Toshihiro Nikai (81) war er massgeblich daran beteiligt, die Mehrheiten für Yoshihide Suga (72) zu organisieren, als dieser im vergangenen Jahr Premierminister werden sollte.

Insofern könnte das Theater um Yoshiro Mori für Japan heilsam sein. Die Greise des rechtskonservativen Establishments erfahren, dass ihre Haltungen nicht mehr zeitgemäss sind. Ob sie sich deshalb wirklich ändern? Eher nicht.

8 Kommentare
    Holk oertel

    Wer braucht. Solche Olympischen Spiele? Ein Prestigeobjekt ohne nachhaltig.Diese Milliarden währen besser an dringenden Aufgaben investiert!