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Stark!Gift oder Patronen Wladimir Putin auf den Spuren Henry Kissingers

Wer sich gegen Wladimir Putin stellt, nimmt oft ein plötzliches Ende. Andere Politiker gingen genauso über Leichen – und hatten damit Erfolg.

Kriegsverbrecher und Friedensnobelpreisträger: Der chilenische Diktator Augusto Pinochet und der damalige US-Aussenminister Henry Kissinger. 

Kritikerinnen und Kritiker des «lupenreinen Demokraten» Wladimir Putin (Alt-Kanzler Gerhard Schröder, SPD) leben gefährlich. Im In- und im Ausland. Sie werden schikaniert, vergiftet oder erschossen. Zuletzt traf es Alexei Nawalny, der einen Anschlag mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok nur mit Glück überlebte.

Die Journalistin Anna Politkowskaja wurde 2004 auf dem Flug in die nordossetische Stadt Beslan vergiftet. Sie überlebte den Anschlag und wurde im Oktober 2006 im Eingang ihres Wohnblocks erschossen.

Im November 2006 starb Alexander Litwinenko qualvoll nach dem Konsum einer Tasse Tee, angereichert mit dem radioaktiven Gift Polonium-210. Sein mutmasslicher Mörder Andrei Lugavoi kehrte ungehindert nach Moskau zurück und zog später auf der Parteiliste der kremlfreundlichen Liberaldemokraten ins russische Parlament ein.

Der liberale Reformer Boris Nemtsow wurde im Februar 2015 an einem der bestüberwachten Orte Russlands, in unmittelbarer Nähe der Kremlmauer in Moskau, erschossen.

Im englischen Salisbury wurde ein Giftanschlag auf den «Verräter» und Doppelagenten Sergei Skripal und dessen Tochter Julia verübt. Vater und Tochter überlebten den Mordversuch nur knapp.

«‹Reporter ohne Grenzen› zählt seit Putins Amtsantritt 36 Journalisten, die aufgrund ihrer Arbeit in Russland liquidiert wurden.»

Die Rache Putins trifft unterdessen aber nicht nur seine ehemaligen Kollegen aus dem Geheimdienst, sondern auch Oppositionelle und Bürgerrechtler. «Reporter ohne Grenzen» zählt seit Putins Amtsantritt 36 Journalisten, die aufgrund ihrer Arbeit in Russland liquidiert wurden.

Nun ist der russische Herrscher nicht der erste und auch nicht der letzte Politiker, der bei der Sicherung seines Machtbereichs buchstäblich über Leichen geht. Im soeben erschienenen Buch des Historikers Bernd Greiner «Henry Kissinger – Wächter des Imperiums» (C.H. Beck 2020) wird der Leser im Detail darüber aufgeklärt, weshalb der Friedensnobelpreisträger des Jahres 1973 eigentlich ein Kriegsverbrecher ist. Stichworte: Vietnam, Kambodscha, Laos, Bangladesh, Ost-Timor – und, vor allem: Chile. Das andere «9/11».

3500 Gesprächsstunden aus dem Weissen Haus, aufgezeichnet auf Anordnung des paranoiden US-Präsidenten Richard Nixon, belegen, dass Henry Kissinger eine bedeutende Mitverantwortung trägt für die Beseitigung der demokratisch gewählten Regierung von Salvador Allende. Angefangen mit der Ermordung des verfassungstreuen Armeechefs René Schneider im Oktober 1970 bis zum Putsch durch Augusto Pinochet im September 1973.

«Es geht nach wie vor und entschieden darum, Allende durch einen Putsch zu stürzen», heisst es in seiner Weisung vom 16.10. 1970 an den CIA. «Es wäre wünschenswert, wenn dies vor dem 24. Oktober (dem Tag der Vereidigung) geschehen würde, aber diesbezügliche Anstrengungen werden auch nach diesem Datum energisch weiterverfolgt.»

«Wir werden Chile nicht den Bach runtergehen lassen. (...) Ich kann mir nicht vorstellen, warum wir ein Land in den Marxismus entlassen, nur weil seine Bevölkerung verantwortungslos ist.»

Henry Kissinger, 1970

Und der Wählerwille? «Wir werden Chile nicht den Bach runtergehen lassen. (...) Ich kann mir nicht vorstellen, warum wir ein Land in den Marxismus entlassen, nur weil seine Bevölkerung verantwortungslos ist», notiert Kissinger im Herbst 1970.

Und die Ermordung Tausender Sozialisten und Kommunisten unmittelbar nach dem Putsch? «Wie unerfreulich sie (die neuen Machthaber) auch immer vorgehen, ihre Regierung ist besser für uns, als Allende es war», antwortet er auf eine Frage im Nachrichtenmagazin «Newsweek».

Jahre später, 1976, als sich die Aufregung gelegt hatte und «Normalität» eingekehrt war, dankte der Friedensnobelpreisträger General Pinochet: «Es geht nicht darum, Sie zu schwächen, wir möchten Ihnen helfen. Mit dem Sturz Allendes haben Sie dem Westen einen grossen Dienst erwiesen. Andernfalls wäre Chile den Weg Kubas gegangen.»

Im Gegensatz zu Chile, Vietnam und anderen Verbrechen der US-Regierung bleibt die Öffentlichkeit bei Wladimir Putins völkerrechtswidrigen Aktionen in der Ukraine und auf der Krim und bei den zahlreichen Mordanschlägen gegen Kritiker seiner Politik auffallend ruhig. Ein paar Leserbriefe, ein paar zahnlose Communiqués. Kaum wirksame Sanktionen. Keine Demonstrationen.

Aber immerhin: auch kein Friedensnobelpreis für den «Wächter» des russischen Imperiums.

4 Kommentare
    Josephus Flavius

    Der Vergleich Putin / Kissinger ist ziemlich willkürlich, wie Gabor von Zoltan bereits richtig anmerkt. Abzuwägen gilt es eben auch, wie viele zivile Opfer aus den rund 70 Jahren kommunistischer Diktatur Vietnams, Kubas oder Nord-Koreas resultierten (abgesehen von der liquidierten allgemeinen Freiheit).